Syrien, Afghanistan, Ukraine, Aserbaidschan, Irak... Es ist eine Aufzählung von Krisen- und Kriegsgebieten in der Welt. Doch hier, weitab von ihren Heimat, stehen diese und weitere Nationen für ein gemeinsames, friedliches Projekt: die Integrativen Gärten auf dem Gartenschaugelände in Kitzingen.

Noch ist das Bild ein wenig trist: braune Erde, wenig Grün, kaum bunte Farbtupfer. Doch schon bald wird sich das ändern. Die Gärtner aus aller Herren Länder beginnen in diesen Frühlingstagen, ihre „Claims“ nahe des Etwashäuser Mainufers zu bestellen. Wenige Quadratmeter Fläche, über die sie frei verfügen können. Ein paar Quadratmeter, die ihnen weit mehr bedeuten, als die meisten Deutschen erahnen. „Das Stück Garten ist meine Heimat“, sagt Jasmin Karimi. Sie stammt aus Afghanistan, einem Land, das schon seit 1978 von bewaffneten Konflikten geprägt ist. Tomaten baut sie auf dem kleinen Stückchen Land an, Gurken, Zucchini und Bohnen, „aber auch mein Knoblauchkraut. Wir lieben das!“ Ihre Augen strahlen, wenn sie von ihrem Garten spricht.

Astrid Glos weiß, warum die Gärten den Menschen, die sie bewirtschaften, so wichtig sind: Sie haben etwas Eigenes – aber auch eine Verbindung nach Hause durch das Anbauen von Obst und Gemüse, das typisch ist für ihre Heimat. Glos hat das Projekt 2012 ins Leben gerufen. Damals, ein Jahr nach der Gartenschau „Natur in Kitzingen“, ging es darum, eine Nachnutzung für einen Teil der riesigen Fläche zu finden. Christa Heinrich vom Eine-Welt-Laden wandte sich mit der Idee für internationale Gärten an die Integrationsbeauftragte im Kitzinger Stadtrat, Astrid Glos. Und die wurde tätig, erzählte unter anderem im Internationalen Frauentreff von der Idee und hatte schnell zahlreiche Interessenten beisammen.

„Wenn wir ein gutes Miteinander haben wollen, müssen wir Begegnungen ermöglichen.“

Astrid Glos, Organisatorin der

Integrativen Gärten

Ein Jahr später, im Frühjahr 2013, trafen sich alle am Etwashäuser Mainufer. Glos steckte, mit Stickel und Hammer ausgerüstet, die etwa vier Meter langen „Claims“ ab, jeder bekam einen Bereich zugeteilt. Dass diese inzwischen durch niedrige Zäune abgegrenzt sind, war zwar so nicht geplant, ist aber wenig verwunderlich, weil sich ab und an jemand an der Ernte bediente. An der Idee, sich friedlich zu begegnen, sich anzufreunden, Erfahrungen, aber auch Saatgut auszutauschen, haben die Einfriedungen nichts geändert. Wobei der Tausch vor ein paar Jahren deutlich intensiver betrieben wurde, also noch Peruaner und Brasilianer mitgemacht haben.

„Zur Hoch-Zeit waren hier 13 verschiedene Nationen tätig“, erzählt Bürgermeisterin Astrid Glos, die das Projekt nach wie vor betreut. Momentan sind dort Syrer, Türken, Vietnamesen, Russen, Ukrainer, Menschen aus dem Iran, Irak, Aserbaidschan und Afghanistan aktiv. Sie wohnen teils im Corlette Circle oder im Innopark, manche aber auch in der Stadt oder in Etwashausen. Glos ist es wichtig, dass Deutsche bei dem Projekt mitmachen. So gehört auch ein fränkischer Bauerngarten zum Projekt, der von Familie Neeser bewirtschaftet wird, eine weitere deutsche Familie bepflanzt ebenfalls eine Parzelle.

„Frau Astrid“, wie sie von den meisten Familien genannt wird, schaut regelmäßig nach dem Rechten und kann sich dann über eine herzliche Begrüßung und oft auch Kostproben freuen. „Ich muss immer was probieren“, erzählt sie lachend. Eine interessante Erfahrung, denn viele der Gärtner haben sich aus der Heimat landestypisches Saatgut besorgt. Die Bandbreite dessen, was da am Etwashäuser Mainufer wächst, ist daher groß. Allerdings achtet Glos bei ihren Besuchen auch darauf, ob alle sich an die Regeln halten. „Wenn jemand andere tyrannisiert, verliert er seine Parzelle.“ Da kennt sie kein Pardon.

Die Vielfalt der in den Integrativen Gärten angebauten Produkte hat auch der ehemalige Regierungspräsident Paul Beinhofer schon kennengelernt: Als die Regierung von Unterfranken das Kitzinger Projekt 2014 mit dem Integrationspreis auszeichnete, hatte der Iraker Abdolzahra Hassan einen ganzen Korb voller Produkte mitgebracht, die von der bunt gemischten Gemeinschaft in Etwashausen angebaut wurden. Ein Preis, auf den Astrid Glos und die ganze Gruppe auch heute noch stolz ist.

Meist sind es die Männer, die in den Gärten werkeln, berichtet Astrid Glos, die Frauen sitzen oft auf Stühlen daneben, man plaudert, tauscht sich über den Gartenzaun aus. Angebaut wird für den Eigenbedarf. Die kleinen Stückchen Heimat sind beliebt, und wenn ab und an mal einer seines nicht mehr nutzen will oder kann, weil er wegzieht, ist schnell ein Nachfolger gefunden. „Ich habe immer vier, fünf Leute auf der Liste, die mitmachen wollen“, berichtet Astrid Glos. Das Feld darf kostenfrei genutzt werden, auch Wasser und Gerätschaften stehen zur Verfügung. „Dafür bin ich der Stadt sehr dankbar“, betont Glos. Es ist ihr wichtig, das Angebot niederschwellig zu halten. Schließlich ist gewünscht, dass viele Nationen mitmachen. „Wenn wir ein gutes Miteinander haben wollen, müssen wir Begegnungen ermöglichen.“

So kann man die Worte „KuM Hortas“, die auf einem Schild bei den Integrativen Gärten stehen, durchaus auch im übertragenen Sinne verstehen. Hortas ist spanisch für Garten. Soweit, so klar. KuM steht für Kitzingen und Migration, heißt auf Jabim, der Sprache in Neuguinea, aber ebenfalls Garten. Und wer es rein fränkisch nimmt, der fordert mit „kum“ dazu auf, einfach mal vorbeizukommen und reinzuschnuppern in die vielfältige Gartenwelt. Denn beim internationalen Treffpunkt am Etwashäuser Mainufer ist jeder willkommen, dem es um ein friedliches Miteinander geht.