Es ist ein Thema, das Nähe braucht. Doch die darf es derzeit nicht geben. Kein tröstender Händedruck, keine Umarmung. Die Corona-Pandemie hat Beisetzungen verändert. Und auch wenn es jetzt Erleichterungen gibt, wenn wieder bis zu 200 Personen auf den Friedhof kommen dürfen, sofern sie ausreichend Abstand halten – von Normalität beim Abschiednehmen kann noch immer keine Rede sein.

„Das fand ich sehr traurig.“ Der Blick von Tobias Volk scheint ins Leere zu gehen, und doch hat er ein Bild vor Augen. Von einer Beisetzung auf dem Friedhof. Nur er als Bestatter, ein Mitarbeiter des Friedhofs und der Pfarrer waren dabei, als die Urne ins Grab gelegt wurde. Von der Familie? War kein Einziger da. Eine Situation, die der Juniorchef des Kitzinger Bestattungsinstitutes Volk in seiner zehnjährigen Berufszeit noch nicht erlebt hat. Und jetzt, seit dem Lockdown aufgrund Corona im März, in kurzer Zeit gleich zweimal.

„Nur 15 Personen bei

Beisetzungen zuzulassen, war total falsch.“

Tobias Volk, Bestattungsmeister

Den Familien ist in dieser Situation keinerlei Vorwurf zu machen, weiß Tobias Volk. „Sie wären gerne gekommen, für sie war es sehr schwierig.“ Doch die Angehörigen leben im Ausland, eine Einreise zur Beisetzung war nicht möglich. Was also tun? Wochen- oder gar monatelang die Urne stehen lassen, bis die in mehreren Ländern verstreuten Familienmitglieder vielleicht mal kommen dürfen? Sie haben sich schweren Herzens dagegen entschieden.

Über Wochen durften nur die engsten Familienmitglieder bei Beerdigungen dabei sein, anfangs nur 15 Personen. „Das war total falsch“, sagt Tobias Volk rückblickend. Er hätte sich eine Regelung gewünscht, die sich nicht an einer Zahl orientiert, sondern an den engsten Familienmitgliedern. So aber konnten sich, wenn der oder die Verstorbene vier, fünf Kinder hatte, manchmal nicht mal die Enkelkinder von Oma und Opa verabschieden. Tobias Volk, der zur vierten Generation der Kitzinger Bestatterfamilie gehört, schüttelt noch immer den Kopf, wenn er daran denkt. Es sei wichtig für die Menschen, von ihren engen Angehörigen Abschied zu nehmen. „Die gehen ja nicht aus Spaß zur Beerdigung.“

Mit den Wochen wurde die Zahl der Trauergäste erhöht, seit kurzem sind bei Gottesdiensten und Zusammenkünften von Glaubensgemeinschaften im Freien bis zu 200 Personen erlaubt. Allerdings gilt es Abstand zu wahren, weshalb diese Zahl nicht für alle Friedhöfe gilt. Wie viele Menschen zugelassen sind, wird vom Träger des Friedhofs entschieden so Tobias Volk. Letztendlich muss auch der Bestattermeister den Trauernden erklären, warum eben doch in Einzelfällen nur um die 30 Trauergäste kommen dürfen.

Auch die Aussegnungshallen können häufig nicht genutzt werden. Entweder sie sind gar nicht freigegeben, weil sie zu klein sind, oder es darf nur eine geringe Anzahl Personen dort Platz nehmen. Da ist eine Nutzung oft ebenfalls hinfällig, weiß der Bestatter aus Erfahrung. Die Kirchen für ein Requiem zu nutzen, ist zwar inzwischen wieder möglich, aber auch dort muss ein Abstand von eineinhalb Metern eingehalten werden.

