Es war anders geplant. Helen Niemeyer und Emil Perchuc wollten ein Jahr lang durch Europa reisen. Stattdessen stehen die beiden 30-Jährigen aus dem Raum Göttingen jetzt im Weinberg von Nicolas Olinger oberhalb von Iphofen und brechen Triebe aus den Stöcken. Eine Zusammenarbeit, die über das Projekt „Das Land hilft” zustande gekommen ist. Beide Seiten profitieren.

Nicolas Olinger ist begeistert von seinen drei neuen Mitarbeitern, die interessiert und lernbereit sind. Die täglich ab dem frühen Morgen mit ihm zwischen den Zeilen stehen, Rebe für Rebe betrachten und mit wenigen Handgriffen für besseres Wachstum sorgen. Die in kurzer Zeit gelernt haben, welche Triebe die wichtigen sind, weil sie problemlos verstehen, was er sagt. In früheren Jahren stand er zu dieser Zeit mit rumänischen Arbeitern im Weinberg, erklärte mit Händen und Füßen.

Wegen der Corona-Krise konnte der Winzer, ebenso wie viele andere Weinbaubetriebe, Spargel- und Gemüsebauern sowie Landwirte nicht auf die Kräfte aus Osteuropa zugreifen und blickte daher mit Sorgenfalten in die Zukunft. Die Helfer durften zunächst nicht ins Land, es war unklar, woher die Betriebe Mitarbeiter bekommen sollten. Daraufhin wurden Portale ins Leben gerufen, die Abhilfe schaffen sollten, unter anderem „Das Land hilft“. Es wird gemeinsam vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und den Maschinenringen betrieben und bringt Betriebe, die Mitarbeiter brauchen, und Leute, die Arbeit suchen, zusammen.

„Ich dachte, das probiere ich mal. Da kann ja nicht viel schiefgehen“, sagt der junge Winzer, der in Iphofen das Weingut Gebrüder Müller betreibt. An einem Freitag hat er sich angemeldet, am Sonntag waren schon die ersten Anfragen da. Über 30 Männer und Frauen haben sich insgesamt gemeldet, aus ganz Deutschland. Olinger hat die Anfragen ein paar Tage lang gesammelt und dann Kontakt zu den Leuten aufgenommen, die seiner Ansicht nach infrage kamen.

Als das Programm gestartet wurde, gab es zunächst mehr Hilfswillige als Betriebe, erzählt Manuel Burger. Er ist Geschäftsführer des Maschinenrings Franken-Mitte und damit für die Betriebe im südöstlichen Landkreis Kitzingen zuständig. „Sogar aus Potsdam haben die Leute angerufen.“ Sowohl Arbeitssuchende als auch Betriebe hat er gebeten, sich auf dem Portal anzumelden, denn der Maschinenring vermittelt die Arbeitsverhältnisse nicht, das müssen beide Seiten alleine miteinander ausmachen. Genaue Beschreibungen helfen, den jeweils passenden Partner zu finden. Aus den Einträgen der Betriebe wird ersichtlich, wo sie sich befinden, wie viele Helfer wann und wofür gebraucht werden. Auf denen der Jobsuchenden ist zu sehen, wann sie wo eingesetzt werden können.

Es passt nicht immer zusammen

Dass das nicht immer zusammenpasst, stellte nicht nur Manuel Burger fest, sondern auch die Geschäftsführer der beiden anderen Maschinenringe, die, bedingt durch die Aufteilung in Altlandkreise, für Betriebe im Landkreis Kitzingen zuständig sind. „Will jemand Spargel stechen und kann nur einen Tag, wird es schwierig“, erklärt Michael Mikus vom Maschinenring Gerolzhofen. Der Spargelbauer braucht Leute, die während der Erntesaison möglichst jeden Tag aufs Feld kommen. Auch Jutta Michel vom Maschinenring Maindreieck schüttelte bei manchen Anfragen schon mal den Kopf. „Da haben Leute aus Berlin angerufen, die einen Vormittag und einen Nachmittag helfen könnten.“ Für die kommt der Landkreis Kitzingen natürlich nicht in Frage. Michel hat ihnen dann erst mal erklärt, dass sie lieber in ihrer eigenen Region suchen sollen. Gerade die Entfernung ist eine Hürde. Nicht nur wegen zu geringer Einsatzzeiten. „Wir hatten Leute, die helfen wollten, aber von weiter weg kommen und eine Unterkunft gebraucht hätten”, so Michael Mikus. Die aber kann nicht jeder Landwirt, Gärtner oder Winzer bieten. Ein weiteres Hemmnis tat sich in einem anderen Fall auf: Bei Manuel Burger gingen Anfragen von Personalleasingfirmen ein. Deren osteuropäischen Arbeiter sind sonst in der Industrie tätig, hatten wegen Kurzarbeit keine Einsatzmöglichkeiten. 100 Einsatzkräfte auf einen Schlag für die Landwirtschaft? „Aber die hätten erst mal in Quarantäne gemusst.“

