Es ist kalt am letzten Novembertag des Jahres, und es hat angefangen zu schneien. Birgit Abschütz hat einen dicken Anorak an. Wenn sie atmet, bilden sich vor ihrem Gesicht Dunstwölkchen, wie tanzende kleine Geister sehen sie aus. „So mag ich den Winter“, sagt die Kitzingerin, während kleine Schneeflocken sanft auf den Kitzinger Trimm-Dich-Pfad fallen – und auf ein kleines Naturwunder.

Inzwischen müssen selbst Fremde nicht mehr lange suchen. Ein Trampelpfädchen zweigt vom Hauptweg ab und endet nach rund zehn Metern vor einem ganz speziellen Baumpaar. Ein handgeschriebenes weißes Schild hängt am dunklen Eichenstamm. Birgit Abschütz freut sich, dass der Förster ihre Botschaft nicht weggenommen hat – und noch mehr freut sie sich, dass er ihrer Bitte Folge leistet. Die beiden Bäume dürfen im Tännigwald stehen bleiben. Die Kitzinger Liebesbäume, wie Bewunderer sie mittlerweile getauft haben, werden einander weiterhin umarmen.

Birgit Abschütz ist direkt neben dem Tännig aufgewachsen. Sie, Jahrgang 1961, ist die Enkelin von Albin Abschütz, seinerzeit Oberschulrat in Kitzingen. „Er hat immer gern alle Kinder mit in die Natur geschleppt und ihnen die Tier- und Pflanzenwelt gezeigt“, erinnert sich Birgit Abschütz. „Ich war als junges Mädchen auch am liebsten draußen in der Natur unterwegs. Im Rodenbach habe ich Frösche, Stichlinge, Salamander, Unken und vieles mehr beobachtet. Und daneben, im Wald, ist mir das besondere Baumpaar aufgefallen.“

Zunächst seien Eiche und Kiefer ganz normal nebeneinander gewachsen. Dann aber wurde die Eiche immer schräger und knorriger, Stamm und Äste beugten sich zum Nachbarbaum hinüber. Die etwas stärkere Kiefer schien die Eiche zu stützen. „Sicher war das alles bedingt durch den Kampf ums Licht“, meint Birgit Abschütz, die dennoch fasziniert ist von der lebendigen Verbindung der Hölzer. Von Jahr zu Jahr sei die Umarmung der Bäume ein bisschen intensiver geworden – bis sie sich dann an den Stämmen tatsächlich vereinten. „So eine Verwachsungsstelle sieht man selten“, meint die Naturfreundin. „Bäume sind eben Lebewesen – mit ganz besonderen Fähigkeiten.“

Begeistert von der Kraft der Natur, studierte die Kitzingerin Gartenbau, doch die Tätigkeiten direkt draußen, in Garten und Wald, waren ihr immer die liebsten. Als Gärtnerin arbeitete sie unter anderem in der Schweiz und in Kanada. Erst als gestandene Frau kam sie zurück nach Kitzingen – an den Rand des Tännigs, den sie schon als Kind so gern gemocht hatte.

Und siehe da: „Das Baumpaar stand noch da wie früher, nur etwas größer natürlich.“ Immer, wenn Birgit Abschütz über den Trimm-Dich-Pfad joggte – mindestens zweimal pro Woche –, schaute sie nach dem Pärchen. „Eines Tages hatte der Eichenstamm einen aufgesprühten roten Strich!“

Einen roten Strich? „Das ist das Zeichen für die Forstleute zum Fällen.“ Birgit Abschütz fand den Gedanken schrecklich, dass die „Liebesbäume“ nach vier Jahrzehnten mit der Kettensäge getrennt werden sollten. Sie erzählte ihrer Freundin Ulrike Würflein, die in Bautzen lebt, von der Sache. Die frühere Kitzingerin, die aus dem Weingut Hörner stammt, wollte helfen. Sie schrieb gleich eine Mail an die Redaktion der KITZINGER. Die wiederum fragte bei Revierförster Max Bartholl nach – und traf auf offene Ohren. Bartholl wusste gleich, um welches Baumpaar es geht, und versprach, es in Ruhe zu lassen, so lange es die Sicherheit der Passanten nicht gefährdet.

Diese Nachricht war für Birgit Abschütz „die beste seit langem“. Sie ist offensichtlich nicht die Einzige, die das hölzerne Paar besucht – der kleine Trampelpfad beweist es. Die Baumliebe ist die neue Attraktion des Trimm-Dich-Pfades. „Sieht ja auch urig aus“, findet die Entdeckerin, während sie beobachtet, wie kleine Schneeflocken durch die Baumkronen segeln und auf der Stelle liegen bleiben, an der die Stämme einander „küssen“. Auch die teils bizarr geformten Äste regen die Fantasie an. Birgit Abschütz findet: „Die verschlungenen Äste lassen an Mythen und Legenden denken. Für mich sehen sie aus wie aus einem Tolkien-Roman.“