Sie ist weiß, wiegt 800 Gramm und man darf sie nur mit Handschuhen anfassen. Die dehnbare Ballonhülle aus Naturkau-tschuk muss sanfter behandelt werden als ein rohes Ei – immerhin soll sie die Dettelbacher Realschüler unbeschadet bis in die Stratosphäre bringen: 35 000 Meter über die Erdoberfläche. Na ja – nicht die Schüler direkt, aber ihre selbstgebaute Sonde, ausgerüstet mit zwei Kameras und allerhand experimentellen Utensilien.

Dazu zählen ein paar gute Schlucke Frankenwein und einige Muskatzinchen – das Nationalgebäck Dettelbachs. Wie werden sie sich in der Stratosphäre verändern? Was wird die zunehmende UV-Strahlung mit ihnen machen?

Die Realschüler werden es bald wissen. Am Freitag, 16. Juli, veranstaltet die Schule anlässlich ihres 50. Geburtstages einen „Space Day“, einen Weltraumtag, dessen Höhepunkt – im wahrsten Sinn des Wortes – der Aufstieg des Stratosphären-Ballons nebst Sonde sein wird. Und seine hoffentlich glückliche Rückkehr auf die Erde einige Stunden später. Wo er landen wird? Das ist die große Frage.

Action Kamera an Bord

Samira, Marvin, Janik, Dustin und Gabriel gehören zu den Zehntklässlern, die dem „Space Day“ besonders gespannt entgegensehen, denn: Sie haben die Sonde gebaut, die der Ballon an den Rand des Weltalls befördern soll, und sie haben die Experimente mit vorbereitet. „Zuerst haben wir Tutorials geschaut, um herauszufinden, wie andere das gemacht haben. In den Bau unserer Sonde sind dann unsere eigenen Überlegungen eingeflossen“, erklärt Dustin und zeigt auf einen gut 20 mal 20 Zentimeter großen Styropor-Würfel mit Seitenflügeln, der innen hohl ist und an der Vorder- sowie der Rückwand Aussparungen für je eine Action-Kamera aufweist.

„Man weiß, dass die Akkus da oben bei minus 50 Grad schnell an Leistung verlieren, deshalb haben wir einen zusätzlichen Akku-Pack eingeplant.“ Selbst wenn die Kameras einfrieren, können sie nach dem Auftauen wieder arbeiten.

Das weiße Styropor – „das Material haben wir gewählt, weil es schön leicht ist“ – haben die technisch begabten Zehntklässler auf eine Holzlatte montiert, an deren beiden Enden ein kleiner Plastikastronaut beziehungsweise vier Reagenzgläser befestigt sind. Deren Halterungen am Holz haben die Abschlussschüler per 3D-Drucker angefertigt. „In die Glasröhrchen geben wir den Pflanzenfarbstoff Chlorophyll beziehungsweise einige Milliliter heimischen Frankenwein“, erklärt Yanik. „Das sind die beiden Kernexperimente. Wir wollen schauen, wie sich die Substanzen mit zunehmender UV-Strahlung verändern.“ Schulleiter Stefan Wolbert nickt begeistert und ergänzt: „Das Chlorophyll haben Fünftklässler hergestellt, indem sie Blattspinat zerstoßen und gefiltert haben.“ Auch andere Klassen brachten sich ein: „Die achte Jahrgangsstufe hat zum Beispiel berechnet, wie weit man in 35 000 Metern über die Erdoberfläche gucken kann.“ Die Kameras können nun den Beweis erbringen, ob die Jungs und Mädels richtig oder falsch gerechnet haben.

