Welche Gemeinde würde nicht von sich behaupten wollen, kinderfreundlich zu sein? Da werden Kindergärten neu- und ausgebaut, Spielplätze angelegt und Bikeparks geplant – aber reicht das schon, eine kinderfreundliche Kommune zu sein? In Kitzingen weiß man das inzwischen besser: Die Stadt hat sich beim Verein „Kinderfreundliche Kommunen e.V.“ darum beworben, auf genau diese Eigenschaft überprüft zu werden – und musste feststellen, dass dazu einiges mehr gehört, als „nur“ zu bauen.

Vielmehr geht es bei der Aktion darum, sich um die Baustellen der anderen Art zu kümmern. Stadtjugendpfleger Jochen Kulczynski ist schon seit Längerem damit beschäftigt, eben solche in Kitzingen aufzudecken. Im „Jungstil“ hat er den direkten Draht zu den Jugendlichen, kennt ihre Sorgen und Nöte. Für das Projekt „Kinderfreundliche Kommunen“ sind sie die wichtigsten Ansprechpartner. „Wir brauchen die junge Generation als Experten“, misst der Pädagoge der Meinung seiner Schützlinge eine hohe Bedeutung zu. „Sie wissen am Besten, wo sie Radwege brauchen, wo Hotspots fürs W-Lan eingerichtet werden müssen, wo es Schwierigkeiten gibt und wo sie sich gerne treffen. Es wäre schade, wenn man diese Kompetenz nicht nutzen würde.“ Kinder und Jugendliche seien schließlich die aktiven Bürger von morgen. Wer Beteiligung von Anfang an lerne, der werde sich auch später gerne für seine Gemeinde engagieren. Allerdings müsse man ihnen auch das Gefühl geben, mitreden zu dürfen. „Überall, wo sie sich ernst genommen fühlen, teilen sie ihre Ideen. Aber eben auch ihre Kritik.“

Genau dort setzt das Programm „Kinderfreundliche Kommunen“ an. Auf Grundlage der UN-Kinderrechtskonvention prüft es Gemeinden und Städte diesbezüglich auf Herz und Nieren. Gemeinsam mit der Kommune werden Maßnahmenkataloge erstellt, anhand deren sie innerhalb von drei Jahren ihre Kinderfreundlichkeit unter Beweis stellen können. Am Ende des Projekts steht die Zertifizierung. Am Anfang die Befragung möglichst aller Kitzinger Kinder und Jugendlichen.

Die soll in Zusammenarbeit mit den Schulen und Kindertagesstätten bewerkstelligt werden. Vergangene Woche hatte Kulczynski zu einem ersten Treffen mit den Schul- und Kindergartenleitern geladen – und stieß dabei auf breite Resonanz. „Sie haben – im Rahmen ihrer zeitlichen Kapazitäten – ihre Unterstützung zugesagt, finden das Vorhaben richtig und wichtig“, freut sich der Stadtjugendpfleger über den guten Start. Auch vom Landratsamt hat er Grünes Licht bekommen, man wolle ihn bei der aktuellen Datensammlung nach Kräften unterstützen.

„Wir brauchen die junge Generation als Experten.“
Jochen Kulczynski, Stadtjugendpfleger

Die Stadt Kitzingen steht mit ihrem Verwaltungsapparat ebenfalls voll hinter dem Projekt. Oberbürgermeister Stefan Güntner ist es nicht nur als Familienvater wichtig, dass Kinder und Jugendliche in „seiner“ Stadt Beachtung finden. Obwohl letztes Jahr die Contor GmbH in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift „KOMMUNAL“ bundesweit die Mittelstädte auf ihre Familienfreundlichkeit untersucht hatte und die Stadt Kitzingen einen beachtenswerten achten Platz belegte, ist sein sportlicher Ehrgeiz geweckt. „Das bedeutet, dass noch sieben andere vor uns liegen.“ Er gibt zu, dass mit der Ausweisung von neuen Baugebieten sowie der Bereitstellung von Krippen-, Kindergarten und Grundschulplätzen noch mehr für junge Familien getan werden könnte. Die Stadt sei diesbezüglich aber am „Aufbauen von Kapazitäten“. Im Bereich der weiterführenden Schulen sei man schon sehr gut aufgestellt, Kitzingen könne alle Schularten anbieten. Auch beim Vereinssport und anderen Freizeitaktivitäten fänden Kinder und Jugendliche eine große Vielfalt vor, mit Stadtjugendpflege und Familienstützpunkt habe man zwei hervorragende Anlaufstellen. Insgesamt gehe es aber darum, „die Stadt Kitzingen weiter voranzubringen“. Eine gründliche Bestandsaufnahme – auch aus Sicht der jüngsten Bürger – werde dabei sicher nicht schaden. „Jochen Kulczynski und das Jungstil-Team können sich meiner vollen Unterstützung sicher sein“, erklärt der Oberbürgermeister entschieden, sowohl als Berater als auch als Mehrheitsbeschaffer.

