Groß wird es auf jeden Fall. Groß im Sinne von „viel Fläche“. Aber auch groß im Sinne von „bedeutungsvoll“. Der Weihnachtsgottesdienst am Heiligen Abend kann in vielen Gemeinden nicht in der Kirche stattfinden – sie bieten zu wenig Platz für die vielen Familien und alle Gläubigen, für die der Gottesdienstbesuch am 24. Dezember genauso dazu gehört wie die Kugeln am Christbaum. Auch in Kitzingen soll unter freiem Himmel gefeiert werden. Auf dem Bleichwasen. Ökumenisch.

Pfarrer Gerhard Spöckl brennt für die Ökumene, das spürt man bei jedem seiner Worte. „Man muss immer ein bisschen weiter gehen, wir dürfen nicht nachlassen. Es geht immer ein bisschen mehr“, ist der Leiter der Pfarreiengemeinschaft „Sankt Hedwig im Kitzinger Land“ sicher. Katholiken und Protestanten müssen zusammenarbeiten. Aber ausgerechnet an Weihnachten?

Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen, weiß auch Kerstin Baderschneider. Die Dekanin im Dekanat Kitzingen hatte sich zusammen mit Pfarrer Spöckl und Pfarrer Thilo Koch gefragt, wie Weihnachten in diesem Corona-Jahr gefeiert werden könne. In einem waren sich alle einig: Am besten gemeinsam. „In Kitzingen gibt es doch ohnehin viele gemischt-konfessionelle Familien, warum es also nicht auch gottesdienstlich zu einem gemeinsamen Fest werden lassen“, sagt Baderschneider und Spöckl pflichtet ihr bei: „Gott kommt in unser aller Leben.“

Dass ein solcher, gemeinsamer Gottesdienst aktuell nicht in einer Kirche stattfinden kann, war allen Beteiligten klar. Ein Marktplatzgottesdienst war im Gespräch, aber selbst dort würde es zu eng zugehen. Und so kam der neue Kitzinger Lieblingsplatz ins Gespräch: Das Gartenschau-Gelände. Wer ein Konzept für Schoppenfreunde entwerfen kann, sollte das auch für Gottesdienst-Besucher schaffen, dachten sich die Kitzinger Kirchenoberen. So kam der Geschäftsführer des Kitzinger Stadtmarketingvereins ins Spiel. „Ich habe natürlich gerne zugesagt, dass wir uns um das Hygienekonzept für die Weihnachtsgottesdienste kümmern“, sagt Frank Gimperlein. Er ist froh, die Kitzinger Kirchen so unterstützen zu können.

Um die Inhalte kümmern sich dann wieder die Seelsorger selbst, beziehungsweise ihre Mitstreiter in Sachen Kitzinger Ökumene wie zum Beispiel die beiden Kantoren Christian Stegmann und Martin Blaufelder. „Es wird keine riesen Christmesse werden, eher eine kleine Andacht mit musikalischer Umrahmung“, sagt Pfarrer Spöckl und fügt hinzu: „Einfach ein niederschwelliges Angebot, damit Familien gemeinsam die Ankunft Jesu auf der Erde feiern können.“ Die Bedeutung der kleinen Rituale in der Familie ist Dekanin Baderschneider wichtig. Gerade in diesen Zeiten, ohne Weihnachtsmärkte und Firmen- oder Vereinsfeiern, müsse jeder einzelne überlegen, wie diese besondere Zeit gestaltet werden kann. Das könne auch die Chance sein, wieder den eigentlichen Sinn der Adventszeit zu erkennen, ruhig zu werden, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Im Dekanat wird es vom ersten Advent bis zum 6. Januar einen Adventskalender zum Anhören geben, an dem sich viele Pfarrerinnen und Pfarrer und auch Ehrenamtliche mit Texten beteiligen. Zusammen mit der evangelischen Friedenskirche lädt die Pfarreiengemeinschaft an verschiedenen Orten zu einem begehbaren Adventskalender ein. Angebote, die sicher gut angenommen werden – und doch gehört für viele Menschen die Gemeinschaft untrennbar zu den Ritualen dazu. „In allen Kirchengemeinden des Dekanats hat man sich Gedanken über die Weihnachtsgottesdienste gemacht“, sagt Baderschneider. Meistens sei draußen etwas geplant. Manche, wie die Kitzinger Friedenskirche, bleiben im Gotteshaus und koordinieren die Anzahl der Menschen über vorherige Anmeldung. „Wir wollen uns selbstverständlich an die Regeln halten, aber trotzdem tun, was unser Auftrag ist. Nämlich feiern, dass Gott Mensch wird und dass er mitten unter uns ist, unabhängig davon, ob wir in einer Kirche sitzen oder auf dem Stadtbalkon stehen.“

Gerhard Spöckl sieht in dieser Situation eine große Chance für die Kirchen, sich den Menschen wieder anzunähern. „Wir müssen Kirche neu denken. Wir sollten uns wieder mehr als Christen wahrnehmen, die versuchen, gemeinsam das Reich Gottes zu erleben. Das Gebäude an sich ist da doch nur Mittel zum Zweck.“ Auch Kerstin Baderschneider ist sicher, dass die Kitzinger Ökumene an Weihnachten 2020 einen wichtigen Schritt machen kann. „Jetzt bekommen neue Ideen ihren Raum. Kirche beginnt da, wo Menschen sich treffen. Kirche ist da, wo wir Menschen begleiten. Und Gott ist schon da, wo wir sind.“

Am 24. Dezember werden sich in Kitzingen alle zusammen auf dem Gartenschau-Gelände treffen, unter den dann geltenden Hygienevorgaben, versteht sich. Im Zwei-Stunden-Takt dürfen so viele Gottesdienstbesucher auf den abgesperrten Platz, wie die Abstandsregeln es zulassen. Von den Geistlichen und allen anderen Teilnehmern müssen sie dann zwar mindestens zwei Meter entfernt stehen – ihrem Mensch gewordenen Gott sind sie in diesem Moment aber alle gemeinsam trotzdem ganz nah. So nah, wie sich Katholiken und Protestanten vielleicht noch nie vorher gekommen sind.