Etwa 150 Stufen führen in den Glockenturm der evangelischen Stadtkirche in Kitzingen. Oben angekommen, ist einem ganz schön schwindlig. Die enge Wendeltreppe fordert ihren Tribut. Reinhold Rittmeier und Jochen Friedrich müssen allerdings absolut schwindelfrei sein. Ihr Arbeitsplatz liegt rund 33 Meter über dem Asphalt.

„Pass mal auf, dass da unten keiner läuft“, sagt Rittmeier in sein Walkie-Talkie. „Alles klar hier unten“, kommt die Antwort vom Kranfahrer. Ganz langsam lässt Rittmeier den mehr als 200 Kilogramm schweren Klöppel über die Öffnung ziehen. Noch ein kleiner Ruck, dann schwebt das Teil, sicher an mehreren Eisengurten befestigt, langsam in Richtung Boden.

Luxemburg, Österreich, sogar einmal Rumänien: Rittmeier ist ganz schön herumgekommen in seinem Berufsleben. Für die Biberacher Firma Hörz baut er zusammen mit seinem Kollegen Friedrich Kirchenglocken, Klöppel oder Kirchturmuhren aus und wieder ein.

Bereits um 7.30 Uhr haben die Vorbereitungen begonnen. Der Spezialkran hat in der Zufahrt zur St. Hedwig-Schule Position bezogen, die Luke zum Glockenturm ist geöffnet worden. Fünf Glocken hängen dort, die größte, die so genannte „1er-Glocke“ wiegt mehr als fünf Tonnen. „Die ist beim Hochziehen mal runtergeflogen“, erinnert Rittmeier und zeigt auf ein fehlendes Stück am unteren Rand der imposanten Glocke. Jetzt braucht sie einen neuen Klöppel. Beim alten ist die Aufhängung nach und nach kaputt gegangen. Das Risiko war zu groß, dass der Klöppel sich selbstständig macht und Teile des Dachbodens zerstört. Ein neuer Klöppel ist deshalb nach den Ausmaßen des alten gefertigt worden: Rund zwei Meter hoch, fast 400 Kilogramm schwer. „Aber aus weicherem Eisen“, erklärt Friedrich. „Das schont auf Zeit die Glocke.“

Bevor der neue Klöppel eingebaut werden kann, müssen allerdings erst ein paar „Altlasten“ zu Boden gebracht werden. Zwei alte Klöppel, die vor Jahren ausgewechselt wurden, liegen noch auf dem Boden des Glockenturmes herum, daneben ein rund 200 Kilogramm schwerer Schlaghammer. Dann bauen Rittmeier und Friedrich den schadhaften „1er-Klöppel“ aus und machen sich daran, das neue Stück einzupassen.

Um 21 Uhr ertönt normalerweise die „1er-Glocke“ vom evangelischen Kirchturm. Ein paar Wochen war sie jetzt außer Betrieb. „Gerade die älteren Kitzinger haben schon gefragt, warum die Glocke nicht mehr schlägt“, berichtet Hausmeister Michael Scherz. Ab sofort wird die größte Glocke im Kirchenturm wieder ihren Dienst tun – und wer weiß: Vielleicht bemerken die ganz feinen Kitzinger Ohren, dass ein neuer Klöppel ab sofort den Ton angibt.