In einer ähnlichen Rolle sieht sich der Jugendreferent im Kitzinger Stadtrat, Dr. Stephan Küntzer. „In Kitzingen ist schon Vieles gut“, sagt der praktizierende Kinderarzt. „Aber wir müssen das Projekt Kinderfreundliche Kommune nutzen, um noch besser zu werden.“ Es werde schon viel getan und viel geboten, findet Küntzer und verweist zum Beispiel auf die lebhafte Schullandschaft, vor allem aber auch auf die weichen Standortfaktoren. Angebote wie die Stadtbücherei, die Musik- und Volkshochschule, die gepflegten Spiel- und Sportflächen, das alles mache eine Kommune attraktiv für Familien mit Kindern und werde in Kitzingen sehr gut angenommen. Allein das Bauvorhaben Jugendzentrum zeige, was die junge Generation der Stadt Kitzingen bedeutet. „Was dort entsteht, ist so viel mehr als nur ein Jugendhaus“, schwärmt Küntzer. „Es ist einer von vielen Bausteinen, die gemeinsam ein Bild davon ergeben, wie die Stadt Kitzingen Kinderfreundlichkeit lebt.“ Trotzdem sieht er einen gewissen Aufholbedarf. Und ist offen für Ideen. Die flächendeckende Befragung der Kinder und Jugendlichen hält er vor diesem Hintergrund für unerlässlich. Genauso wie die Pflicht der Stadt, dann auch dementsprechend zu handeln. „Leider liegt das, was man sagt, oft weit weg von dem, was getan wird“, bedauert er, dass so manche Anregung oder Initiative auch immer wieder mal im Sand verläuft. „Die Kinderrechte sind im Stadtrat noch nicht verankert – weder in den Köpfen der Mitglieder noch in den Statuten.“

„So stiftet man Identität. So sagen die Jugendlichen: Das ist unsere Stadt.“
Stephan Küntzer, Jugendreferent

Er würde gerne wieder einen Jugendstadtrat installiert sehen, die Kinder und Jugendlichen mehr beteiligen, ihnen Einblick geben, was ihre Gemeinde und die Verantwortlichen dort leisten. „So stiftet man Identität mit der Stadt. So sagen die Jungen früher oder später: Das ist unsere Stadt. Und ich will bei der Gestaltung dabei sein.“

Es müsse sich aber nicht nur in den Köpfen der Jugendlichen und der Verantwortlichen etwas ändern, sondern insgesamt. „Die Rechte der Kinder müssen noch viel präsenter werden“, fordert der Jugendreferent. Er könne es nicht nachvollziehen, dass sich Menschen über den Lärm in Kindergärten oder an Spielplätzen beschweren. Oder dass mit großem Aufwand eine U18-Wahl organisiert wird, die Jugendlichen aber ihre Wahlscheine nicht im Wahlbüro abgeben dürfen. „Da stößt man doch noch viel auf Unverständnis“, hat er nur ein Kopfschütteln übrig – und will dabei helfen, die Hürde in vielen Köpfen abzubauen. Was möglicherweise die größte Baustelle auf dem Weg Kitzingens zur Kinderfreundlichen Kommune werden dürfte.

Das Programm

Grundlage: Die UN-Kinderrechtskonvention dient als Grundlage für das Programm „Kinderfreundliche Kommunen“ des gleichnamigen Vereins. Es sieht vor, Städte und Gemeinden anhand eines gemeinsam erstellten Maßnahmenkatalogs auf ihre Kinderfreundlichkeit zu prüfen. Bedingungen: Folgende Eckpfeiler sind von den Städten und Gemeinden zu beachten: Vorrang des Kindeswohles durch Schaffung der entsprechenden Lebensbedingungen und Fokussierung im täglichen, politischen Handeln, Einrichtung niederschwelliger Anlaufstellen und die Möglichkeit, sich über Kinder- und Jugendparlamente zu beteiligen, Information und Unterstützung in verschiedenen Lebenslagen. Der Verein: Gegründet wurde der „Kinderfreundliche Kommunen e.V.“ im Februar 2012 und begleitet diese seitdem dabei, die UN-Kinderrechtskonvention in ihrem Umfeld umzusetzen. Seit Anfang 2017 fördert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) den Verein, um Kinderrechte nicht nur ins Blickfeld, sondern auch in die praktische Arbeit der Stadtverwaltung zu bringen. Mehr Info gibt es auf der Homepage unter www.kinderfreundliche-kommune.de