Es war der denkwürdigste Samstagsausflug, den Familie Schenk je unternommen hat. Kurz zuvor hatte sich in Nenzenheim bei Iphofen (Unterfranken) ein kurioser Dialog ergeben. „Guck mal, so eine komische Katze! Die Arme hat gar kein Fell“, hatte Kathrin Schenk gesagt und ihrem Mann Matthias ein zufällig entdecktes Ebay-Kleinanzeigen-Bild unter die Nase gehalten. „So eine hab? ich noch nie in echt gesehen“, war die Antwort. „Die ist gar nicht so weit von uns weg.“ Aus schierer Neugierde beschlossen die Schenks, sich die Nacktkatze einfach mal anzuschauen. Zusammen mit den beiden Kindern Nils und Alina fuhren Kathrin und Matthias Richtung Schweinfurt.

„Die Kinder mitzunehmen, war der erste Fehler“, weiß Kathrin Schenk heute. Doch sie lacht bei diesem Satz, denn ein wirklicher „Fehler“ war es nicht: „Wir fanden Marbel, als wir sie live gesehen haben, gar nicht so schlimm. Außerdem haben uns die Besitzer erzählt, dass die zwei anderen Katzen, die sie hatten – beide orientalische Kurzhaar-Katzen –, Marbel ständig mobben.“ Der unterschwellige Appell an den Beschützerinstinkt fruchtete: „Obwohl wir damals noch allen Vorurteilen über Nacktkatzen aufgesessen waren, hat Marbel uns leid getan. Sie hat Nils außerdem gleich ein Bällchen vor die Füße gelegt, damit er mit ihr spielt…“

Zunächst blieben die Schenks jedoch eisern. „Auf der Heimfahrt haben wir noch gesagt, dass wir jetzt erstmal scharf nachdenken wollen. Weil wir erstens eher Hunde- als Katzenmenschen sind und zweitens, wenn überhaupt, dann etwas Kuscheligeres wollten.“ Nach einer Woche Bedenkzeit war die Abstimmung jedoch eindeutig: „Alle vier waren dafür, die Sphinx zu uns zu holen. Und wir haben auch gesagt: Wenn wir sie nehmen, dann ziehen wir es durch und sie bleibt für immer. Definitiv.“

Kathrin, die auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, kannte bisher nur Freigängerkatzen. Felllose Sphinxkatzen, auch Nacktkatzen genannt, sind jedoch Wohnungskatzen. „Im Grunde war das kein Problem. Marbel hat sofort ihr Körbchen und das Katzenklo benutzt“, erinnert sich Kathrin. „Anfangs ist sie allerdings immer, wenn sie an einem Spiegel vorbeigegangen ist, furchtbar erschrocken. Eine ganze Weile ist sie nur äußerst vorsichtig um Ecken geschlichen. Das hat sich dann aber gegeben: Jetzt bewegt sie sich frei und entspannt – nicht anders als eine ?normale? Fellkatze.“

Nils und Alina haben in Marbel nicht nur eine liebe Spielgefährtin bekommen, sondern finden sie auch hübsch. „Uns Erwachsenen ging es auch so: Je länger sie bei uns war, desto schöner ist sie uns vorgekommen“, blickt Kathrin Schenk zurück. Sogar Kathrins Mama, die sich anfangs vor allem vor dem nackigen Schwanz des Tieres ekelte – „Schaut aus wie bei einer Ratte!“ –, änderte ihre Einstellung schnell: „Nach fünf Minuten hatte sie Marbel auf dem Schoss.“

Denn so unkuschelig, wie man meinen könnte, sind Sphinxkatzen gar nicht. „Marbels Haut fühlt sich an wie Velour-Stoff“, beschreibt Kathrin das Gefühl beim Streicheln. „Auf den ersten Blick denken viele: ?Ih, was für ein Brathähnchen.? Aber sobald sie mit den Fingern mal über die Haut streichen, merken sie: So schlecht ist das gar nicht.“

Hoheit auf dem Heizkörper

Kathrin revidiert auch andere Vorurteile. „Man muss die Sphinxen weder mit Sonnencreme einsalben noch frieren sie im Winter besonders.“ Die 33-Jährige widerlegt obendrein das Gerücht, die „Nackis“ hätten eine schlechte Orientierung. Sie verhalten sich, sagt Kathrin, wie „ganz normale Katzen“, sie spielen und klettern gern, verstecken sich bevorzugt in Kartons oder Schubladen und lieben es, auf der Couch zu liegen und zu dösen. „Marbel badet auch mal gerne. Dafür lassen wir dann ein paar Zentimeter klares Wasser in die Badewanne ein.“

Ein Jahr nach ihrem Einzug bei den Schenks erhielt Marbel einen Kumpanen: Balu. „Wir wollten nicht, dass sie tagsüber immer alleine bleiben muss, wenn wir auf der Arbeit und in der Schule sind.“ Zufällig entdeckte Kathrin ein Bild von Baby Balu in einer Facebook-Gruppe: „Da war sofort klar: Der isses.“ Um den Kleinen zu sich zu holen, nahm die Familie sogar eine weite Fahrt auf sich: Balu entstammte einer Zucht in Niederösterreich. „Die Züchterin und wir sind einander entgegengefahren und haben bei einem Rastplatz in Oberösterreich Katzenübergabe gemacht.“

Daheim fauchte Marbel Balu zwar erst einmal an. Doch dann siegte die Neugierde. „Seitdem lieben sie einander, spielen zusammen, jagen sich durchs Haus und putzen einander.“ Vor allem das Weibchen mag es, ab und zu mal zu einem Spaziergang mit ins Freie genommen zu werden. „Allerdings nicht stundenlang. Sie will dann schon wieder heim. Und Balu hat meistens gar keinen Bock zum Rausgehen, sondern macht lieber der Bezeichnung Sphinxkatze Ehre und legt seinen Körper hoheitsvoll auf dem Heizkörper ab.“

Die beiden kastrierten Sphinxe bekommen seit etwa einem halben Jahr nur noch Frischfleisch zu fressen. „Wir haben das Barfen ausprobiert und waren begeistert. Sie fressen jetzt weniger Masse, weil Frischfleisch hochwertiger ist und fast komplett vom Körper verarbeitet wird“, sagt Kathrin, die die Futterkosten für ihre zwei Katzen auf knapp 40 Euro pro Monat schätzt. „Je mehr Qualität das Futter hat, desto weniger muss man aus dem Katzenklo rausfischen…“

Heute haben die Schenks, wenn sie an den ersten Ebay-Kontakt zu Marbel denken, fast ein bisschen ein schlechtes Gewissen. „Gemein, dass wir im Prinzip gesagt haben, sie sei hässlich. Schönheit liegt doch wirklich im Auge des Betrachters.“

INFO: Sphynx- oder Sphinx-Katzen, benannt nach der altägyptischen Sphinx, sind so gut wie haarlos, haben höchstens einen leichten Flaum. Sie haben große Ohren, ausgeprägte Wangen und ein starkes Kinn. Von der Größe her ähneln sie normalen Fellkatzen. Die Tiere sind intelligent, muskulös, lebhaft und anhänglich. Hellhäutige Sphinx-Katzen sind leicht sonnenempfindlich – ähnlich wie Katzen mit weißem Fell.