„Und dann musste ich stillstehen. Nackt, mit dem Gesicht zur Wand.“ Die Stimme von Jens Hase bricht. Er schluckt, konzentriert sich, bevor er weiterspricht. Die Kontrolle im Zug damals, vor 30 Jahren, war ein traumatisches Erlebnis. Sie hat bis heute nichts von ihrem Schrecken verloren – obwohl der ehemalige DDR-Bürger schon oft von seiner Flucht in die Prager Botschaft erzählt hat. So wie vergangene Woche im Kitzinger Armin-Knab-Gymnasium.

Die Schüler der 10. und 11. Jahrgangsstufe haben den Mauerfall nicht selbst erlebt, den „Sieg der Freiheit“, diesen emotionalen Moment, der, wie Rektorin Monika Rahner sagte, für Jubel und Freude über Ländergrenzen hinweg gesorgt hat. Die Fachschaft Geschichte am AKG wollte den Jugendlichen näher bringen, wie dieser Wandel für diejenigen verlaufen ist, die „innen“ saßen, die das Regime der DDR erlebt haben. Lehrer Matthias Menz hatte daher Jens Hase eingeladen, der den Schülern von seiner Jugend und seiner Flucht wenige Wochen vor der Maueröffnung erzählte.

Jens Hase wurde 1970 in Eisenach geboren, in Thüringen, nahe der hessischen Grenze. In der Schule war er zunächst gut, mochte das Zusammengehörigkeitsgefühl, das bei den Jungpionieren herrschte. Gleichzeitig aber gab ihm manches zu denken: Dass diejenigen, die keine Uniform trugen, nicht an Ausflügen teilnehmen durften oder schlechtere Noten bekamen. Zu erleben, wie ein Mitschüler beim wöchentlichen Fahnenappell wegen seiner dreckigen Fingernägel vor über 1000 Schülern bloßgestellt wurde, war „ein einschneidendes Erlebnis“.

„Was nimmt man mit, wenn man flieht? Man darf ja nicht auffallen.“
Jens Hase, flüchtete aus der DDR

Dass die Menschen aus dem Westen seine Feinde sein sollten, wo ihm die Touristen in Eisenach doch auf dem Schulweg immer mal Kaugummis oder eine Cola zusteckten, verunsicherte ihn. „Ich hab' überlegt, ob die Sachen vergiftet waren. Aber ich hab' sie trotzdem gegessen.“ Die Schüler müssen lachen, als er das sagt, und auch, als Hase weitererzählt. Es ist ein Lachen, das ihnen zugleich fast im Hals stecken bleibt, weil es für uns unvorstellbar ist, was er in der Schule erlebte: Beim Weitwurf im Sportunterricht wurde nicht mit Bällen geworfen, sondern mit Übungshandgranaten – blau für die Buben, rot für die Mädchen. So gar nicht mehr zum Lachen war dann das militärische Lager für die Jungs, wo mit echten Maschinengewehren auf Pappfiguren geschossen wurde. „Acht Schuss auf den Kopf, 20 aufs Herz. Wer den Klassenfeind getroffen hatte, wurde gelobt.“

Ab der 6. Klasse geriet Hase selbst in die verbale Schusslinie. Auf die Frage nach seinem Berufswunsch gab er an, dass er die Oberschule besuchen wolle. „Die haben nur gelacht“, erzählt der 49-Jährige, „und gesagt, ich darf nur ins Automobilwerk.“ Der Grund: Die Eltern waren weder linientreu noch in der SED. Hase rebellierte. Die Noten fielen ab, er ließ die Haare wachsen, färbte seine Kleidung lila. Jetzt war er es, der ganz hinten saß und von Lehrern bloßgestellt wurde.

