Es sieht aus wie in einem Katastrophenfilm. Überall vermummte Gestalten in weißen oder blauen Schutzanzügen. Sie bringen den Bewohnern Essen, transportieren deren persönliche Habe vom Wohn- in den Pandemiebereich oder desinfizieren Türen und Handläufe. So ernst die Lage im Seniorenheim St. Elisabeth auch ist: Einrichtungsleiterin Elisabeth Müller verbreitet Optimismus.

Elf Mitarbeiter und 41 Bewohner sind positiv auf Corona getestet, sechs sind verstorben. Das sind die blanken Zahlen. Hinter jeder steht ein Schicksal. Elisabeth Müller ist das absolut bewusst. Seit 26 Jahren ist sie im Kitzinger Seniorenheim tätig, seit 2004 als Einrichtungsleiterin. Im April geht sie in Rente. Und jetzt das: Corona im eigenen Haus.

„Ich hätte das nie für möglich gehalten“, sagt Elisabeth Müller. „Das war hier doch so sicher wie Fort Knox.“ Der Eindruck täuschte. Eine Woche lang habe sie mit dem Geschehen gehadert, sei fast verzweifelt. „Wir haben doch alles getan, damit sich bei uns niemand infiziert.“ Mittlerweile ist ihr klar, dass es keine Garantie gibt. Und dass sich das Virus rasend schnell ausbreitet, wenn es erst einmal im Haus ist.

Am 25. Januar ist die erste Mitarbeiterin positiv getestet worden. Sie wurde sofort heimgeschickt und musste sich beim Gesundheitsamt melden. Einen Tag später kamen zwei weitere dazu. „Das war wie ein Schock“, erinnert sich Müller. Spätestens da war ihr klar: Das Virus ist in St. Elisabeth angekommen. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, trotz aller Tests und Hygienevorschriften. Wie Corona ins Haus kam – über Mitarbeiter, externe Dienstleister, Angehörige oder die wenigen Bewohner, die noch selbstständig zum Einkaufen gehen – lässt sich nicht rekonstruieren, ist für die Einrichtungsleiterin auch zweitrangig. Jetzt gilt es, weitere Ansteckungen und Todesfälle zu verhindern.

Ein Pandemiebereich ist eingerichtet worden und musste nach einer Woche erweitert werden. Er erstreckt sich auf einen Teilbereich im ersten Stock und im Dachgeschoss. Die Schleusen sind dicht. Dahinter arbeitet Personal, das nur dort zum Einsatz kommt, das durch einen separaten Eingang ins Haus kommt und es so auch wieder verlässt. Jede Begegnung mit den Kollegen wird vermieden. Die positiv und die negativ getesteten Bewohner sind streng voneinander getrennt.

84 Menschen können in St. Elisabeth untergebracht werden. Momentan sind es 76. Mehr als die Hälfte – 41 – sind positiv getestet. „Den allermeisten von ihnen geht es ganz gut“, sagt Müller. Schwerwiegende Symptome entwickelten bis jetzt die wenigsten. Die sechs Todesfälle sind natürlich für alle ein Schock – zuvorderst für die Angehörigen, aber auch für die Pflegekräfte im Haus. Elisabeth Müller will das nicht kleinreden. „Aber im Altenheim wird immer gestorben“, sagt sie. „Gerade jetzt, zum Ende des Winters hin.“ Zwei der Verstorbenen seien schon palliativ in die Einrichtung gekommen. Jetzt gelte es, weitere Ansteckungen mit aller Macht zu verhindern. Und dafür braucht das Haus Unterstützung.

Als am letzten Donnerstag drei weitere Mitarbeiter positiv getestet wurden, waren es auf einmal zehn. Eine ganze Schicht in der Etage ist ausgefallen. „Wir wussten nicht mehr weiter“, bekennt Müller. Es gab keine Reserve, keinen Puffer, zumal die Mitarbeiter eh schon an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt werden. „Es gibt ja auch Kollegen, die länger krank geschrieben sind, ohne dass Corona eine Rolle spielt“, sagt sie. Auch diese Kollegen mussten ersetzt werden.

Vom Caritas-Geschäftsführer bekam sie den Tipp, den Katastrophenschutz einzuschalten. Eine Mail und wenig später meldete sich Felix Wallström vom BRK. Eine Besprechung wurde angesetzt, die nötigen Schritte eingeleitet. Seit Freitag ist das BRK in St. Elisabeth präsent, im Hof parken zwei Fahrzeuge, ein Zelt ist aufgebaut, in der Mensa ist die Kommandozentrale eingerichtet. „Da sitzt jeder Handgriff“, freut sich Elisabeth Müller. Ob bei der Essensausgabe, den Umzügen innerhalb des Hauses, beim Desinfizieren größerer Flächen oder der Logistik: Die helfenden Hände der Rotkreuzler sind sehr willkommen. Und sie sind nicht die einzigen.

„Ich hätte das nie für möglich gehalten. Wir haben doch alles getan, damit sich bei uns niemand infiziert.“
Elisabeth Müller, Heimleiterin

Über die Internetplattform „Team Bayern“ hat Wallström einen Aufruf gestartet, Helfer für die Notlage in Kitzingen gesucht. „Eine halbe Stunde später hat sich schon ein ehemaliger Pfleger aus Wiesenbronn gemeldet“, berichtet die Heimleiterin. Bis gestern haben sich fünf Pflegekräfte gemeldet, die aushelfen wollen. Mehr noch: Vom Seniorenheim Mühlenpark hat sich Heimleiter Rene Kinstle gemeldet und zwei seiner Pflegekräfte für eine Woche abgestellt. „Das hilft uns alles ganz ungemein“, freut sich Müller über die Solidarität, die auch die Notfallseelsorge mit einschließt. Hanjo von Wietersheim bietet mit seinen Kollegen im Vorraum der Kapelle eine Sprechstunde für Bewohner, Mitarbeiter und auch Angehörige an. Deren Betreuung und Information ist Müller ganz wichtig, kommt derzeit aber zu kurz. „Zuerst müssen wir uns um die Bewohner kümmern“, bittet sie um Verständnis. Die meisten Angehörigen hätten dafür Verständnis, es komme aber gelegentlich auch zu Beschwerden und manchmal sogar zu Beleidigungen. Am kommenden Wochenende soll ein Service für die Angehörigen eingerichtet werden. Am Samstag und Sonntag ist die Verwaltung von 10 bis 14 Uhr für ausführlichere Gespräche erreichbar. Bis Ende der Woche wird das BRK auf jeden Fall vor Ort sein. Bis dahin sollten die Strukturen für den Notfall nicht nur geschaffen, sondern auch einigermaßen eingespielt sein, auch wenn alle Beteiligten wissen, dass so etwas wie Routine so schnell nicht mehr einkehren wird. Elisabeth Müller ist dank der Arbeit der letzten Tage guter Dinge, dass sich das Virus nicht weiter ausbreitet, setzt dabei auch auf ein schnelles Impfen. 43 Bewohner und 35 Mitarbeiter sind bis dato geimpft. Nach und nach werden diejenigen Bewohner dazukommen, die derzeit im Pandemiebereich sind. Die ersten dürfen schon bald wieder die Quarantäne verlassen. Bis so etwas wie Normalität in St. Elisabeth einkehrt, wird es aber noch eine ganze Weile dauern. Elisabeth Müller ist das bewusst. Mit ihren Mitarbeitern will sie dafür kämpfen, dass es möglichst bald so weit ist – und dass möglichst viele Bewohner diesen Augenblick mit ihnen feiern können.