Frischlinge dürfen mit, Frauen nicht. So ist es Tradition, wenn die Donaufreunde Ulm mit der „Ulmer Schachtel“ unterwegs sind. Vergangene Woche machte das ungewöhnliche Boot gleich zweimal Station in Kitzingen.

Frischling Christian Hengartner lacht, als er am Donnerstagnachmittag von der Ulmer Schachtel ans Ufer unterhalb des Kitzinger Jugendhauses tritt. Der erste Tag seiner ersten längeren Fahrt auf dem Gefährt ist geschafft. „Gefühlt zwei Stunden“ hat die gedauert, wie er sagt. Tatsächlich sind die Donaufreunde Ulm schon am Morgen in Würzburg losgefahren, das Gefährt ist relativ langsam unterwegs.

Mit den „Einwegbooten“ ging es früher nur flussabwärts

Die Ulmer Schachtel ist ein Boot mit langer Tradition. Schon im Hochmittelalter befuhren Fernhändler der Stadt die Donau, zunächst mit Flößen, später dann mit Schiffen, den „Wiener Zillen“. Zillen sind einfach konstruierte hölzerne Boote mit flachem Boden, oft mit hausähnlichem Aufbau. Die „Einwegboote“, die ausschließlich flussabwärts fuhren und mit Stangen gelenkt wurden, gehörten quasi selbst zur Ladung, denn am Zielort wurden nicht nur die Waren verkauft, sondern auch das Holz, aus dem das Schiff gebaut war.

Das kastenförmige Transportmittel wurde als „Schachtel“ verspottet – was die Ulmer natürlich damals nicht gerne hörten. Heute aber trägt die Ulmer Schachtel ihren Namen mit Stolz. Sie wird als „Symbol der Verständigung über Grenzen hinweg“ gelobt. Denn nachdem die Zillen nach dem Aufkommen der Eisenbahn ihre Bedeutung als Transportmittel verloren hatten, wurden sie für die Personenschifffahrt wiederbelebt – mit dem Ziel, die Donauanrainer einander näher zu bringen und dadurch die kulturellen, geschäftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen entlang des Stromes lebhafter zu gestalten. Auch heute will die „Gesellschaft der Donaufreunde Ulm“, 1961 als Nachfolgeorganisation der früheren Vereine gegründet, nicht nur die Tradition der Donaufahrten aufrecht erhalten, sondern verschreibt sich noch immer der Völkerverständigung mit dem Ziel, die kulturellen Verbindungen Ulms mit den Donaustädten zu pflegen.

In der Regel führen die Fahrten der Ulmer Schachteln daher auch die Donau entlang. „Seitensprünge“ gibt es nur ab und an, so zum letzten Mal im Jahr 2013, als die Schachtel bereits einmal in Kitzingen Station machte. Jetzt war Corona der Grund dafür, dass es nicht nach Wien, Budapest oder zum Schwarzen Meer ging, sondern über den Kanal Richtung Main. Bei der Planung der Fahrt im Februar war nicht absehbar, ob ein Aufenthalt in Ungarn möglicherweise eine Quarantäne nach sich ziehen würde, erzählt Martin Grimmeiß von der Gesellschaft der Donaufreunde Ulm. Also ging man auf Nummer sicher und blieb im Inland.

Mit dem Kran zu Wasser gelassen wurde die Schachtel, die 32 Menschen und den Bootsführern Platz bietet, vor einigen Tagen in Kelheim. Von dort aus ging die Fahrt zunächst bis nach Bamberg. „Da sind die Frauen gefahren“, erzählt Grimmeiß. „Die Frauen“, das sind die Ehefrauen der Mitglieder. Denn sie selbst dürfen nicht in die Gesellschaft eintreten – die ist ausschließlich den Männern vorbehalten. Daran hat sich seit Beginn der Donaufahrten-Tradition durch die Vorläufer der heutigen Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts nicht geändert. Und so sind auch die Regeln bei den Fahrten streng: Sind die Donaufreunde unterwegs, gibt es keine Geschlechtermischung auf dem Boot.