Mundschutzpflicht besteht bei Beisetzungen nicht, allerdings dürfen auch jetzt, nach den Lockerungen, nicht alle Rituale durchgeführt werden. „Der Erdwurf und das Weihwasser am Grab sind tabu“, so Volk. Es ist nicht erlaubt, dass mehrere Menschen hintereinander Schaufel oder das Aspergill – den Weihwassersprengel – anfassen. Auch eine Kondolenzliste, auf der die Trauergemeinde unterschreibt, darf nicht geführt werden. Gemeinsames Singen war bislang verboten, ist erst jetzt wieder unter Auflagen erlaubt. „Solange Singen nicht erlaubt war, haben wir Lieder vom Band gespielt.“ Nicht alle Familien haben ihre Verstorbenen in den vergangenen Wochen beisetzen lassen. „Manche haben eine Einäscherung veranlasst, damit sie die Urne später doch noch gemeinsam beisetzen können“, berichtet Tobias Volk. „Diese Beisetzungen finden jetzt nach und nach statt.“

Als sehr schwierig bewertet der 30-Jährige, dass mehrere Wochen lang keine offenen Abschiede erlaubt waren. Die Hinterbliebenen durften ihr Familienmitglied also vor der Beerdigung nicht mehr sehen. „Für viele ist da eine Welt zusammengebrochen“, erzählt er. „Vor allem bei plötzlichen Sterbefällen.“ Seit einiger Zeit ist der offene Abschied nun wieder zugelassen – eine Entscheidung, die Tobias Volk ausdrücklich begrüßt.

Nach einem Todesfall wollen nicht nur die engsten Familienangehörigen Abschied nehmen, sondern auch entferntere Verwandte, Freunde, Bekannte, Kollegen, langjährige Weggefährten. Die Information, wann die Beisetzung stattfindet, bekommen sie häufig über Todesanzeigen. Die aber wurden wegen Corona in der Regel erst nach der Beerdigung veröffentlicht. Zu groß war die Gefahr, dass sonst mehr Menschen als erlaubt auf den Friedhof kommen. Wer soll dann auswählen, wer bleiben darf? Wer übernimmt es, jemanden wegzuschicken? Das zu regeln, hätte die für die Angehörigen sowieso schon schwierige Situation noch verschlimmert, weiß Tobias Volk. In seinem Unternehmen gingen viele Anrufe ein, weil Menschen wissen wollten, wann eine Beerdigung stattfindet. „Wir haben das natürlich nicht weitergegeben, sondern um Verständnis geworben.“ Aufgrund der Lockerungen geht er davon aus, dass jetzt nach und nach wieder Anzeigen geschaltet werden.

Der Umgang mit Corona habe auch bei seinen Mitarbeitern zunächst für eine gewisse Unsicherheit gesorgt, berichtet Volk. Welche Vorschriften gelten? Worauf ist zu achten? Steigt die Zahl der Verstorbenen? Reicht die Zahl der Särge? Wie können und müssen sich die Mitarbeiter schützen? So manche Frage schlich sich in die Köpfe. Das Unternehmen hat sich mit zusätzlichen Särgen und Leichenhüllen eingedeckt, weil nicht klar war, ob es in der Region viele Corona-Tote geben würde. Die Sorgen bewahrheiteten sich glücklicherweise nicht. Die Zahl der Toten stieg nicht, es seien eher weniger Menschen gestorben, so Volk. „Die Menschen waren weniger unterwegs, da gab es weniger Unfälle. Die Großeltern sind daheim geblieben und haben sich nicht mit der Grippe angesteckt“, zählt er auf.

Um seine Mitarbeiter und Kunden zu schützen, wurden im Büroalltag einige neue Regeln eingeführt – der Gesprächskreis mit den Trauernden wurde verkleinert, Tische und Türklinken werden häufig desinfiziert. Bei Überführungen tragen die Mitarbeiter eine Maske. „Das hat wirklich gut geklappt“, sagt der Bestatter und lobt in diesem Zusammenhang ausdrücklich den Katastrophenschutz im Landkreis. „Wir wurden gut mit Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel versorgt, als es auf dem freien Markt nichts gab.“

Insgesamt sind die Trauernden mit der Situation besser umgegangen als er zunächst erwartet hatte, findet Tobias Volk. Die Allermeisten hatten großes Verständnis für die Einschränkungen. „Mancher fand es sogar angenehm, dass nur der engste Kreis bei der Beisetzung dabei war. So konnten sie für sich in Ruhe Abschied nehmen.“

Wie die katholische und die evangelische Kirche die Situation bewerten, lesen Sie auf

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