Auch wenn es einige Hürden gibt, so bewerten doch alle drei Maschinenring-Geschäftsführer im Landkreis das Angebot positiv. „Es wurde von erstaunlich vielen Mitgliedern nachgefragt“, erzählt Jutta Michel und auch die Zahl der Hilfsangebote war in der Anfangszeit hoch. Vom Studenten bis zum Eventmanager aus den USA haben sich die unterschiedlichsten Leute bei ihr gemeldet. Wie viele Kooperationen letztendlich entstanden sind, können die Drei nicht sagen, weil es keine Pflicht zur Rückmeldung gibt. Nur vereinzelt erfahren die Geschäftsführer, wo es geklappt hat. So berichtet Michael Mikus von mehreren Spargelbauern, die Mitarbeiter fanden, und Jutta Michel weiß, dass ein Biobetrieb alle acht Helfer, die er zur Arbeit auf den Zuckerrübenfeldern braucht, über das Portal bekommen hat. Gemerkt haben die drei, dass die Wertschätzung der Bürger für die Landwirtschaft durch die Krise gestiegen ist. „Die Leute denken wieder mehr darüber nach, wie wichtig die Versorgung mit heimischen Lebensmitteln ist“, sagt Manuel Burger. Sonst erhalte er immer mal Beschwerdeanrufe, wenn Landwirte mähen oder ihre Felder spritzen. „Seit Corona hatte ich keinen einzigen Anruf. Stattdessen haben Bürger gefragt, ob es genug Getreide gibt und es haben sich Leute gemeldet, die sich um die Trockenheit sorgen.“

Voneinander lernen

Wie viel Arbeit in der Landwirtschaft steckt, ist auch den neuen Mitarbeitern von Nicolas Olinger bewusster geworden. „Die Wahrnehmung hat sich verändert“, sagt Daiva Kikutyte. Die Erziehungswissenschaftlerin stammt aus Litauen, lebt aber in Iphofen, so dass es sich angeboten hat, dass sie vor Ort mit anpackt. Ihre Großeltern hatten Landwirtschaft, sie selbst aber hatte bislang noch nie in den Weinbergen gearbeitet.

Die Arbeit macht ihr Spaß: „Was wir in den paar Tagen schon gelernt haben, ist erstaunlich.“ An die körperliche Belastung hat sie sich schnell gewöhnt, genauso wie Helen Niemeyer und Emil Perchuc. Für die Beiden hat Nicolas Olinger sich entschieden, weil sie mit dem Camper in Europa unterwegs waren. „Das fand ich cool“, sagt Olinger, der vor einigen Jahren selbst zum Work-and-Travel in Neuseeland war. Dass beide, die in der Zwangspause lieber arbeiten wollen, statt nur herumzusitzen, Agrarwissenschaftler sind, passt gut. „Da kann man voneinander lernen“, findet der Winzer. Etwa 20 Betriebe hatte das Paar auf „Das Land hilft“, angeschrieben. „Vom Spargelbauern bis zum Gurkenflieger.“ Dass es nun ein Winzer in Iphofen geworden ist, gefällt beiden. Drei Monate wollen sie bleiben und in den Weinbergen arbeiten, „gerne auch länger“, sagt Helen Niemeyer. In der Zeit werden sie des Öfteren mit einem Schoppen auf die Zusammenarbeit anstoßen, und dabei, so Emil Perchuc, „daran denken, wie viel Arbeit in so einem Glas Wein steckt.“