„Endlich geht wieder was!“

So ist der Ballon-Bau nicht nur der krönende Abschluss für die Zehntklässler, deren Schulzeit jetzt endet, sondern ein fächer- und altersübergreifendes Projekt. Das freut den Schulleiter sehr: „So etwas hat in der Corona-Zeit gefehlt. Es ist toll, dass jetzt endlich wieder was geht!“ Das Equipment lagerte schon länger in der Schule, dank der Firma Knauf als Hauptsponsor und einiger weiterer Geldgeber. Die ganze Schule als Gemeinschaft werde den 50. Schulgeburtstag als „Space Day“ nun gebührend feiern. „Es wird sogar extra Schul-Shirts dafür geben.“ Kleine Ballons, von den Schülern mit Grüßen versehen, werden den „weißen Riesen“ beim Abflug ein Stück weit begleiten. Und dann? Ein Datenlogger im Styroporwürfel soll fortwährend Daten aufzeichnen: Temperatur, Feuchtigkeit, Druck. Der Ballon wird sich währenddessen immer weiter ausdehnen: von anfangs etwa drei Meter Durchmesser bis auf zwölf bis 15 Meter. Dann wird er aufgrund der Druckverhältnisse platzen und die Sonde soll an einem roten Fallschirm wieder zu Boden sinken.

Doch wo wird die Fracht aufkommen? Das ist die große Frage. „Man kann am Space-Day aufgrund der aktuellen Wetterdaten vage berechnen, wohin die Reise gehen wird“, stellt IT-Lehrer Roman Kruse fest. Kruse ist auch MINT-Koordinator der Schule und weiß: Beim Berechnen der Flugbahn spielen Fähigkeiten in allen MINT-Fächern – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – ineinander. Und doch bleibt ein letztes Risiko: Was, wenn der Ballon mitten im Wald landet? Oder in einem Fluss?

Wo landet die Sonde?

„Wir brauchen diese Kiste, egal wie!“, gibt Roman Kruse den Leitspruch vor. Die Zehntklässler nicken. Sie werden gemeinsam mit ihren Lehrern Kruse und Wolbert die Verfolgung ihrer Sonde vom Boden aus vornehmen. „Wir hoffen, wir finden den Ballon am Nachmittag irgendwo diesseits der deutschen Grenzen!“, sagt Stefan Wolbert halb lachend, halb bangend. Kurskorrekturen am Ballon sind zum Schluss nicht mehr möglich. „Nur durch die Menge an Helium, die wir am Start hineingeben, können wir den Flug beeinflussen“, erklärt Roman Kruse. Die Zehntklässler zeigen Zuversicht: „Mit Hilfe unserer zwei Tracker, die in die Sonde eingebaut sind, werden wir das Ding schon finden“, meint Gabriel.

Vor der Sucharbeit schreckt auch Dustin nicht zurück: Das Projekt sei die Mühen wert, „weil es uns wieder Spaß an der Schule gebracht hat“. Marvin ergänzt: „Wir konnten unser Wissen zum Schluss noch einmal in der Gruppe umsetzen.“ Die jungen Männer sind gespannt, welche Ergebnisse die Analyse von Wein und Muskatzinen erbringen wird. Der Wein wird in einem professionellen Labor in Veitshöchheim genau untersucht werden. Ob sich in der Stratosphäre nur der Geschmack verändert? Oder auch Bestandteile wie Zucker oder Säure?

Jedenfalls plant die Schule in Verbindung mit dem Weingut Mangold, herkömmlichen Wein mit der „Himmelsprobe“ zu impfen – vielleicht können ausgewählte Glückliche also bald einen „Space-Wine“ probieren.

Etliche Genehmigung nötig

Doch zuvor muss der Himmelstropfen erst einmal heil zur Erde zurückkehren. Am kommenden Freitag um 11 Uhr geht es im Dettelbacher Schulhof in die heiße Phase des Experiments, für das die Verantwortlichen viele Genehmigungen, beispielsweise von Luftfahrtbehörden, sowie eine spezielle Versicherung gebraucht haben. „Deshalb kann der Start auch nicht verschoben werden. Die Genehmigungen gelten nur für ein paar Stunden“, sagt Stefan Wolbert.

Vom Schulleiter bis zum Fünftklässler: Alle fiebern dem Tag entgegen, an dem Frankenwein und Muskatzinen gen Weltall starten.

INFO: Für Klassen, die sich ebenfalls für ein Ballon-Experiment interessieren: Unter www.stratoflights.com gibt es professionelle Unterstützung