Landkreis Kitzingen. Alle Jugendlichen im Landkreis Kitzingen, die zwischen 14 und 18 Jahre alt sind, sollten in den letzten Tagen Post bekommen haben. Darin: die Unterlagen für die Jugendbriefwahl, zu der aktuell der Kreisjugendring Kitzingen aufruft. Die offizielle Bundestagswahl findet in diesem Jahr am 26. September statt. Schon im Vorfeld hat nun die junge Bevölkerung die Möglichkeit, ebenfalls ihre Stimme abzugeben.

Frage: In Deutschland darf man erst mit 18 Jahren an die Wahlurne. Was hat das Team vom Kreisjugendring dazu bewegt, auch die Jüngeren um ihre Stimme zu bitten?

Rebecca Haupt: Wir verstehen uns als Interessenvertretung und Sprachrohr für die junge Generation. Sie ist die Zukunft von Morgen und wird aktiv das zukünftige Leben, die Strukturen und die vorhandenen Problemlagen in unserem Land gestalten. Es ist aus diesem Grund fatal, ausschließlich über deren Kopf hinweg zu entscheiden.

Sie sollten also mehr involviert werden?

Rebecca Haupt: Die Interessen von Kindern und Jugendlichen finden in der Politik nur wenig Beachtung, weil ihnen keine Möglichkeit gegeben wird, ihre Themen einzubringen. Je früher junge Menschen beteiligt werden, desto früher setzen sie sich mit Politik auseinander. Durch das Mitspracherecht steigt gleichzeitig das Interesse an Politik. Die U18-Wahl bietet daher jungen Menschen eine Möglichkeit, ihre Wünsche, Interessen und politischen Forderungen sichtbar zu machen.

Haben Sie den Eindruck, dass die junge Generation für Politik nichts übrighat? Oder ist eher das Gegenteil der Fall – und sie ist sogar interessierter als früher?

Rebecca Haupt: Aus der Shell Jugendstudie (2019) geht hervor, dass das politische Interesse der 12- bis 25-Jährigen mit 41 Prozent stabil bleibt. Damit liegt es aber doch auf einem deutlich höheren Niveau als noch 2002 (30 Prozent). Was allerdings ansteigt, ist die Bedeutung von politischem Engagement. 2019 lag der Anteil der Jugendlichen, die es wichtig fanden, sich persönlich politisch zu engagieren bei 34 Prozent (2010: 23 Prozent). 77 Prozent der jungen Generation sind mit der Demokratie in Deutschland zufrieden. 2006 waren das noch 59 Prozent. Gleichzeitig zeigt sich ein hohes Maß an Politik(er)Verdrossenheit. So glauben 71 Prozent nicht, dass „Politiker sich darum kümmern, was Leute wie ich denken“.

Sie wollen das Engagement der jungen Menschen also fördern?

Rebecca Haupt: Jugendarbeit beweist täglich aufs Neue, dass junge Menschen die Gesellschaft mitgestalten wollen und können. Eine Absenkung des Wahlalters wäre daher ein erster Schritt, dieses Grundrecht auch für junge Menschen zu öffnen.

Derartige U18-Wahlaktionen gab es in anderen Orten in Deutschland schon in der Vergangenheit. Haben Sie sich eine bestimmte Stadt als „Vorbild“ hergenommen?

Rebecca Haupt: Wir haben uns an keiner anderen Kommune orientiert, sondern an unserer Bundesebene. Der Deutsche Bundesjugendring hat gemeinsam mit den Landesebenen, dem Deutschen Kinderhilfswerk und weiteren Akteuren die U18-Wahlen initiiert und entwickelt. Aufgrund der unvorhersehbaren Entwicklungen der Corona-Pandemie haben wir uns letztlich gegen Wahllokale vor Ort entschieden und für eine Briefwahl in Kooperation mit den Gemeinden. Bayernweit gab es bis dato keine vergleichbare landkreisweite Briefwahl im Jugendbereich.

Wie kommt man als Jugendlicher zu seinem Wahlschein? Und wie genau läuft die Wahl ab?

Rebecca Haupt: Alle Wahlberechtigten zwischen 14 und 18 Jahren haben ihre Wahlunterlagen bereits postalisch durch die Gemeinde erhalten. Zwischen dem 6. und dem 17. September können die ausgefüllten Stimmzettel vor Ort im jeweiligen Rathaus oder in unserer Geschäftsstelle abgegeben oder eingeworfen werden. Auch die weiterführenden Schulen in Kitzingen sowie das Steigerwald-Landschulheim Wiesentheid halten Abgabestellen bereit. Wichtig ist, hierzu das beigelegte leere Kuvert zu nutzen, da hier die jeweilige Gemeinde vermerkt ist. Dies ist notwendig, um eine gemeindespezifische Auswertung vorzunehmen.

Wie läuft die Auswertungen der Stimmen ab? Wer zählt aus?

Rebecca Haupt: Unser Team vom Kreisjugendring wird gemeinsam mit der Stadtjugendpflege der Stadt Kitzingen (JungStil) die Auszählung der Stimmen vornehmen. Ähnlich wie bei der offiziellen Wahl werden auch wir eine landkreisweite und gemeindespezifische Auswertung vornehmen. Am Freitag, 24. September, werden die Ergebnisse der Jugendbriefwahl veröffentlicht.

Auf einer Wahlparty?

Rebecca Haupt: Leider nein. Aufgrund der derzeit steigenden Inzidenzwerte und der ungewissen Lage haben wir uns gegen eine Wahlparty mit den Jugendlichen entschieden. Die Bekanntgabe wird daher digital übertragen, sodass die Jungwähler die Möglichkeit haben, die Ergebnisse live zu verfolgen. Als Ersatz werden wir aber ein Event in der Gemeinde ausrichten, die am Ende die höchste Wahlbeteiligung aufweist. Weitere Informationen dazu findet man zu gegebener Zeit auf unserer Homepage.

Die Stimmen zählen natürlich nicht zum offiziellen Abstimmungsergebnis. Sie haben aber trotzdem einen Wert?

Rebecca Haupt: Die Wahlergebnisse der Kinder und Jugendlichen werden bewusst noch vor der Bundestagswahl veröffentlicht und sind ein Fingerzeig für die älteren Generationen, um bei ihren Wahlentscheidungen auch auf die Bedürfnisse junger Menschen zu achten. Des Weiteren ist es Ziel der Kinder- und Jugendarbeit, zur Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen beizutragen. Junge Menschen sollen zur Selbstbestimmung befähigt und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und sozialem Engagement angeregt und hingeführt werden. Die Jugendbriefwahl soll all die genannten Aspekte unterstützen.

Für Sie ist das Projekt Neuland. Wie machen Sie auf die Aktion aufmerksam? Und welche Wahlbeteiligung erhoffen Sie sich?

Rebecca Haupt: Ja, auch für uns ist das Projekt ein Erfahrungsraum. Wir werben auf unseren Social Media Auftritten und streuen die Information in die Gemeinden, Verbände, Schulen und Jugendorganisationen. An der Stelle sind wir jederzeit super dankbar, wenn erwachsene Menschen das Thema aufgreifen und unsere Zielgruppe ermutigen, sich zu beteiligen. Bezüglich der Wahlbeteiligung wissen wir aus anderen Gebietskörperschafen, dass die Beteiligung bei derartigen Aktion relativ niedrig war. Bei uns im Landkreis gibt es circa 3200 Wahlberechtigte in diesem Alter. Ein wünschenswertes Resultat wären 50 Prozent Wahlbeteiligung.