Marktbreit Dass er mal unter die Autoren geht, hätte Gerald Engist nicht gedacht. Und dass er mal ein eigenes Buch schreibt, erst Recht nicht. Jetzt ist sein Erstlingswerk auf dem Markt. „Die Kalkputzlüge“ könnte ein Krimi sein – ist aber ein Sachbuch. Der Handwerker aus Marktbreit möchte Häuslebauer sensibilisieren und warnen.

Wie sind Sie darauf gekommen, ein Buch über Kalkputz zu schreiben?

Engist: Seit mehr als drei Jahren betreibe ich einen Blog zu diesem Thema. Die Anfragen reißen nicht ab, ich bekomme im Schnitt zehn Mails pro Tag mit Fragen von Kunden. Also dachte ich: die Nachfrage ist auf jeden Fall da.

Und warum sprechen Sie von einer Lüge?

Engist: Weil die Angaben auf den Verpackungen nicht ehrlich sind. Bauherren glauben, dass sie reinen Kalkputz auf ihren Wänden haben, wenn sie entsprechendes Material einkaufen. In den allermeisten Fällen handelt es sich aber um Kalkzementputz.

Und?

Engist: Da sind chemische Zusätze enthalten die als „Zusätze zur besseren Verarbeitung“ angegeben werden. Wasserrückhaltemittel, Luftporenbildner, Haftmittel und andere Additive. Es gibt keine Vorgaben, wie viel Kalkhydrat in einem Kalkputz enthalten sein muss. Ich kann Putze nennen die gerade mal zwei Prozent Kalk und 20 Prozent Zement enthalten und die dennoch als Kalkputz verkauft werden.

Eine Irreführung der Kunden?

Engist: So sehe ich das. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Und das sollten die Verbraucher wissen.

Gibt es denn gesundheitliche Risiken durch die chemischen Zusatzstoffe?

Engist: Die Baustoffe von heute sind die Schadstoffe von morgen. Denken Sie an Asbest, Flammschutzmittel, Formaldehyd, Glykol und viele andere. All diese Stoffe wurden jahrelang bedenkenlos eingesetzt und sind heute als gesundheitsgefährdend eingestuft. Moderne Baustoffe sind keineswegs besser.

Nennen Sie ein Beispiel.

Engist: Es gibt keine Langzeitstudien und mir kommt es so vor, als bestünde von Seiten der Hersteller auch kein Interesse, solche Studien in Auftrag zu geben. Ein gutes Beispiel ist Asbest. Bereits 1943 wurde Asbestose als Berufskrankheit anerkannt und seit 1970 gelten Asbestfasern als krebserregend. Verboten wurde Asbest aber erst 1993. Mich macht es jedenfalls stutzig, dass die Krebserkrankungen seit den 90er Jahren signifikant steigen, dass rund 35 Millionen Menschen in Deutschland unter einer Allergie leiden und mehr als 600.000 Kinder und Jugendliche von ADHS betroffen sind.

Lassen sich gesundheitliche Auswirkungen von Putzen, die Zement oder chemische Zusätze enthalten, nachweisen?

Engist: Mich erreichen immer wieder Nachrichten von Menschen, die ihren vermeintlichen Kalkputz wieder entfernen mussten, weil sie auf die Inhaltsstoffe allergisch reagierten. Zudem verschlechtert Zement die Diffusionsfähigkeit des Materials.

Das heißt?

Engist: Ein Kalkputz gleicht die Luftfeuchtigkeit im Raum aus. Er nimmt Feuchtigkeit auf und gibt diese auch wieder ab und sorgt so für ein gleichbleibendes Raumklima. Ein Kalkputz mit Zement nimmt die Feuchtigkeit nicht so schnell auf wie ein reiner Kalkputz.

Wovon die meisten Verbraucher keine Ahnung haben.

Engist: Woher auch? Kalkputz wird als wohngesunder Baustoff beworben und verkauft, egal wie viel Zement oder chemische Zusatzstoffe enthalten sind. Um das hier ganz klar zu sagen: Natürlich sind alle Inhaltsstoffe zugelassen, alle Grenzwerte werden eingehalten.

Es handelt sich also vor allem um eine Lücke in der Deklaration?

Engist: Der Begriff „Kalkputz“ steht für einen gesunden Baustoff, der auch sehr nachgefragt wird von den Kunden. Die denken, dass da nur Kalk drin ist. Aber das stimmt nicht. Ich bin deshalb für eine Volldeklaration. Alle Inhaltsstoffe müssten angegeben werden.

Welche Vorteile bietet ein Kalkputz?

Engist: Der echte Kalkputz schafft ein hervorragendes Wohnklima. Durch die hohe Wasseraufnahmefähigkeit und den hohen pH-Wert verhindert er Schimmelbildung. Er reinigt die Innenluft und ist besonders für Allergiker geeignet. Zudem hält Kalkputz deutlich länger als andere Putzarten. Wenn es um Wohngesundheit und Nachhaltigkeit geht, ist Kalkputz einer der besten Baustoffe.

Kann man sich den echten Kalkputz denn leisten?

Engist: Im Einkauf kostet ein Kalkputz nicht mehr als ein Kalk-Zementputz. Die Verarbeitung ist allerdings etwas teurer. Man muss Abläufe und Trocknungszeiten einhalten und den Putz die ersten Tage mit Wasser versorgen, damit er abbinden kann. Deshalb ist die Verarbeitung ein wenig aufwändiger.

Wie wollen Sie gegen die „Kalkputzlüge“ weiter vorgehen?

Engist: Weiter informieren. Ich hatte auch schon mal eine Petition gestartet. Die wurde aber vom Petitionsausschuss abgelehnt. Also betreibe ich weiter meinen Blog und hoffe, dass sich möglichst viele Bauherren informieren – bevor sie mit den Arbeiten an den Wänden anfangen. Zudem bauen wir gerade ein Netzwerk, bestehend aus Verarbeiter, Hersteller und Architekten für wohngesunde Baustoffe auf.

Zur Person: Gerold Engist lebt mit seiner Frau und fünf Kindern in Marktbreit. Er ist Geschäftsführer eines Malerbetriebes und Naturbaustoffhandels.

Das Buch „Die Kalkputzlüge“ ist in den Buchhandlungen in der Region zu kaufen.