Die Nähe zu Thüringen ermöglichte es der Familie, heimlich Westfernsehen zu schauen. Er konnte die Nachrichten vergleichen, wusste, dass es hinter dem „antifaschistischem Schutzwall“, der Mauer, nicht so ablief, wie die Offiziellen behaupteten. Als Jens Hases Vater 1989 schwer krank wurde und die Ärzte sagten, er habe nicht mehr lange zu leben, reifte daher bei den Eltern die Idee, einen Ausreiseantrag zu stellen. „Macht mal, ich komm dann nach“, dachte der 19-Jährige damals. Dass schon zwei Wochen später, im Juli 1989, zwei Männer in der Wohnung stehen würden und den Eltern 24 Stunden Zeit gaben, das Land zu verlassen, hätte er nie für möglich gehalten – und auch nicht, dass er zurückbleiben musste. „Da ist meine Welt zusammengebrochen.“ Man sei für ihn da, bekam er auf der Arbeit gesagt, er solle nur ein paar Informationen über seine Freunde liefern. Doch für die Stasi zu arbeiten, kam für ihn nicht in Frage. Die Idee zur Flucht reifte.

Im Westfernsehen sah er im September Menschen, die sich in die Botschaft in Prag geflüchtet hatten. Da wollte Hase hin. Er beantragte ein Visum, das wurde abgelehnt. Er packte seinen Rucksack. „Aber was nimmt man mit, wenn man flieht? Man darf ja nicht auffallen.“ Also nur ein paar Klamotten und ein bisschen Geld. Am nächsten Tag kaufte er eine Fahrkarte nach Prag. Im Zug wurde er von einer DDR-Zöllnerin kontrolliert – und stellte fest, dass er einen Fehler begangen hatte: „Ich hatte mir keine Geschichte überlegt, warum ich in dem Zug sitze.“ Er erzählte etwas von Kumpels, die Frau glaubte ihm nicht. Sie drückte ihn in die Toilette, er musste sich ausziehen, an die Wand starren, musste eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen. „Ich bin nicht gläubig, aber da habe ich gebetet.“ Irgendwann sprach ein Mann die Zöllnerin an, die Frau verschwand, stieg aus. „Ich war völlig fertig.“ Für Hase war zu dem Zeitpunkt klar, dass er wieder zurück fährt. „Ich wusste ja nicht, was da noch auf mich zukommt.“ In Prag angekommen, lief der 19-Jährige stundenlang durch die Stadt, machte sich schließlich doch auf die Suche nach der deutschen Botschaft.

„Immer, wenn der Zug langsamer wurde, brach Panik aus.“
Jens Hase, über die Fahrt nach Hof

Er traf andere, die dort ebenfalls hin wollten, lief mit ihnen vor bewaffneten Polizisten davon und schaffte es gerade noch, über den Botschaftszaun zu klettern. „Willkommen in Deutschland“, mit diesem Satz wurde er empfangen. „Ich habe mich nie freier gefühlt als damals, im Schlamm liegend in einem eingezäunten Grundstück in einem sozialistischen Staat.“ Immer mehr Menschen flohen in die Botschaft. Jens Hase half vielen über den Zaun, feuerte sie an, litt mit jenen, die es nicht schafften und festgenommen wurden. 4500 Menschen waren auf dem Grundstück, als am 30. September der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher ihnen mitteilte, dass sie ausreisen dürfen. Die Bedingung: die Sonderzüge mussten durch die DDR fahren. Eine Horrorvorstellung für die meisten. „Immer, wenn der Zug langsamer wurde oder anhielt, brach Panik aus.“ Ihre Ausweise mussten die Flüchtenden auf DDR-Gebiet noch abgeben. „Als wir dann über die Grenze fuhren, hat der ganze Zug gebebt. In Hof haben uns die Leute empfangen und mit uns gefeiert.“ Hase selbst war da noch nicht zum Feiern zumute, er wollte zu seinen Eltern. Die Bahnhofsmission half bei der Suche. Er fuhr mit dem Zug und dem Taxi, dessen Kosten der Fahrer übernahm, und konnte endlich seine Eltern in die Arme schließen – die Mutter und den Vater, der noch 28 Jahre weiterlebte.

Jens Hase hat seine Geschichte schon oft erzählt, seit etwa zehn Jahren hält er Vorträge in Schulen. Langweilig wird das ihm nie, sagt er auf Frage eines Schülers. Weil die Geschehnisse sein Leben geprägt haben. Weil er der Jugend vermitteln möchte, dass es nicht selbstverständlich ist, in einer Demokratie zu leben, wählen zu dürfen, sich den Beruf aussuchen zu können. Und weil er so einen Herzenswunsch an die Schüler weitergeben kann: „Ich wünsche mir, dass Eure Generation nicht mehr in Wessis und Ossis trennt.“