Braun und rund. Schwarz und oval. Leuchtend rot. Mit gelben Bügeln. Randlos. Mit durchsichtigem breitem Rand. Eckig. Mit blauen Akzenten. Und eine, die aussieht wie die von John Lennon. Der Ständer mit den modischen Brillen könnte bei einem Optiker stehen. Stattdessen hängt er im Arbeitszimmer von Andrea Schoeberl an der Wand – und reicht nicht mal für alle Exemplare aus. Die Sulzfelderin ist ein riesiger Brillenfan.

Der 23. April ist Tag der Brille. Es kann kein Zufall sein, dass Andrea Schoeberl genau an diesem Datum Geburtstag hat. „Das habe ich ja gar nicht gewusst“, sagt sie lachend, „das passt ja.“ 66 Jahre wird sie heute alt und ist eigentlich noch gar nicht lange Brillenträgerin. „Ungefähr mit 50 hat es angefangen.“ Ein Prozess, den die meisten Leute miterleben: Mit den Jahren lässt die Kraft der Muskeln am Auge langsam nach, zugleich verliert die Linse an Elastizität. Beim Lesen werden die Buchstaben unscharf, man hält Buch und Zeitung immer weiter von den Augen entfernt, irgendwann geht es nicht mehr ohne Brille.

Erst hat sich Andrea Schoeberl mit ganz einfachen Lesebrillen beholfen, die sie nur aufgesetzt hat, wenn es wirklich nötig war. Doch immer wieder hat sie die Exemplare verlegt und musste überlegen, wo sie die Gläser denn diesmal abgelegt hatte. „Das ewige Auf- und Absetzen war mir irgendwann auch zu blöd“, erzählt sie. Also ist sie zum Optiker gegangen, hat sich ihre erste „richtige“ Brille ausgesucht und damit die Basis für eine neue Leidenschaft gelegt.

Früher trug die gebürtige Baden-Badenerin, die seit 1993 in Sulzfeld lebt, höchstens ab und an mal eine Sonnenbrille. Davon hatte sie nicht viele Exemplare. „Und das, obwohl ich früher mit einem Optiker verheiratet war“, sagt die 66-Jährige und lacht. Heute kann sie gar nicht auf Anhieb sagen, wie viele verschiedene Brillen sie hat. Zwölf passen auf den Ständer, aber der reicht längst nicht mehr aus. Verteilt in den großen, hohen Räumen des denkmalgeschützten Anwesens, in dem sie lebt, liegen noch diverse Exemplare.

„Ich will nicht so brave Dinger. Ich bin ja auch nicht brav.“
Andrea Schoeberl, Brillenfan aus Sulzfeld

Zum Gespräch über ihre Leidenschaft trägt Andrea Schoeberl eine Brille mit auffälligem rotem Rand. Ihre Lieblingsbrille. „Ich mag rot“, sagt sie. „Eine rote Brille und rote Lippen.“ Von den Lippen abgesehen schminke sie sich aber wenig. „Ich bin eher Minimalist“, beschreibt sich die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin, die in Würzburg die Dolmetscherschule besucht hat und so in Kontakt zu Mainfranken kam.

Sie setzt gern mit wenigen Dingen Akzente – was auch ihre Wohnung verrät. Statt viel Trödel finden sich dort ausgesuchte Stücke, wenige, aber große Bilder. Genauso hält es die modische Frau mit Schmuck, davon trägt sie nicht viel. „Deshalb sind mir die Brillen wichtig.“

Eine Brille sage viel über den Menschen aus, der sie trägt, über seine Geisteshaltung, findet Andrea Schoeberl. „Ich erkenne oft daran, wie die Leute ticken.“ Menschen, die im gestalterischen Bereich tätig sind, hätten meist eher auffällige Brillen auf. „Das verstärkt die Individualität“. Was die lebensfrohe und vielseitig interessierte Frau ja auch selbst mit ihren Brillen ganz bewusst macht. Wenn sie unterwegs ist, legt sie vor jedem Optiker-Schaufenster einen Halt ein, immer auf der Suche nach neuen, modernen Brillen. „Ich will nicht so brave Dinger“, sagt sie. „Ich bin ja auch nicht brav.“ Und es muss ein Modell sein, mit dem sie sich wohl fühlt. „Ich trage sie schließlich mindestens 16 Stunden am Tag.“

Je nachdem, was sie anzieht und wie sie gelaunt ist, sucht Andrea Schoeberl täglich eine andere Brille aus ihrer Sammlung aus. Längst sind Brillen nicht mehr nur Sehhilfen, sondern vielmehr auch ein wichtiges modisches Accessoire. Woran natürlich nicht zu denken war, als die Brille entstand.

Über Jahrtausende mussten die Menschen sich mit ihrer Sehschwäche abfinden. Schon Cicero (106 bis 43 v. Chr.) soll darüber geklagt haben, heißt es. Es sei lästig, sich Texte vorlesen lassen zu müssen. Und Nero soll die Gladiatorenkämpfe durch Smaragde betrachtet haben, um sein Augenlicht durch den grünen „Filter“ vor der Sonne zu schützen. Erst um 1000 nach Christus hatte ein arabischer Gelehrter die Idee, eine Glaskugel zu nutzen, um Schriften zu vergrößern. Bis die Brille letztendlich erfunden wurde, dauerte es allerdings noch bis zum 13. Jahrhundert.

Die Form war zunächst eine völlig andere als heute: Verwendet wurde ein „Lesestein“, eine halbkugelförmige Linse, die auf den Text gelegt wurde. Der Ursprung des Namens dagegen ist noch heute zu erkennen, denn für die Lesesteine wurden klare Halbedelsteine wie Beryll verwendet. Das erste Gestell, dass unserer heutigen Brille ähnelt, ließ dann nicht mehr lange auf sich warten: Schon Mitte des 14. Jahrhunderts hielten Maler Männer mit sogenannten „Nietbrillen“ auf der Nase auf Fresken fest. Mit den Jahren und Jahrhunderten wurden die Gläser immer weiter entwickelt. Fehlsichtigkeiten konnten korrigiert werden, Bifokalbrillen entstanden.

„Ich erkenne an den Brillen, wie die Leute ticken.“
Andrea Schoeberl

Heute sind Brillen aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken – und für immer mehr Menschen wichtig: Mehr als 25 Millionen Deutsche tragen ständig eine Brille. Tendenz steigend, denn vor allem bei den Kindern und Jugendlichen nimmt die Zahl der Kurzsichtigen immer weiter zu. Ohne Sehhilfe fiele es ihnen deutlich schwerer, den Alltag zu bewältigen. Das gilt auch für Weitsichtige wie Andrea Schoeberl, die ihre Brillen nicht missen möchte – nicht als Sehhilfe, aber auch nicht als modisches I-Tüpfelchen.