Die Zahlen der Kriminalstatistik sind erschreckend: Immer mehr Kinder in Deutschland leiden unter körperlicher, sexueller oder psychischer Gewalt. Es ist ein Tabu-Thema, über das niemand gerne spricht. Nicht das Opfer und auch nicht der Täter, der – wie Diplom-Psychologe Andreas Laurien, Leiter der Kitzinger Erziehungsberatung, aus seiner Arbeit weiß – häufig früher selber Opfer war.

Wie führt man ein Gespräch mit einem Mann, der sein Kind schlägt? Allein bei der Vorstellung steigt in vielen Menschen Wut hoch. Das Gespräch wäre mit Vorwürfen, Anfeindungen, Beschuldigungen, einer abwehrenden Haltung gegenüber dem Täter verbunden. Nachvollziehbare Emotionen. Doch um denjenigen zu helfen, die geschlagen werden, muss man demjenigen helfen, der schlägt: „Die Kunst besteht darin, diese Leute ernst zu nehmen in ihrer Menschlichkeit, ihnen mit Respekt und Akzeptanz zu begegnen“, sagt Andreas Laurien.

Wer sich mit dem Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene über das Tabu-Thema unterhält, wird so manchen Satz hören, den man erst mal sacken lassen muss. Bei dem man nachfragen muss. Respekt gegenüber jemandem, der Kinder schlägt? Nicht für jeden ist nachvollziehbar, wenn ein Psychologe so etwas sagt. Auch wenn Laurien immer wieder betont, dass es nicht darum gehe, Gewalt gutzuheißen oder zu verharmlosen. Und er stellt auch klar: „Die Täter haben eine Verantwortung für ihr Handeln und die Verantwortung, sich Hilfe und Unterstützung zu holen.“ Die bekommen sie unter anderem bei Stellen wie der Erziehungsberatung. Sie ist aber nicht nur für die Täter da, sondern auch für alle, die unter der Gewalt leiden: „An uns können sich natürlich auch die Frauen und Kinder als Opfer wenden.“

Die Defizite der Männer, die Gewalt anwenden, so sagt Laurien, seien häufig nicht ihr eigenes Verschulden. „Da soll und darf jemand Kinder erziehen, der das selbst nicht erfahren hat. Er soll ihnen Halt und Orientierung geben und Grenzen setzen – und weiß nicht, wie das geht.“ Die eigenen Eltern haben es ihm nicht beigebracht. Der Täter ist inkompetent auf diesem Gebiet, „das ist kränkend und schambesetzt“. Man redet nicht darüber. Schon gar nicht mit dem nahen Umfeld. Und überhaupt, so schlimm ist es ja nicht. „Ich krieg' die Kinder schon irgendwie gebändigt“, sagen sich die Betroffenen. „Andere haben auch ihre Probleme“.

„Ich kenne keinen Täter, der nicht selbst als Kind Gewalt erlebt hat.

Das ist ein erlernter Problemlösungsprozess.“

Psychologe Andreas Laurien über die „mehrgenerationale

Weitergabe“

Die eigenen Eltern sind schuld? Wieder so eine Aussage, bei der man die Stirn runzelt. Man kann doch auch als Erwachsener lernen, was einem als Kind nicht beigebracht wurde. Aber so einfach ist es nicht. Weil den Betroffenen in der Regel nicht bewusst ist, warum sie handeln, wie sie handeln.

„Ich kenne keinen Täter, der nicht selbst als Kind Gewalt erlebt hat“, sagt Laurien. Er spricht von einem „erlernten Problemlösungsprozess“. „Man hat erlebt, dass es mit Gewalt geht.“ Oft würden die Betroffenen das eigentlich nicht wollen. Aber wenn Kinder viel Gewalt erleben, bildet sich in ihnen einen Anteil aus, der denkt und handelt wie der Täter. „Mehrgenerationale Weitergabe“ nennt Laurien das.

Haben die Betroffenen als Kind erfahren, dass sich der Stress und die Angst, die sich in einem aufstauen, über Schläge oder Anschreien abbauen lassen, tun sie oft das Gleiche. Der innere Druck muss weg und sie wählen den falschen Weg. „Man könnte auch Holz hacken“, sagt Andreas Laurien. Doch bewusst ist das den Leuten so nicht. Und falls es ihnen doch bewusst sein sollte, geben sie es nicht zu. Weil sie sich ihrer Inkompetenz schämen. Weil sie keine Vorwürfe hören wollen. Und in Fällen, in denen Jugendamt, Anwälte oder Gericht im Spiel sind, würde es die Chancen minimieren, die Kinder in der Familie zu behalten.

