Es gehört zur Kitzinger Fußgängerzone wie der Kiliansbrunnen: das Pelzhaus Beer. Unter dem Namen „Pelz plus Design“ führt Kürschnermeister Helmut Beer es in der dritten Generation. Das 75-jährige Bestehen kann zwar Corona-bedingt nicht mit einer großen Party gefeiert werden, aber Grund zur Freude haben Helmut Beer und seine Mutter Brigitte trotzdem. Echter Pelz, so sagt Beer, sei nach wie vor gefragt – und das sei auch kein Wunder: „Pelz ist ein absolut nachhaltiges Produkt – Kunstpelze dagegen bestehen aus Mikroplastik und sind reiner Sondermüll.“

Vor einigen Jahren hat Schauspielerin Pamela Anderson für die Tierschutzorganisation PETA alle Hüllen fallen lassen – nach dem Motto: Lieber nackt als Pelze tragen. Wie fanden Sie das?

HELMUT BEER: Man muss genau differenzieren. Niemand will, dass Tiere leiden müssen oder schlecht gehalten werden. Am allerwenigsten wollen das wir Pelzhändler! Wir achten sehr auf das Tierwohl und darauf, nicht angreifbar zu werden. Leider hört PETA uns gar nicht zu.

Bestimmt kennen Sie die schrecklichen Bilder aus Tierfarmen: Eng zusammengepfercht können Chinchillas, Nerze, aber auch Füchse, Marderhunde, Iltisse und Kaninchen dort im Prinzip nur auf ihren Tod warten.

Solche Farmen gibt es tatsächlich, etwa in China, wo es kaum jemanden interessiert, wie Tiere gehalten werden. Bei uns ist das anders. Ich kaufe nur bei Fellgroßhändlern, die mit Züchtervereinigungen zusammenarbeiten und eine artgerechte Tierhaltung garantieren.

Interessieren sich die Kunden heute verstärkt für die Herkunft der Felle und Pelze?

Ja. Und ich lege Wert darauf, dass sie Antworten auf alle Fragen bekommen. Übrigens ist die Qualität der Felle nur dann gut, wenn das Tier artgerecht gehalten wurde. Nutrias – Sumpfbiber – zum Beispiel kann man nicht einfach in Käfige sperren. Sie brauchen einen Wasserlauf, sonst wird ihr Fell ganz fahl und lückenhaft. Auch bei Chinchillas ist die Qualität des Fells nur gut, wenn die Tiere genügend Auslauf und Pflege hatten.

Mittlerweile gibt es Kunstfelle, die von echten kaum zu unterscheiden sind – und die auch ähnlich teuer sind.

Kunstfell ist und bleibt trotzdem Sondermüll! Die Kunsthaare gelangen als Mikroplastik in unseren Wasserkreislauf und in die Meere. Im Gegensatz zu echtem Tierhaar sind sie nicht biologisch abbaubar, sondern werden zum Problem für die Umwelt – wie alle Mikro- und Synthetikfasern in der Kleidung.

Bei Ihnen gibt es also keine künstlichen Pelze, nur echte.

Genau, und so soll das auch bleiben. Es gibt kein nachhaltigeres Produkt als echten Pelz! Man muss wissen, dass längst nicht alle Felle aus Tierfarmen kommen. Viele Nutztiere – Lämmer, Kaninchen – werden vorwiegend wegen ihres Fleisches gehalten. Ihr Fell ist quasi das Nebenprodukt, das dann – ganz nachhaltig – eben auch verwendet wird.

Wer ist der typische Pelzkunde?

Den typischen Pelzkunden gibt es so nicht mehr. Natürlich ist der maßgeschneiderte Zobel- oder Nerzmantel ein Statussymbol. Aber wir haben längst nicht nur superreiche Kunden. Immer mehr ganz normale Menschen kommen vorbei und möchten sich einfach einmal ein hochwertiges Kleidungsstück gönnen. Das muss nicht immer eine Jacke, ein Cape oder ein Mantel sein. Manche wünschen sich zum Beispiel einmal eine richtig warme Mütze, Handschuhe oder einen hochwertigen Schal. Oder eine Pelztasche, ein Handytäschchen...

Heißt das, Pelz ist im Alltag angekommen?

Alltagstauglichkeit ist extrem wichtig geworden. Die Schnitte passen sich den Bedürfnissen und der Lebensart der Menschen an. Ganz aktuell gibt es zum Beispiel warme, weiche Kapuzenschals und Schirmmützen mit einem integrierten Schal, der in Corona-Zeiten, aber auch im Cabrio gute Dienste tut.

