Anne Sauer steht im Garten. Sie hat ein Sieb auf dem Kopf, ein Huhn namens Lotti auf dem Arm, ein Zettel klebt an ihrem Knie. Was die Frau da macht? Kreativen Unterricht in Zeiten von Corona!

Sie und die anderen Lehrer der Grundschule in Markt Einersheim bieten einen interessanten, lehrreichen und unterhaltsamen Unterrichtsmix aus der Ferne – und die Schüler sind mit Feuereifer dabei.

Seit zweieinhalb Wochen herrscht Ausnahmezustand im Schulleben. Kein Unterricht in den Gebäuden, kein Lehrer, der vor den Schülern steht, Dinge erklärt, Aufträge erteilt, falsche Angaben verbessert. Lehrer wie Schüler mussten sich erst in die Situation hineinfinden und so sieht der Unterricht derzeit nicht nur von Schulart zu Schulart anders aus, sondern von Schule zu Schule und manchmal sogar von Klasse zu Klasse.

Es sind keine Ferien

„Guten Morgen, liebe Schüler der Klasse 4b.“ Mit diesen Worten startete Matthias Schuhmann am Montag in die Unterrichtswoche. Er wählt die persönliche Ansprache, obwohl er vor leeren Stühlen sitzt und nur in eine Kamera spricht. Aber der Rektor der Grundschule Hellmitzheimer Bucht in Markt Einersheim weiß, dass die Schüler schon ganz gespannt auf sein Video warten. Sie können den Film über die Schulhomepage anschauen und finden dort auch die Arbeitsaufgaben, die sie in dieser Woche zu erledigen haben. Wenige sind das nicht – die Schüler haben daheim allerhand zu tun. „Es sind ja keine Ferien“, stellt Schuhmann klar.

Als bekannt wurde, dass die Schulen geschlossen werden, hat sich das Team bei einer Lehrerkonferenz zusammengesetzt und überlegt, wie der Unterricht weitergeführt werden kann, wenn die Kinder nicht mehr ins Schulhaus kommen dürfen. Eine völlig neue Situation auch für die Lehrer. Sie mussten sich am ersten Wochenende einarbeiten. Wie stellt man Aufgaben online? Wie funktioniert der digitale Kontakt? Wie werden, wenn man will, Filme gedreht und verlinkt? Wie funktionieren Apps, mit denen die Kinder arbeiten können?

Die Lehrer arbeiten am Limit

Die derzeitige Ausnahmesituation zeigt, dass sich die Schulen digital noch weiterentwickeln müssen, das weiß auch das Schulamt. Da werde sich nach der Krise noch ganz viel tun, ist Schulamtsdirektor Kurt Krause überzeugt. Momentan sind die Schulen völlig unterschiedlich ausgestattet. Aufgrund dessen gehen sie beim jetzigen Unterricht ganz unterschiedliche Wege. Vorgaben gibt es dabei nicht. Wie die Themen bearbeitet werden, hänge stark vom Lehrer ab, so Krause. Wesentlich sei, dass die Lehrer den Schülern Material zur Verfügung stellen und ihnen Arbeitsaufträge geben, die sie dann daheim erledigen. Er weiß, dass die Lehrer sich hier sehr stark einbringen. „Sie arbeiten am Limit.“

Dass der Lernstoff trotzdem nicht so vermittelt werden kann, wie im normalen Schulunterricht, ist dabei allen Beteiligten klar. „Es geht vor allem darum, dass die Schüler im Lernmodus bleiben“, so Krause. Sie sollen sich nicht erst langsam wieder ins Schulleben einfinden müssen, wenn in den Schulen wieder Normalbetrieb herrscht. Bislang läuft es in der Ausnahmesituation gut, Krause hat nach eigenen Angaben noch keine einzige Beschwerde von Eltern bekommen.

Auch die Lehrer in Markt Einersheim arbeiten mit einem Wochenplan. Dieser gibt den Kindern einen genauen Überblick darüber, welche Aufgaben sie an welchem Tag in welchem Fach zu erledigen haben. Die Lehrer teilen übers Internet mit, wo die Aufgaben in den Büchern zu finden sind, in welche Hefte die Lösungen geschrieben werden müssen und bieten Arbeitsblätter an. Matthias Schuhmann stellt auch die Lösungen zur Verfügung, damit die Eltern mit den Kindern kontrollieren können, ob die Aufgaben richtig waren.