Martin Grimmeiß findet die Trennung gut. „Sagen wir es so: Männer und Frauen haben eine unterschiedliche Art von Humor“, sagt er und lacht. „Da sind getrennte Fahrten besser.“ Das fänden, so betont er gleich anschließend, übrigens auch die Frauen. „Die wollen gar nicht mit uns Männern fahren.“

Ein Mann muss man also sein, um der Gesellschaft beitreten zu dürfen. Zudem in „herausragender beruflicher Position“ in Ulm, wie Grimmeiß sagt. Und man tritt auch nicht einfach ein, man wird vorgeschlagen und muss erst mal das Aufnahmeritual durchlaufen: „Man fährt eine Fahrt mit und die Teilnehmer entscheiden dann, ob man geeignet ist.“

Christian Hengartner ist diesmal als sogenannter Frischling dabei. 28 Jahre ist er alt und damit der jüngste an Bord. Er muss bei der Fahrt, die von Donnerstag bis Dienstag dauert, seine Gruppentauglichkeit unter Beweis stellen, muss auch einen Teil der Dienste verrichten, die auf dem Schiff anfallen und unter den Mitfahrern aufgeteilt werden. Nach dem Essen abspülen, zum Beispiel.

„Nicht jeder ist gruppentauglich“, weiß Martin Grimmeiß, schließlich sitzen die Passagiere tagsüber stundenlang gemeinsam auf einem relativ kleinen Boot eng beieinander, Rückzugsräume gibt es nicht. Aufschneider oder Dauerredner gehen da schnell auf die Nerven.

Die gemächliche Fahrt auf dem Fluss entschleunigt

„Es ist das Ziel, dass alle zueinander passen und es keine Disharmonie an Bord gibt“, sagt auch Frischling Christian Hengartner. „Man muss jedem seine Meinung und Persönlichkeit lassen, dann funktioniert es gut.“ Die Zeit auf dem Schiff vergeht schnell, findet er, und am Nachmittag geht es ja immer in einer anderen Stadt an Land, es stehen Stadtführungen an. So empfangen der Kitzinger Hofrat Walter Vierrether und Weinprinzessin Ina aus Sickershausen die Ulmer am Ufer mit einem Glas Wein und launigen Sprüchen, bevor Detlef Hildebrand und Hans Fleischmann mit der Gruppe zur Stadtführung losziehen. Abends gibt es manchmal noch Veranstaltungen, erzählt Hengartner, dann geht es ins Hotel und am nächsten Morgen wieder auf die Schachtel. „Das wird nie langweilig“, ist der 28-Jährige überzeugt. Die Gemeinschaft auf der Schachtel gefällt ihm, er fühlt sich gut aufgenommen, berichtet von schönen Gesprächen. „Und die Fahrt entschleunigt total, weil man sich dem Tempo der Schachtel anpasst.“ Denn auch wenn das Boot inzwischen einen stählernen Rumpf hat und mit Motor betrieben wird, geht die Fahrt gemächlich dahin.

Sechs Tage hat Frischling Hengartner Zeit, sich als gruppentauglich zu beweisen, dann wird die Ulmer Schachtel in Kelheim wieder aus dem Wasser gehoben und auf den Tieflader verfrachtet. Finden die Mitfahrer, dass der junge Mann gut zu den Donaufreunden passt, gilt er als „Einmalfahrer“ und wird zu einer weiteren Fahrt eingeladen. Geben die Mitfahrer danach erneut grünes Licht, darf der Neue einen Aufnahmeantrag stellen. Darüber stimmen dann alle Mitglieder der Gesellschaft ab – 140 sind das derzeit. Nicht immer geben sie ihre Zustimmung – und dann muss die schlechte Botschaft überbracht werden. „Das musste ich schon mal machen“, erzählt Martin Grimmeiß. Keine sehr angenehme Situation, wie er sich erinnert. Die Zahl der Mitglieder wird über den Zugang der Frischlinge geregelt. Dass jährlich neue Gesichter dazukommen, ist im Interesse des Vereins, sagt Martin Grimmeiß. So lasse sich eine Überalterung vermeiden und die Tradition erhalten.

Die Donaufreunde sind übrigens nicht direkt nach den Frauen an Bord der Schachtel gegangen. In Bamberg wurde das Boot erst mal an die Ulmer Stadträte übergeben. Auch das sei schon zur Tradition geworden erzählt Martin Grimmeiß. „Wird ein neuer Gemeinderat gewählt, geben wir denen die Schachtel ein paar Tage. Das tut ihnen gut, weil sie untereinander reden müssen.“ Auf engem Raum, quasi ohne Entkommen über mehrere Stunden – da ist man gezwungen, sich kennenzulernen.

Auch sie legten bereits in Kitzingen an und wurden von Hofrat Walter Vierrether empfangen – bei bester Stimmung und mit viel Spaß. Wie es halt sein soll, wenn man mit der Schachtel reist.