Kommen manchmal auch Menschen zu Ihnen, die Omas Fuchsfellmantel geerbt haben und nicht wissen, was sie damit machen sollen?

Ja klar. Oft gelingt es, das gute Stück wieder tragbar zu machen. Etwa, indem man es kürzt und einen neuen, modernen Kragen anbringt. Neulich erst hatte ich eine Kundin, der ich aus dem Fell, das nach dem Kürzen übrig war, noch eine Tasche genäht habe. Das hat die Dame sehr gefreut.

Ist es dieses kreative Gestalten, das Sie am Kürschnerhandwerk so reizt?

Ja. Das Schönste an meinem Job ist, dass jedes Fell ein einzigartiges Naturprodukt ist, jedes ist individuell und unterscheidet sich von anderen. Ich liebe es, mehrere Felle in ein stimmiges Kleidungsstück zu verwandeln – dafür sitze ich oft stundenlang da und puzzle mit den Fellteilen herum, bis alles perfekt ist. Der schönste Moment ist für mich, wenn Kunden ihr bestelltes Kleidungsstück anprobieren und es gar nicht mehr ausziehen möchten. Ihnen schaue ich dann oft nach, wenn sie voller Schwung nach Hause gehen, und freue mich einfach.

Gibt es auch schwierige Kunden, die man nicht zufriedenstellen kann?

Generell finde ich, dass richtig reiche Leute erstaunlich unkompliziert sind und meist sehr freundlich. Außerdem bin ich ohnehin ein geduldiger Steinbock, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Meine Devise ist zudem bei jedem Kunden die gleiche: Ich sage offen, was ich denke. Wenn ich ein Teil nicht guten Gewissens verkaufen kann – zum Beispiel weil es den Träger blass macht oder ihm einfach nicht steht –, dann sage ich das frei heraus. Auch hier gilt: Ich habe einen Ruf zu verlieren.

Was wünschen Sie sich zum 75-jährigen Firmenjubiläum?

Es wäre schön, wenn die Menschen ganz generell bewusster leben und konsumieren würden. Wenn sie sich fragen würden: Was ist Natur eigentlich? Und wie gehe ich damit um?

Pelz-Kunden aus dem ganzen Land

Historie: Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg hat Helmut Beers Großvater Paul, ein Kürschnermeister, sich selbstständig gemacht. Der gebürtige Nürnberger und seine Frau Margarete gründeten 1945 – damals in der Kitzinger Schrannenstraße – ihr Pelzhaus. „Sie haben Jacken, Mäntel und Mützen kreiert“, erinnert sich Pauls Tochter Brigitte. Sie übernahm das Geschäft, das mittlerweile in die Alte Burgstraße umgesiedelt war, am 1. Oktober 1979.

Die 3. Generation: Brigitte Behrs Sohn Helmut wuchs quasi zwischen Fell und Leder auf. Mit elf Jahren verkaufte er seine erste Jacke: „Ein Kunde kam herein und interessierte sich für den Rotfuchs, der im Fenster hing“, erinnert sich Helmut Beer. „Weil gerade kein anderer Zeit hatte, habe ich sie ihm herausgeholt und mit ihm anprobiert. Am Ende habe ich sie ihm auch verkauft. Meine Eltern waren baff, als ich ihnen später die 900 Mark zeigte, die ich eingenommen hatte...“

Mutter und Sohn: Nach der Meisterschule in Frankfurt und einigen Jahren des Erfahrung-sammelns in Lübeck fand Helmut Beer auf Sylt im bundesweit größten Kürschnerbetrieb nicht nur eine Anstellung als Atelierleiter, sondern auch eine zweite Heimat. Dass er vor 13 Jahren trotzdem zurück nach Kitzingen kam und das Geschäft (nun in der Marktstraße) übernahm, „hat viel mit dem guten Verhältnis zu meiner Mutter zu tun“, sagt Beer. „Obwohl sie im Rentenalter ist, hilft sie täglich im Betrieb mit – nicht weil sie müsste, sondern weil es einfach ihr Leben ist. Wir arbeiten gut und gern zusammen.“

Kunden: „Wir haben Kunden aus dem ganzen Land, viele fahren mehrere hundert Kilometer, um zu uns zu kommen“, sagt Helmut Beer. „Es sind junge und ältere Menschen darunter, superreiche und ganz normale Bürger.“