Während der Rektor alles übers Internet erledigt, gibt es auch Kollegen, die den Wochenplan samt Materialien am Wochenende ausfahren und am nächsten Wochenende wieder abholen. Die Eltern werden dann informiert, wann die Aufgaben zur Abholung vor der Tür liegen müssen. Die Lehrkraft kommt vorbei, holt das Erledigte zur Korrektur ab, wirft neue Aufgaben in den Briefkasten.

Lernen soll auch Spaß machen

Mathematik, Deutsch, Heimat- und Sachunterricht sind zwar die Hauptfächer, doch auch die anderen Fächer kommen nicht zu kurz. Die Religionslehrerin hat ein Video mit einer Andacht und Liedern online gestellt, für Kunst gibt es Bastelanleitungen und Malaufträge. Matthias Schuhmann hat für seine Schüler Sport-Videos verlinkt. „Je nach Lust und Laune“, hat er dazu geschrieben und sogar die Arbeitsmaterialien aufgelistet: „Sportkleidung, Platz schaffen, Lautsprecher lauter drehen, los geht?s!“ Die Kinder können sich Hörspiele zum Entspannen anhören und über witzige Videos lachen. „Lernen soll ja auch Spaß machen.“ Auch die Geburtstagskinder der Schule werden nicht vergessen. Jedem einzelnen gratuliert Matthias Schuhmann mit einer Grußbotschaft.

Die Schüler sind fleißig und arbeiten gut mit. Nahezu alle Kinder erledigen die Arbeitsaufträge pünktlich und vollständig, viele schicken immer mal Grüße, Briefe oder Bilder an die Lehrer. Dieser Kontakt ist wichtig und so hat der Rektor die Kinder beispielsweise aufgefordert, ein Foto von ihrem „Homeoffice“ zu machen und ihm zu schicken.

Der ausgefallene Unterricht und die nicht geschriebenen Proben sorgen trotzdem für Verunsicherung bei den Eltern, vor allem bei denen der Viertklässler. Für den Übertritt in weiterführende Schulen wurde eine Lösung gefunden: Die letzten Probearbeiten, die noch geschrieben werden, wenn die Schulen wieder öffnen, sind nach offizieller Mitteilung freiwillig. Eltern können entscheiden, ob die Kinder sie mitschreiben und ob sie zählen. „Bei uns in Markt Einersheim schreiben alle Kinder mit und die Noten zählen nur, wenn das Kind sich verbessert, sonst nicht“, erklärt Matthias Schuhmann.

Unterricht, der von Herzen kommt

Und was ist jetzt mit Anne Sauer, dem Tier, das sie auf dem Arm hat und dem Sieb auf ihrem Kopf? Die Lehrerin erklärt mit diesem Video ihren Erstklässlern auf lustige und doch einprägsame Art das „lange i“, das zwar so gesprochen, aber „ie“ geschrieben wird. Sie hält mit ihrer freien Hand einen Zettel in die Kamera, auf der diese beiden Buchstaben stehen. Sie erklärt die Aussprache, die Schreibweise, wo das „ie“ steht - nämlich nie am Wortanfang, sondern immer in der Mitte oder am Ende. Und sie sagt ihren Schülern auch, warum sie so komisch aussieht in diesem kurzen Youtube-Film, über den sogar das Schweizer Fernsehen berichtet hat: Das Sieb auf dem Kopf wird mit „ie“ geschrieben, das Tier auf ihrem Arm auch, genauso das Knie mit dem Zettel dran und die Wiese, auf der sie steht.

Sie spricht die “ies” schön lang gezogen, ruft ihre Schüler auf, ihr doch einen Brief zu schreiben und hat auch für den Abschied einen zum “ie” passenden Satz gewählt: "Ich hab' euch lieb!", sagt sie lachend in die Kamera. So sieht in Corona-Zeiten Unterricht für Erstklässler aus, der von Herzen kommt.