Wie sieht die Beratung aus, die den Tätern helfen soll und damit vor allem auch den leidenden Kindern? „Die Kunst besteht darin, den ursprünglichen Auslöser für das Handeln zu entdecken“, sagt Andreas Laurien. „Bei manchen reicht schon, wenn die Kinder die Augen nach oben drehen, und sie flippen aus.“ Oder man hat Stress mit dem Partner und das pubertierende Kind sagt einen frechen Satz. Es gilt herauszufinden, was den Menschen dazu bringt, in seiner Hilflosigkeit auf eine bestimmte Situation zu reagieren – und dauerhaft daran zu arbeiten, wie man es besser machen kann. „Das ist wie Trockenschwimmen“, beschreibt der Psychologe die Arbeit in den Gesprächen. „Der Betroffene muss die Situationen anschauen und überlegen, wie er hätte reagieren können.“ Dazu sei es wichtig, Abstand zu gewinnen und ohne Bewertung auf das Geschehene zu schauen – ohne aber die Gewalt gutzuheißen.

Vor allem Männern hilft es, eine Parallele zum Berufsleben zu ziehen. „Wenn der Arbeitskollege etwas tut oder sagt, nimmt man es hin. Wenn die Frau oder die Kinder das Gleiche machen, flippt man aus.“ Zu lernen, wie man führt, sei deshalb ein gutes Werkzeug, um kritische Situationen in Familien zu lösen. „Man etabliert in sich einen Persönlichkeitsanteil, der handelt wie eine Führungskraft“, beschreibt Laurien die Vorgehensweise. Die Kompetenzen, die man im Beruf hat, auf das Privatleben zu übertragen, nimmt Stress aus vielen Situationen.

Ist in Statistiken von Gewalt gegen Kinder die Rede, geht es in der Regel um körperliche oder sexuelle Gewalt. Um Schläge und Missbrauch. Doch man kann Kinder auch durch psychische Gewalt misshandeln. „Gewalt ist eine Beziehungskonstellation, in der es eine Ungleichheit der Kräfte gibt“, definiert es Laurien. Man ist nicht auf Augenhöhe, man greift die Würde einer Person an, wertet sie ab. „Was glauben Sie, wie es einem Kind geht, das täglich gesagt bekommt, dass es nichts kann, dass es der letzte Depp ist?“ Der Psychologe beantwortet die Frage mit seinem nächsten Satz selbst: „Von denen habe ich viele Erwachsene in der Beratung.“

Auch Nichtbeachtung der Kinder, zu wenig Zuneigung in den ersten Lebensjahren, Isolierung und der Abbruch von Beziehungen, beispielsweise durch stundenlanges Schreien-Lassen, könne sich fatal auswirken. Das löse bei den Kindern Panik aus, die das ganze Leben lang immer wieder auftreten kann, sagt Andreas Laurien. Der Kortisolspiegel im Speichel steige dann auch im Erwachsenenalter noch an. Der ausgelöste Stress führt zu bestimmten Reaktionen, häufig eben Schreien oder Schlagen. Auch hier sei wichtig: „Der Moment, in dem ich schreien will, kriege ich nicht weg. Aber es geht darum, wie ich im Weiteren reagiere.“

Zahlen: 2016 wurden in Deutschland 133 Kinder unter 14 Jahren Opfer von Tötungsdelikten, drei mehr als im Vorjahr, 25 mehr als 2014. 4237 Kinder wurden 2016 misshandelt und erlitten teils schwerste Verletzungen (290 mehr als im Vorjahr). 14 296 Kinder wurden Opfer sexueller Gewalt (370 mehr als im Vorjahr). Quelle: Kriminalstatistik/dpa

Führungstraining für Väter

Der Hintergrund: Strukturen und Grenzen zu geben ist ein wichtiger Teil in der Erziehung von Kindern. Eltern müssen mit ihren Kindern „kämpfen“ und Verantwortung übernehmen, um Grenzen zu ziehen und zu verteidigen. Diese Arbeit kostet Eltern viel Kraft. Manchmal gelangen Eltern dabei an eigene Grenzen und sind stark belastet. Wenn Auseinandersetzungen in Familien mit verletzenden Worten oder Angriffen enden, geht etwas schief, so Andreas Laurien, Leiter der Erziehungsberatungsstelle Kitzingen. Die Folge ist der Verlust elterlicher Autorität.

Das Training: möchte Wege aufzeigen, hochstrittige Situationen zu verlassen, zeigen, wie man in Machtsituationen fest bleiben kann, ohne Weichei oder harter Hund zu sein, setzt sich mit Fragen auseinander, wie eine Situation zu beherrschen ist, wenn jemand einem „auf der Nase herumtanzt“ und was es heißt, sich väterlich-männlich in die Erziehung einzubringen.

Der Termin: Samstag, 11. November, und Samstag, 25. November, jeweils von 9 bis 12 Uhr, sowie ein weiterer Termin Anfang nächsten Jahres. Der Kurs findet in der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in der Güterhallstraße in Kitzingen statt, die Teilnahme ist kostenfrei. Die Leitung haben Andreas Laurien und Hermann Nickel. Anmeldung unter Tel. 0 93 21/78 17 oder 0 93 21/92 79 20 oder per Email unter erziehungsberatung-kitzingen@t-online.de