Allüren haben sie hier keine, weder die Crew noch die Gäste, auch wenn sie auf der „MS Allure“ unterwegs sind. Der holländische Kapitän Meye Attema hat mit Hostess Margo, Skipper Romek und Köchin Annemarie eine sympathische Crew um sich versammelt. Und wenn alle Gäste so umgänglich und herzlich sind wie Klaus-Peter Kühl und seine Radlergruppe, dann hat diese Besatzung des Kabinenschiffes aus Amsterdam eine richtig gute Zeit.

Wer Englisch kann, weiß natürlich, dass „Allure“ in diesem Zusammenhang nicht wörtlich übersetzt werden kann. Das kleine, rustikale Flussschiff hat nämlich eine große Schwester: Die „Allure of the Seas“. Der 362 Meter lange Kreuzer zählt zu den größten seiner Art und fährt unter der Flagge der Bahamas Traumziele wie Haiti und Mexico an – da passt der Name, der dann soviel wie „Verlockung der Meere“ bedeutet.

Jeden Tag eine andere Stadt

Die „MS Allure“ hat zwar „nur“ die holländische Flagge, eine Länge von 62 Metern und Zielorte wie die Anlegestelle in Kitzingen vorzuweisen, die Aussicht auf eine wunderbare Reise ist aber zumindest für Klaus-Peter Kühl nicht minder verlockend. „Das ist schon eine schöne Fahrt“, erklärt der 76-Jährige aus Rostock. Er kennt sich aus, schließlich hat er für sich und seine Radlergruppe schon viele ein- und mehrtägige Ausflüge organisiert. Zusammen befuhren sie schon die Dänische Südsee oder auch die Berliner Gewässer, radelten an der Nordseeküste und die holländischen Grachten entlang. Für 2018 gibt es auch schon Pläne, unter anderem sollen im englischen Cornwall die Wanderwege unsicher gemacht werden.

Die Reise „Auf dem Main-Radweg“, die von der holländischen Organisation „Se-Tours“ angeboten wird, punktet mit mittelalterlichen Städten und schönen Landschaften, die man auf dem Wasser und eben den Radwegen erkunden kann.

Jeden Morgen legt die MS Allure in einer anderen Stadt ab, von Bamberg geht es über Haßfurt und Schweinfurt nach Kitzingen, dann weiter nach Würzburg, Karlstadt und Lohr und schließlich nach Wertheim und Miltenberg. An jeder Station können die Passagiere – 17 Deutsche und zwei Schweizer – morgens von Bord gehen und mit dem Rad oder anderen Verkehrsmitteln zur nächsten Haltestelle fahren. Monika Rapp, eine von Klaus-Peter Kühls Mitfahrerinnen, ist begeistern vom harmonischen Miteinander der Verkehrsteilnehmer in Würzburg, Kitzingen und Umgebung. „Man kann hier sehr gut nebeneinander existieren, jeder nimmt auf jeden Rücksicht.“

Mit dem Rad die Region erobern

Da steigt sie morgens gerne auf eines der Fahrräder, die vom Veranstalter zur Verfügung gestellt werden. Gestärkt mit einem reichhaltigen Frühstück und dem selbst gepackten Lunchpaket macht sie sich mit der Gruppe auf den Weg, spätestens zum Abendessen trifft man sich mit den anderen Passagieren wieder im Aufenthaltsraum des Schiffes. Oft entwickeln sich lebhafte Gespräche, Eindrücke werden ausgetauscht, besondere Erlebnisse weitergegeben.

Dann fallen die meisten Passagiere müde in ihre Kojen. 20 Stück gibt es auf dem Schiff, jede Kajüte ist mit maximal zwei davon ausgestattet, ebenso wie mit einem kleinen Bad. Ja, es sei eng, gibt Klaus-Peter Kühl zu. Aber klimatisiert, und man halte sich ja eh nicht allzu viel dort auf. Außer eben zum Schlafen und Ausruhen. Und das funktioniert sehr gut. Echten Seegang gibt es auf dem Main ja nicht, seekrank sei noch keiner geworden, schmunzelt Kapitän Meye.

Auch Klaus-Peters Enkel Kimi kann auf dem Schiff prima abschalten. Mit seinem Handy hat er es sich gemütlich gemacht, Bruder Matti tut im Nebenzimmer das Gleiche. Die beiden Zehn- und 14-Jährigen sind mindestens genauso entspannt wie ihr Großvater. „Sie genießen es, mit dem Opa unterwegs zu sein“, sagt Kühl und lässt sie dann auch schon wieder in Ruhe. Sie haben ihre Radtour heute schon hinter sich, zusammen mit der Seniorengruppe absolvieren sie das gesamte Radeltour-Programm der Sieben-Tages-Reise.

Während die Fahrt für die Passagiere nach einer Woche zu Ende ist, bleibt die Crew, die in diesem Jahr zum ersten Mal in dieser Konstellation zusammen fährt, noch drei Wochen auf dem Schiff.

Von April bis Oktober unterwegs

Für Kapitän Meye Attema ist das kein Problem – mit Margo hat er seine Lebensgefährtin gleich mit an Bord, die meisten Freunde aus der Heimat sind ebenfalls auf den Wasser unterwegs, alle vier Wochen sind 14 Tage Urlaub zu Hause angesagt. „Es kann aber auch sein, dass genau dann, wenn wir daheim sind, all unsere Freunde unterwegs sind.“

Von April bis Oktober dauert die Saison, dann liegt die MS Allure als Hotelschiff im Hafen Amsterdams. Dort geht der Großteil der Crew von Bord, Köchin Annemarie kümmert sich dann nicht nur um die Küche, sondern auch um den Rest. So sorgt Eigner Martien van de Velde, der oft auch selbst hinter dem (inzwischen überwiegend elektronischen) Steuerboard steht, für die optimale Auslastung seines Schiffes. Meye, Margo und Romek arbeiten in dieser Zeit auf anderen Schiffen oder auch auf dem Festland. Große Allüren darf man da nicht haben – für echte „Seeleute“ ist dieses Leben aber trotz allem sehr verlockend...