Die Worte „Gratwanderung“ und „Balance“ fallen oft. Der Wunsch nach mehr Rechtssicherheit wird laut. Über allem schwebt die Angst, dass es wieder zu einem Lockdown kommen kann. In den Altenheimen gibt es aber auch Hoffnung.

„Wir befinden uns mitten in einem Marathon“, sagt Helmut Witt. Der Betreiber des Altenheims „Haus der Pflege“ in Sickershausen weiß genau: Der Kampf gegen Corona ist längst nicht gewonnen. Er merkt aber auch: Die Geduld ist nicht unendlich.

Gerade bei den Angehörigen. Von vollem Verständnis bis hin zu Aggressionen reichen deren Reaktionen, wenn es um die Besuchszeiten ihrer Verwandten in der Einrichtung geht. Witt und seine Mitarbeiter müssen dabei täglich einen Balance-Akt hinbekommen.

„Die Leute merken anscheinend, dass es doch nicht vorbei ist.“
Volker Göbel, Diakonie

Einerseits muss den Bewohnern die größtmögliche Sicherheit geboten werden.

Andererseits sind auch Kontakte zu den Angehörigen wichtig. Bislang durften zwei Besucher zweimal pro Woche je 30 Minuten zu ihren Angehörigen. Mehr als 180 Menschen sind auf diese Weise pro Woche ins Seniorenheim gekommen – und mussten vorher die notwendigen Hygienemaßnahmen durchlaufen. „Eine logistische Herausforderung“, sagt Witt. Seit die Corona-Ampel auf Rot steht, hat er die Besuchszeiten halbiert. Nur noch ein Angehöriger darf pro Woche für eine halbe Stunde kommen.

Grundsätzlich darf jeder Bewohner pro Tag einen Angehörigen empfangen. So steht es in der Verfügung des Freistaates.

Wie diese Vorgabe mit Leben ausgefüllt wird, ist Sache der jeweiligen Einrichtung. „Und die trägt die volle Verantwortung“, betont Volker Göbel von der Diakonie in Schweinfurt. Mit dem Mühlenpark und dem Mainblick betreibt die Diakonie zwei stationäre Einrichtungen in Kitzingen. Je nach den räumlichen Gegebenheiten und der Zahl der Mitarbeiter sind die Regeln für die Besucher erstellt worden. „Wir geben nur eine grobe Marschrichtung vor“, erklärt Göbel.

Von den Mitarbeitern vor Ort hat er ebenfalls die Rückmeldung erhalten, dass die Geduld vieler Besucher am Limit war. Etliche hätten sich nicht mehr an die Besuchsregeln gehalten. Mit den gestiegenen Zahlen der letzten Tage sei dieser Trend wieder rückläufig. „Die Leute merken anscheinend, dass es doch nicht vorbei ist.“ Den Mitarbeitern vor Ort verlangt die Corona-Krise eine große Flexibilität ab. „Sie müssen ständig gezielt auf die aktuellen Entwicklungen reagieren“, sagt Göbel. Von der Politik wünscht er sich deshalb, dass nicht jede Woche neue Regelungen verabschiedet werden. Regelungen, die dann doch sehr weit gegriffen sind. „Wir brauchen mehr Rechtssicherheit vor Ort“, fordert er. Andererseits bräuchten die Einrichtungen auch mehr Handlungsfreiheit. „Wir sind es schließlich, die schnell reagieren müssen, ohne die Sicherheit unserer Bewohner zu gefährden.“ Ein schmaler Grat, auf dem sich derzeit alle Träger bewegen. Das sieht auch Dr. Sebastian Schoknecht so. Der Pressesprecher der Caritas in Unterfranken erinnert an das Frühjahr und die Corona-Fälle in Würzburger Seniorenheimen. „Wir haben viel daraus gelernt“, versichert er. Eines sei allen Entscheidungsträgern in seinem Haus bewusst: Eine Isolation der Bewohner wolle man auf keinen Fall noch mal haben. „Das war eine Katastrophe.“ In den nächsten Wochen und Monaten gelte es, äußerste Vorsicht walten zu lassen, damit Corona in keinem Heim ausbrechen kann. Gleichzeitig bräuchten die Bewohner den sozialen Kontakt.

Schoknecht appelliert deshalb auch an die Einsicht der Angehörigen, die jeweiligen Regeln vor Ort zu beachten. In Marktbreit und in der Kitzinger Siedlung betreibt die AWO jeweils ein Seniorenheim. Pro Tag darf eine Person für eine halbe Stunde zu Besuch kommen – nach Voranmeldung. Auf die Station darf allerdings niemand. In der Aula beziehungsweise im Speisesaal sind Begegnungsmöglichkeiten geschaffen worden.

„Wir wollen die Besucherkontakte auf keinen Fall wieder auf Null herunterfahren“, betont der stellvertretende Vorsitzende des AWO-Bezirksverbandes, Gerald Möhrlein. Grundsätzlich seien die Bewohner relativ sicher – wie überall, wo es professionelle Hygienekonzepte gibt. Möhrlein weiß aber auch: Über die Mitarbeiter und die Besucher könnte das Virus am ehesten ins Heim eindringen.

„Wir wollen die Besucherkontakte auf keinen Fall wieder auf Null herunterfahren.“
Gerald Möhrlein, AWO

„Deshalb bräuchten wir dringend Schnelltests.“ Nach seinem Kenntnisstand gibt es aber immer noch viel zu wenige auf dem Markt.

Helmut Witt hat nichtsdestotrotz sein Konzept für den Einsatz des so genannten PoC (Point-of-Care) Antigen-Tests Ende letzter Woche beim Gesundheitsamt eingereicht. Der Vorteil: Innerhalb von 20 Minuten läge mit diesem Instrument ein Ergebnis vor. Beim gängigen Corona-Test liegt die Wartezeit bei rund 48 Stunden. „In der Zwischenzeit sitzen alle Betroffenen und möglichen Beteiligten wie auf Kohle“, beschreibt der Sickershäuser das Dilemma. Sowohl die Mitarbeiter, als auch die Besucher könnten getestet werden – ebenfalls mit einem Rachenabstrich. „Meine Mitarbeiter bräuchten dafür lediglich eine kurze Einweisung“, sagt Witt. „Ich warte nur noch auf die Genehmigung.“