Es braucht Ausdauer. Und gegenseitiges Vertrauen. In Kitzingen wissen sie das. Als bayerisches Spitzenprojekt bezeichnet Gerd Düll deshalb auch die Zusammenarbeit der Licht-, Kraft- und Wasserwerke (LKW) mit 60 bis 70 Landwirten aus Kitzingen und den umliegenden VG-Gemeinden. Warum dieses Projekt über die Jahre so eine geringe Bedeutung im Freistaat erfahren hat, ist dem Leiter des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten schleierhaft.

„Die Beratung hätte man flächendeckend schon viel früher umsetzen müssen.“
Günter Schwab, Landwirt

Vor 33 Jahren haben der örtliche Wasserversorger und etliche Landwirte eine Vereinbarung getroffen, die allen geholfen hat: den Unterzeichnern, der Natur und nicht zuletzt den Bürgern. Um 46 Prozent ist der Nitratgehalt im Grundwasser in diesen Zeitspanne gesunken. Von mehr als 60 Milligramm im Jahr 1987 auf 29,5 Milligramm im letzten Jahr. „Und das Ganze beruht auf Freiwilligkeit“, freut sich der Prokurist der LKW, Roger Lindholz.

800 Bodenproben pro Jahr

Wenig Niederschlag, kaum Grundwasserneubildung: Das sind die Faktoren, die sich auf der „Fränkischen Platte“ in all den Jahrzehnten kaum verändert haben. Und wenn, dann eher zum Schlechten. Eine falsche Düngung kann da verheerend wirken. Das wussten die Verantwortlichen schon Ende der 80er-Jahre – und handelten. Die LKW bieten den Landwirten seither an, ihren Boden kostenlos untersuchen zu lassen. Auf Basis der Werte werden individuelle Düngeempfehlungen gegeben. Etwa 800 Proben werden alljährlich gezogen. „Wir kennen die Ergebnisse nicht“, betont Lindholz. Will er auch nicht. Die Lkw sieht sich nicht als Ordnungs- oder Überwachungsorgan, sondern als Partner. „Und so ist über die Jahre ein vertrauensvolles Verhältnis gewachsen“, freut er sich.

20 Jahre hat es allerdings gedauert, bis die Maßnahmen Wirkung zeigten. Vorher musste eine Denitrifikationsanlage zum Einsatz kommen. Zwischen 1991 und 2008 wurden mit ihrer Hilfe rund acht Millionen Kubikmeter Trinkwasser aufbereitet. Von da an lagen die Nitratwerte stets unter dem Wert, den die EU als kritisch betrachtet. Die Anlage ist seither stillgelegt.

Präzise Planung

Die Familie Schwab war von Anfang an Partner in der Zusammenarbeit. Für Günter Schwab hat sich die Kooperation mehr als gelohnt. „Früher sind einige Landwirte so lange gefahren, bis die Güllegrube leer war“, erinnert er sich. Für den Boden war das schädlich, fürs Grundwasser ebenfalls und nicht zuletzt fürs Renommee der Landwirte. Seit Jahrzehnten bringen die Schwabs ihre Gülle nach der präzisen Planung aus und sparen damit auch noch Geld.

„Die Beratung hätte man flächendeckend schon viel früher umstellen müssen“, wünscht sich Günter Schwab. Erst die Düngeverordnung von 2017 habe den richtigen Weg eingeschlagen. Im Nachgang kamen allerdings komplexe und praxisuntaugliche Ergänzungen hinzu, bedauert er.

Ergänzungen, die nach seiner Meinung mehr Unsicherheit als Klarheit schaffen. Dass der Gesetzgeber immer wieder auf sich verändernde verpflichtende Regelungen setze, sei der falsche Weg, meint auch Alois Kraus. „Kitzingen hat gezeigt, wie weit man mit Vertrauen und Freiwilligkeit kommen kann.“

„Kitzingen hat gezeigt, wie weit man mit Vertrauen und Freiwilligkeit kommen kann.“
Alois Kraus, BBV-Obmann

2020 hat es die bislang letzte Düngeverordnung gegeben. „Sehr komplex“, sagt Schwab und berichtet von älteren Kollegen, denen er beim Ausfüllen der EDV-Programme helfen muss. Von praxisfremden Vorschriften spricht Alois Kraus und der Geschäftsführer des BBV in Kitzingen, Wilfried Distler, bemängelt eine fehlende Planungssicherheit. Etwa zwei Drittel der Landkreisfläche sind nach der neuesten Verordnung im „roten Gebiet“ verankert. Das heißt: Hier müssen die Landwirte besondere Auflagen erfüllen, weil der Nitratwert im Grundwasser an einigen wenigen Messstellen über 50 Milligramm liegt. „Das liegt daran, dass das Wasserwirtschaftsamt nur die Risikostellen an die EU meldet“, ärgert sich Distler. Nicht die Durchschnittswerte. „Die Grundlagen für die Düngeverordnung sind schon falsch“, meint er. Neue Messstellen sollen nun etabliert werden, damit die Werte präzisiert werden. Ganz so einfach ist das nicht. Messstellen sind nicht kostenlos und müssen verschiedene technische Standards erfüllen. Wie auch immer: In den „roten Gebieten“ müssen laut der neuesten Düngeverordnung Stickstoffproben genommen werden, und nach der Ernte besteht ein Verbot der Gülleausbringung bis zum nächsten Frühjahr. Viele Tierhalter stünden damit vor der Entscheidung: Güllelagerraum vergrößern oder Tierbestand abbauen. „Die meisten entscheiden sich angesichts der hohen Investitionskosten für Letzteres“, sagt Distler. „Das ist ein Stück weit gewollt von der Politik.“

Ausdauer muss sein

Komplex sind die Verordnungen aus Brüssel, dabei könnte man die Nitratwerte im Grundwasser so viel einfacher senken, meinen die Beteiligten des Kitzinger Modells. Dass die Erfolge des Kitzinger Wegs in der neuen Düngeverordnung überhaupt nicht berücksichtigt sind, will Alois Kraus nicht in den Kopf und Günter Schwab appelliert an den Gesetzgeber, endlich langfristig zu denken und die Landwirte mitzunehmen. Der Kitzinger Weg habe gezeigt, dass Ausdauer eine wichtige Rolle spielt. „Gerade in den trockenen Gebieten brauchen wir mindestens zehn Jahre, bis die Nitratwerte sinken.“