Über die ersten Tage nach dem Angriff am 23. Februar 1945 auf Kitzingen gibt es keine Dokumente und Zeitungen im Städtischen Archiv, so Archivarin Doris Badel. Vorhanden sind lediglich Teilberichte in der Dokumentation „Kitzinger Pfarrchronik 1945“ von Pfarrer Ernst Rösser und der Publikation „Kitzingen im Schicksalsjahr 1945“ von Hans Willmann.

Wie der katholische Pfarrer Ernst Rösser berichtet, konnte das Kitzinger Krankenhaus nach dem Angriff gar nicht alle Verwundeten aufnehmen, viele wurden in umliegende Gemeinden gebracht. So fuhr er am Tag nach dem Angriff mit dem Fahrrad nach Iphofen, wo die schwerer Verletzten im Krankenhaus, die leichter Verletzten im Schulhaus und viele weitere im Wirtschaftssaal, nur auf Stroh am Boden, untergebracht waren. Auch in Münsterschwarzach und Dettelbach besuchte er die Verwundeten, notierte und beantwortete Fragen, überbrachte gute und schlechte Nachrichten, versuchte, Hilfe zu organisieren, Menschen zu finden, die etwas über Angehörige wussten, die verschollen schienen. „Bei diesen Fahrten erlebte ich wieder und wieder Bilder, die mir unvergesslich bleiben werden. Menschen auf der Flucht. Alte Leute, Frauen, Kinder – obdachlos gewordene und solche, die sich vor weiteren Angriffen in Schutz bringen wollten – mit ihren Habseligkeiten unter dem Arm, auf der Schulter, auf dem Rücken, im Kinderwagen, auf Fahrrädern, in kleinen Handwagen, selten in einem von Kühen gezogenen Fuhrwerk – ein kaum abreißender, in alle Windrichtungen zerfließender Strom – stumm, verängstigt, elend.”

„Es war ein kaum

abreißender, in alle

Windrichtungen

zerfließender Strom. Stumm, verängstigt, elend.“

Pfarrer Ernst Rösser, über Flüchtende nach dem Angriff

Auch über die wochenlang anhaltende, sehr bittere Arbeit für die Priester schreibt Rösser: die Beisetzung der vielen Toten. „Eine große Anzahl konnte schon bald, die Mehrzahl im Laufe weniger Wochen geborgen werden; bei einzelnen hat es Monate gedauert, bis sie unter einem Berg von Schutt und Trümmern entdeckt und hervorgeholt wurden. Noch am 23. Mai, genau drei Monate nach dem Angriffstag, hielt ich wohl die letzte der vielen Beerdigungen von Todesopfern des 23. Februar.“ Auch auf die Feldscheune geht Rösser ein. „Der Inbegriff grauenvollsten Elends”, schreibt er über das Gebäude am Ende der Buchbrunner Straße. Eine unübersehbare Schar von Leichen sei dort gelegen, ein „Anblick, der das Herz im Leib stocken machte (....) Glücklich, wer diesen schauerlichsten Anblick sich ersparen konnte, der von seiner Schauerlichkeit auch dann nichts verlor, als zur Vermeidung größerer Gefahren alle nicht rechtzeitig Beerdigten mit einer dünnen Kalkschicht übergossen wurden.“

Neben der Scheune, die als Ersatzleichenhaus diente, wurde ein riesiges Grab geschaufelt. Bei der ersten großen Beisetzungsfeier am 2. März wurden im Beisein weniger hundert Leute je einhundert Särge hintereinander in zwei endlosen, parallel laufenden Reihen beigesetzt. „Für jene, die dabei waren, wird der Eindruck unvergesslich bleiben.“ Hans Willmann schrieb in seinem 1948 erschienenen Buch „Kitzingen im Schicksalsjahr 1945“, die Stadt habe in den dem Angriff folgenden Wochen einen trostlosen, umheimlichen Eindruck gemacht. „Menschen sah man selten auf den Straßen.

Mit den Kirchenuhren schien auch die Zeit stillzustehen, kein Glockenschlag ertönte mehr.“ Nur selten habe man Kinder auf den Straßen spielen sehen, sie hätten „irgendwie als vergessen und nicht hierher gehörend“ gewirkt. Der Bahnhof war weitgehend zerstört, durch den Stromausfall waren Telefone und Radioapparate verstummt, es kam nur selten Post. „Somit war man mitten im 20. Jahrhundert von der Welt abgeschnitten, weit mehr, als dies jemals zu Urgroßvaters Zeiten der Fall gewesen sein mag.“ Die Wiederherstellungsarbeiten am Bahnhof setzen laut Willmann schon am 24. Februar ein. „Zeitweise waren bis zu 2000 Menschen beschäftigt, um den Weg durch die Trümmer zu bahnen und wenigstens ein Gleis durch den zerstörten Bahnhof hindurchzulegen.“ Am 1. März konnte der erste Zug wieder durch den Bahnhof laufen. Zuvor gab es nur einen Notbetrieb: Züge aus Würzburg kamen bis zur Grenze des Bahnhofs, Züge aus Nürnberg mussten vor der Eisenbahnbrücke über den Main anhalten.