Das Auslandsgeschäft fing für Frank Ackermann in Düsseldorf an. „Natürlich ist das Rheinland kein echtes Ausland“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. „Aber die Herausforderungen waren damals vergleichbar mit denen, die wir heute in Usbekistan oder im Oman haben.“

Der Export ist für die Wiesenbronner Schreinerei, die zu den drei größten Betrieben dieser Branche in Mainfranken gehört, ein Zusatzgeschäft, eine Herausforderung für die Mitarbeiter und vor allem ein großes Experimentierfeld. „Vom Umsatz her bringen uns die Aufträge aus dem Ausland noch nicht so viel“, sagt Frank Ackermann, der die Firma 2001 von seinem Vater übernommen hat. „Aber sie bringen uns an unsere Grenzen. Wir müssen immer wieder neu überlegen, neue Herangehensweisen entwickeln.“

Wie sieht er dann aus, der ideale Auslandsauftrag? Frank Ackermann muss nicht lange überlegen: „Kompliziert muss er sein, der Zeitrahmen eng und am besten haben schon drei Mitbewerber abgelehnt. Dann ist es für uns genau das Richtige.“ So können sich seine Mitarbeiter am besten weiterentwickeln. Denn eines ist der Export für den Geschäftsführer vor allen Dingen: Ein großes Lernfeld. Das kreative Potenzial, das bei diesen Aufgaben freigesetzt wird, hilft dem Unternehmen auch in der Heimat. Bei den Aufträgen, die den Gewinn erwirtschaften.

Düsseldorf Mitte der 80er Jahre: Hier hat Frank Ackermann als frisch ausgelernter Lehrling seine ersten „Auslandserfahrungen“ gemacht. Mit der Unternehmerfamilie Henkel hatte sein Vater schon Beziehungen geknüpft. Der junge Frank Ackermann sollte beim Umbau einer Villa seine Ideen einbringen. Wenig später bekam er einen Auftrag von dem Kunstsammler Brandhorst in München. „Ich habe von diesen Aufgaben überdurchschnittlich profitiert“, sagt er heute. Die Erfahrung mit neuen Materialien wie Multiplex oder Wenge – einem dunklen Holz, das wenig später zum Trend werden sollte – hätte er in Mainfranken erst viel später gemacht.

Die Flexibilität der Wiesenbronner Firma sprach sich herum. Ein international agierender Lederfabrikant fragte wegen seiner Villa in München an, wenig später vergab er an die Firma Ackermann den ersten echten Auslandsauftrag. „Wir bauten sein Ladengeschäft in Paris um“, erinnert sich Frank Ackermann. Während dieser Arbeiten stellte der Unternehmer gleich die nächste Anfrage. Sein Privathaus in der Nähe von New York könne ebenfalls einen deutschen Schreiner vertragen. „Das war schon abenteuerlich“, erinnert sich Ackermann. Sein Mitarbeiter bekam einen Flug von Paris über München nach New York gebucht. „Früh um 2 Uhr sind wir nach München gefahren, um ihm frische Klamotten und vor allem seinen Reisepass zu bringen“, erzählt der Firmenchef. Dessen Lehre aus dieser Episode: Wenn du einen Zipfel einer Chance siehst, dann solltest du ihn ergreifen – und auf keinen Fall ängstlich sein.

Der Mut und die Offenheit haben sich schon mehrfach ausgezahlt. Ein Schreinerkollege aus Kanada hat sich den Betrieb in Wiesenbronn angeschaut, wenig später kam der Auftrag für den Bau einer Theke in Form eines Backenzahns in New York, an der Südspitze von Manhattan. Der Architekt war zufrieden und empfahl die Firma einem Kollegen. Und wieder betrat Ackermann Neuland: „Wir sollten für die Elbphilharmonie in Hamburg ein Akustikmodell bauen“, erinnert er sich. „Wir holten uns eine blutige Nase.“ Mit einem fünfstelligen Verlust ging Ackermann aus dem Auftrag hinaus. Auf der anderen Seite hatte er sich neues, wertvolles Wissen angeeignet. „Wir wussten jetzt, wie man so ein Projekt kalkuliert, welche Maschinen gebraucht werden und wie die Arbeit zu stemmen ist. “ Der japanische Akustiker empfahl die Firma weiter. Wenig später kam ein Auftrag aus Paris. Die dortige Philharmonie brauchte ebenfalls ein Akustikmodell.

Offen sein für Neues, Qualität abliefern, auch einmal ein Wagnis eingehen: Dank dieser Tugenden hat Ackermann schon etliche prestigeträchtige Aufträge aus dem Ausland an Land gezogen. Seine Mitarbeiter formten eine Säule für ein Atrium in Singapur, bauten Messestände, die in Tokio oder Zürich zu sehen waren. Erst kürzlich hat er für Bavaria-Film die Inneneinrichtung für zwei Fernsehstudios im Oman und in Katar übernommen. „Die Erfahrungen, die wir dort sammeln, kommen uns hier vor Ort zugute“, versichert er.

Von seinen 125 Mitarbeitern sind rund 15 schon im Ausland tätig gewesen. Sie übernehmen die Vorabgespräche, überwachen die Montage der Teile, die in Wiesenbronn gefertigt wurden, und montieren Messestände. Wer will, kann sich im Unternehmen entsprechend fortbilden. Nach der Arbeitszeit bietet Ackermann zum Beispiel Englisch-Kurse an. Er betrachtet einen Auslandsaufenthalt als Chance getreu seinem Leitwort: Den Menschen Raum für Entwicklungen geben. Benjamin Leickert hat diesen Raum schon mehrmals genutzt.

Der Montageleiter war vor zwei Jahren auf der Automesse in Paris, um einen Stand auf- und wieder abzubauen und er hat den Pavillon der kürzlich verstorbenen Stararchitektin Zaha Hadid in Miami errichtet. Seine Erfahrung: Der Begriff „Made in Germany“ hat nach wie vor seine Bedeutung. „In der Regel arbeiten wir Deutschen mit langlebigen Materialien und legen großen Wert auf die Genauigkeit“, sagt er. Sein Chef, der gleichzeitig Innungsobermeister seiner Zunft ist, führt diese besonderen Qualitäten auf das deutsche Ausbildungssystem zurück. „Das Niveau ist hier einfach flächendeckend sehr hoch“, freut er sich. Nicht nur in Ballungszentren, sondern auch auf dem flachen Land lassen sich deshalb fähige und motivierte Mitarbeiter finden, die bereit sind, ein berufliches Wagnis einzugehen – gerne auch fernab von Düsseldorf.