In der Theorie ist alles gut. In der Praxis noch nicht. Doch die Weichen sind gestellt.

Elisabeth Müller kämpft. Und ihre Mitarbeiter im Haus St. Elisabeth in Kitzingen tun es ihr gleich. Alle wollen sie helfen. Und Hilfe hat Etsegenet Sirna Desta nötig. Im Alter von zwölf Jahren verließ sie ihre Heimat Äthiopien. Über abenteuerliche Umwege kam sie 2015 nach Deutschland. Sie absolvierte verschiedene Praktika und merkte: Die Arbeit mit alten Menschen liegt ihr. Elisabeth Müller sieht das genau so. Sie ist voll des Lobes über die ruhige und herzliche Art, mit der die 23-Jährige auf die oftmals demenzkranken Bewohner des Hauses zugeht. Und sie ist voll des Lobes über die Behörden, die Etsegenet – und vielen anderen jungen Menschen mit ähnlichem Hintergrund – einen Ausbildungsplatz ermöglichten. Im August des letzten Jahres sah es für kurze Zeit so aus, als würde Etsegenet abgeschoben (wir berichteten). Dann wurden die politischen Weichen neu gestellt. Etsegenet durfte ihre dreijährige Ausbildung zur Pflegefachkraft beginnen. Alles gut also – wenn es da nicht ein räumliches Problem gäbe.

Busse fahren selten

Bei ihrer Ankunft in Kitzingen wurde Etsegenet im ehemaligen Corlette Circle untergebracht. Grundsätzlich kein schlechter Ort. Außerhalb der Stadt gelegen, mit einem Zaun gesichert. Viel Grün, viel Platz. Gerade für Familien ein guter Platz zum Ankommen und zum Leben. Für eine junge Frau in der Ausbildung birgt der Ort aber auch ein paar Nachteile. „Sie muss ja auch die Schichtarbeiten übernehmen“, erinnert Einrichtungsleiterin Müller. Um 20.30 Uhr, bei Schichtende, ist es längst dunkel. Der Weg vom Pflegeheim mitten in der Stadt bis in die Unterkunft ist weit. „Und für eine junge Frau nicht ungefährlich“, befürchtet Müller.

Busse fahren, auch an den Wochenenden, viel zu selten. Gerade an den Berufsschultagen muss die junge Frau sehr zeitig aufbrechen, um den Zug nach Würzburg zu erwischen. Außerdem teilt sie im Corlette Circle ein Haus mit mehreren Mitbewohnern. Gute Voraussetzungen zum Lernen sehen anders aus. „Sie braucht jetzt viel Ruhe und Unterstützung“, weiß Müller. Die Ausbildung hat es schließlich in sich: Jede Menge Fachwissen büffeln, medizinische Begriffe in Deutsch und Latein übersetzen, neue Arbeitsmethoden anwenden. In einem hellhörigen Haus mit anderen Bewohnern ist das schwer. In einer Zweier-WG mit einer deutschen Mitbewohnerin wäre das bedeutend einfacher.

Alles schien perfekt zu laufen

Eine solche Unterkunft hat Müller für Etsegenet organisieren können. Mitten in der Stadt. Kurze Wege zum Arbeitsplatz und zum Bahnhof. Die Mitbewohnerin hat angeboten, Etsegenet beim Lernen zu unterstützen, ihr die deutsche Sprache noch näher zu bringen. Alles schien perfekt zu laufen. Doch der Auszug aus dem Corlette Circle muss bewilligt werden. Elisabeth Müller schrieb Mitte November einen Brief an die Zentrale Ausländerbehörde Unterfranken in Schweinfurt. Die falsche Adresse, wie sie vier Wochen später erfahren sollte. Der dortige Sachbearbeiter hatte das Schreiben freundlicherweise an die richtige Stelle, die Regierungsaufnahmestelle (RAST) in Würzburg weitergeleitet. Doch wertvolle Zeit war verloren gegangen. Müller setzte sich telefonisch mit dem dortigen Sachbearbeiter in Verbindung. Die Antwort überraschte sie. Ein paar Monate würde es dauern, bis der Antrag bearbeitet werden könne. „Dann ist das WG-Zimmer natürlich weg“, bedauert die Einrichtungsleiterin. Die ganze Mühe wäre umsonst gewesen. Und einen adäquaten Ersatz zu finden ist beim derzeitigen Wohnungsmarkt nicht leicht.

Es wird knapp

Auf Anfrage teilt die Regierung von Unterfranken mit, dass der Ausbildungsvertrag und die Nachweise über die Höhe des Arbeitsentgelts bei diesem Verfahren vorgelegt werden müssen. Ein berechtigter Auszug müsse mindestens zwei Monate vor dem Auszug angezeigt werden. Diese Zwei-Monatsfrist entspreche in der Regel auch der Bearbeitungszeit, um die nötigen Erklärungen einzuholen und prüfen zu können. Die Ausländerbehörde und der örtliche Träger müssen beispielsweise gefragt werden. Generell könne ein Auszug aus der Gemeinschaftsunterkunft erst dann genehmigt werden, wenn die Probezeit im Arbeits-/Ausbildungsvertrag erfolgreich absolviert wurde und der Antragsteller über ein so hohes Erwerbseinkommen verfügt, dass er sich selbst unterhalten kann.

„All das ist bei Etsegenet gewährleistet“, versichert Elisabeth Müller und hofft auf eine zügige Bearbeitung. Bis Ende diesen Monats ist das Zimmer in der Zweier-WG reserviert. Regierungssprecher Johannes Hardenacke macht Hoffnung: „Wir werden uns den Fall im Besonderen annehmen.“