Der Blick der Radfahrer wandert automatisch nach rechts. Gegenüber einer homogenen Ackerfläche, umrahmt von parallel geführten Rebzeilen sticht eine bunte Fläche ins Auge. Inmitten verschiedenster Gräser erfreuen gelbe Sonnenblumen das Auge, locken lila und weiße Blüten Insekten an. Landwirt Matthias Dorsch hat eine mehrjährige Bienenweide ausgesät – und viele seiner Kollegen tun es ihm gleich.

Früher hätte man gesagt, es sieht unordentlich aus. Die Färber-Hundskamille, die Wilde Möhre, die Fettwiesen-Margerite, Klatsch-Mohn, Skabiosen-Flockenblume, Rote Lichtnelke und viele weitere Sorten wachsen wild durcheinander auf einem Acker neben der Straße, die von Dettelbach nach Mainstockheim führt. Insgesamt enthält die Sondermischung 2020 namens „Lebendiger Acker“ 48 verschiedene Blumen, Kräuter und Gräser. Sie wächst in diesem Jahr auf zahlreichen Äckern und Feldstreifen im Raum Kitzingen, denn immer mehr Landwirte beteiligen sich an den verschiedenen Blühstreifen-Programmen.

Matthias Dorsch hat seinen Betrieb breit aufgestellt. Schweinemast und Biogas, 220 Hektar Ackerland, zehn Hektar Reben. Er weiß um die Verantwortung, die Landwirte für die Natur haben, stellt sich ihr. Er baut seit Jahren Zwischenfrüchte an, geht regelmäßig zu den Informationsveranstaltungen der Licht-, Kraft- und Wasserwerke (LKW) Kitzingen für Landwirte, in denen es insbesondere um den Trinkwasserschutz geht. „Wir haben hier in Mainstockheim eine eigene Trinkwasserversorgung. Das ist eine besondere Herausforderung für Betriebe wie uns“, sagt Dorsch. Es gibt Schutzgebiete auf Mainstockheimer Gemarkung sowie zwischen Kitzingen und Mainstockheim, wo die Licht-, Kraft- und Wasserwerke Kitzingen Brunnen betreiben.

Das Wasser noch besser zu schützen und den Artenschutz zu verbessern, ist Ziel des Blühstreifenprogramms, das die LKW Kitzingen gemeinsam mit dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) ins Leben gerufen hat. Zehn Landwirte hatten sich im vergangenen Jahr beteiligt und auf knapp drei Hektar Fläche Blühstreifen angelegt. Die LKW haben das Saatgut gezahlt, Günter Schwab vom Landwirtschaftlichen Verein hat es verteilt, die Bauern haben es ausgesät. Die Blühflächen entwickeln sich zur Erfolgsgeschichte: 2020 hat sich die Fläche des LKW-Programms vervielfacht, wie Thomas Karl vom AELF informiert: 15 Betriebe sind beteiligt, die Blumen, Kräuter und Gräser wachsen auf Äckern in Buchbrunn, Kitzingen, Kaltensondheim, Mainstockheim, Repperndorf, Hohenfeld, Sickershausen und Biebelried. Die gesamte Fläche summiert sich auf 23,7 Hektar.

Während im vergangenen Jahr vor allem einjährige Saaten genutzt wurden, sind in diesem Jahr großteils mehrjährige Blühflächen entstanden. Dieses Saatgut ist deutlich teurer, die Mischungen haben ein Vielfaches mehr gekostet als gedacht. „Das wollten wir nicht alles den LKW aufhalsen“, sagt Thomas Karl. Deshalb wurden die Gemeinden mit ins Boot genommen, die sich großteils bereit erklärten, die Kosten ganz oder teilweise zu übernehmen. So zahlt beispielsweise die Gemeinde Mainstockheim das Saatgut ganz. „Das ist ja auch ein Stück Wasserschutz“, so Bürgermeister Karl-Dieter Fuchs im Hinblick auf die gemeindeeigene Wasserversorgung.

Die Kosten, die von den Gemeinden nicht übernommen werden, zahlen die LKW, so Prokurist Roger Lindholz. Ihm ist die Zusammenarbeit mit den Landwirten wichtig. „Es gibt nur Gewinner“, sagt er: das Trinkwasser, die Insekten, die Menschen profitieren davon.

Blühstreifen bauen die Landwirte unter anderem auch über das Kulturlandschaftsprogramm (KuLaP) an und auch hier sind die Flächen im gesamten Landkreis Kitzingen deutlich angewachsen, von 250 Hektar im Jahr 2018 auf 475 Hektar in diesem Jahr. Rechnet man andere Förderprogramme hinzu, summiert sich die Fläche im Landkreis Kitzingen, auf der Blühmischungen oder Honigpflanzen wachsen, auf 516 Hektar. Zahlen, die laut Thomas Karl zeigen, dass die Landwirtschaft etwas für den Artenschutz tut – dank der Zusammenarbeit mit den LKW auch im bevölkerungsreichsten Gebiet Stadt Kitzingen und Umland.

Während früher in erster Linie Blühstreifen rund um bewirtschaftete Äcker – zum Beispiel Mais – angelegt wurden, werden inzwischen größere Flächen genutzt. „Da bieten sich Schläge an, die nicht ganz so wirtschaftlich sind“, erklärt Anton Lesch, Wasserberater am Amt für Landwirtschaft. Äcker also, die mit großen Maschinen nicht gut anzufahren sind, die steil sind, spitzwinklig zulaufen oder direkt an Hecken angrenzen.

Matthias Dorsch hat seine Blühmischung neben dem Mainstockheimer Brunnen am 24. April ausgesägt. „Eine technische Herausforderung“, sagt er rückblickend. Das Saatgut muss flach eingebracht werden, die Maschinen entsprechend einzurichten, ist nicht einfach. Dass es geklappt hat, ist der Fläche anzusehen: Es grünt und blüht, die Insekten schwirren. „Die Leute sprechen mich ganz viel darauf an“, freut sich der studierte Landwirt darüber, dass der Einsatz der Bauern im Gegensatz zu früher inzwischen von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. „Wir wollen ja, dass die Leute sehen, dass wir etwas tun.“

Dass manch einer sich beim Vorbeifahren nicht nur am Anblick erfreut, sondern vielleicht auch gleich Blumen pflückt, sieht er nicht so eng. „Wenn mal einer einen kleinen Handstrauß von der Blühwiese für zuhause mitnimmt, habe ich nichts dagegen“, sagt er. „Aber von den Sonnenblumenäckern nicht! Die sollen ja geerntet werden.“

Wobei es sicherlich noch besser wäre, auch die Blühwiesen den Insekten zu überlassen und somit den Artenschutz zu unterstützen. Das ist es ja, wofür die Menschen unterschrieben haben.