Sie hat es als eine „ganz komische Situation“ empfunden, fühlte sich „überfahren“, war im ersten Moment überfordert: Als Barbara Ziegler im Oktober den Telefonhörer abnahm und ein angeblicher Polizist ihr seltsame Fragen stellte, tat sie trotzdem das einzig Richtige: Sie legte irgendwann auf, wie viele Senioren vor ihr. Weil es aber immer noch zu viele gibt, die den sogenannten „Call-Center-Betrügern“ auf den Leim gehen, hat das Polizeipräsidium Unterfranken jetzt eine Kampagne gestartet, die genau das fordert, was Barbara Ziegler gemacht hat: Auflegen.

Dabei hadert die 70-Jährige heute mit ihrer Reaktion. „Vielleicht hätte ich den Anrufer noch mehr in die Enge treiben können“, ärgert sie sich, dass das Gespräch so schnell wieder beendet war. Sie habe den angeblichen Polizisten an der anderen Leitung gereizt, sei nicht auf seine Fragen eingegangen und habe ihn nicht ausreden lassen. Das wütende „Schnepfe!“ sei der Abschluss des Anrufs gewesen. „Ich habe im Nachhinein oft daran gedacht, dass ich ihm doch eine Falle hätte stellen können“, sagt die wanderfreudige Seniorin.

Von Alleingängen rät Joachim Strittmatter allerdings grundsätzlich ab. „Man sollte auf keinen Fall etwas riskieren, schon gar nicht ohne die Beteiligung der Polizei“, sagt der Leiter der Kriminalpolizeiinspektion Würzburg. Gerade hat er mit seinen Kollegen eine 47-jährige Geldbotin gestellt, die einer Seniorin nach einem solchen Anruf Geld abnehmen wollte. Leider könne die Polizei aus solchen Festnahmen nicht immer weiterführende Erkenntnisse für die Ermittlungen gegen die Drahtzieher gewinnen. Die sitzen oft im Ausland, rekrutieren Geldboten über soziale Netzwerke oder Stellenanzeigen im Internet. „Wie viele Informationen die Geldabholer haben, hängt davon ab, wie lange sie schon involviert sind“, weiß der Erste Kriminalhauptkommissar. „In der Regel sind sie aber leicht austauschbar und haben nur wenige Informationen.“ Natürlich könnten auch immer wieder neue Zusammenhänge hergestellt werden, so wie zuletzt in Nürnberg, als die Polizei Kontakte zu hochrangigen Mitgliedern der Betrügerbande bis in die Türkei ermitteln konnte. Im Verhältnis sei aber das Risiko, dass der Angerufene schwer geschädigt wird, wenn er den Täter mit einer Falle überführen will, viel höher als die Wahrscheinlichkeit, näher an die Drahtzieher heranzukommen – und dabei gehe es nicht nur um finanzielle, sondern auch um körperliche oder psychische Folgeschäden.

Darum rät das Polizeipräsidium Unterfranken nicht zuletzt in einer neuen, groß angelegten Öffentlichkeitskampagne: „Leg auf!“ Ziel dieser Kampagne sei es, ältere Menschen und ihre Angehörigen über Phänomene wie den „Enkeltrick“ oder auch „Falsche Polizeibeamte“ zu informieren und zu sensibilisieren, heißt es in der Pressemitteilung. „Allein im Jahr 2020 ist es in Unterfranken an jedem dritten Tag zu einem erfolgreichen Callcenterbetrug gekommen“, heißt es dort weiter. Sieben versuchte Taten zähle die Kriminalpolizei pro Tag. Vorbild ist die Präventionskampagne des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord vom November, die Klebe-Flyer an die Öffentlichkeit verteilt hatte. Die wiederum können Angehörige signalträchtig in der Nähe des Telefons positionieren und so ihre Senioren daran erinnern, wie sie sich in dieser Situation verhalten sollen. 100 000 Flyer werden außerdem auf den Dienst- und Beratungsstellen sowie in Apotheken verteilt. „Bitte unterstützen Sie uns und informieren Sie Ihre älteren Angehörigen und Bekannten über die Betrugsphänomene und unsere Präventionskampagne“, appelliert Philipp Hümmer in seinem Schreiben.

Das hat auch Barbara Ziegler in den letzten Wochen getan. Aus ihrem Umkreis kamen nämlich viele Reaktionen auf die Berichterstattung dieser Zeitung. „Mindestens vier oder fünf Bekannte haben mich angesprochen, dass sie auch angerufen wurden.“ Einmal sei es ein Polizist gewesen, ein anderes Mal die Nichte – deren Stimme die Angerufene nie zuvor gehört hatte. Immer hätten die Herren und Damen richtig reagiert, hätten sich nicht verunsichern lassen und aufgelegt. Barbara Ziegler wundert sich, dass es nach wie vor so viele Geschädigte gibt. „Da wird die Gutmütigkeit der Menschen schamlos ausgenutzt“, sagt die Seniorin und meint damit nicht nur ihre Altersgenossen, sondern auch die Handlanger, die für die großen Fische und ein paar Kröten ins kalte Wasser springen. „Im Moment gehen die Gauner eben andere Wege“, hat die Kitzingerin eine Erklärung für die Häufigkeit der Fälle gefunden. „Wenn sie nicht einbrechen können, versuchen sie es eben über das Telefon.“Joachim Strittmatter rechnet damit, dass solche Betrugsfälle auch in der nächsten Zeit die Arbeit der Kriminalpolizei begleiten werden. „Das oberste Gebot ist es, vorsichtig zu sein und nichts zu riskieren“, sagt der ehemalige Leiter der Kitzinger Polizeiinspektion. „Der Schutz der Mitbürger und ihres Eigentums steht an erster Stelle.“ Wer zu viel riskiere, gebe vielleicht Dinge preis, die er eigentlich gar nicht preisgeben möchte – wie zum Beispiel Kontodaten, die immer wieder missbraucht werden könnten. Aktionen, wie den Tätern eine Falle zu stellen, sollten unbedingt die Ausnahme bleiben. Angerufene sollten es lieber wie Barbara Ziegler halten. Und einfach auflegen.