„Wir krigen das zusammen hin“ steht auf dem länglichen, weißen Zettel, der, festgeklebt an einem Aufsteller mit Hygienehinweisen, als Überschrift dient. Das „e“ in „kriegen“ wurde nachträglich noch eingefügt. Der kleine Fehler lässt darauf schließen, dass Kinder am Werk waren – in diesem Fall eher Jugendliche. Aber Besondere. Das Plakat haben Mitglieder der Abschlussklasse in der St. Martin-Schule, des Förderzentrums mit Schwerpunkt geistige Entwicklung, aufgestellt. Dass sie zum Teil mehrfach beeinträchtigt sind, ändert nichts am Inhalt ihres Appells: An die Corona-Regeln müssen sich alle Menschen halten, ob mit oder ohne Behinderung. Das haben sie verstanden, setzen die Vorgaben mit größter Sorgfalt in die Tat um – und hoffen trotzdem, dass alles bald wieder anders wird.

Cornelius Breyer versteht seine Schüler sehr gut – und wundert sich selbst ein bisschen darüber, dass sie dermaßen konsequent mitmachen. So konnte auch die Selbsttestpflicht den Sonderpädagogen, der die St. Martin-Schule der Lebenshilfe in Kitzingen seit dem letzten Schuljahr leitet, nicht aus der Bahn werfen. „Es funktioniert unerwartet gut“, gibt er zu. Natürlich könnte kaum ein Schüler den Test ganz allein durchführen, sie alle bräuchten Hilfe und genaue Anleitung. Damit ist man in der St. Martin-Schule aber vertraut. Breyer sieht die Zeit, die für die Tests verstreicht, auch nicht als verlorene Lernzeit. Anders als an den Regelschulen stehe im Unterricht des Förderbereichs verstärkt das Einüben verschiedener Handlungsabläufe im Fokus, und so könne er den Ablauf der Testung genauso in einen didaktischen Aufgabenbereich einbinden wie jeden anderen Ablauf auch. Der Rektor ist sicher, dass die Selbsttests auch in seiner Schule bald zur Routine werden.

Familien kommen an ihre Grenzen

Schließlich sind alle froh, dass überhaupt Notbetreuung stattfinden kann. Im Förderschulbereich ist die Nachfrage ungleich höher, Systemrelevanz war von Beginn an kein ausschließliches Berechtigungskriterium für die Inanspruchnahme, sondern vielmehr pädagogische Gründe. Viele Familien mit körperlich und/oder geistig beeinträchtigten Mitgliedern kämen an ihre Grenzen und brauchten dann die Unterstützung der Fördereinrichtung.

Das gilt auch für Julia Dietsch. Ihre Tochter Amelie leidet unter Epilepsie, ist geistig beeinträchtigt und entwickelt sich verzögert. Aktuell kümmert sich ihre Mutter selbst um die Beschulung der Neunjährigen, sitzt jeden Morgen für etwa zwei Stunden neben ihr am Schreibtisch und geht die Aufgaben, die individuell für Amelie zusammengestellt wurden, „Buchstabe für Buchstabe“ in Eins-zu-Eins-Betreuung mit ihr durch. Daneben muss das Mitglied des Elternbeirates der St. Martin-Schule aber auch noch nach ihrem Zweitklässler schauen, eine zweijährige Tochter und einen drei Wochen alten Säugling bei Laune halten. „Das ist eine sehr herausfordernde Situation“, erklärt Julia Dietsch. „Vor allem aber merke ich, dass es den Kindern und der ganzen Familie auf Dauer nicht guttun wird.“ Amelie fehle das Verständnis dafür, warum sie zu Hause sitzen und trotzdem Schule machen müsse, während die jüngeren Geschwister spielen dürfen.

„In der Schule wird versucht, so viel Normalität wie möglich rüberzubringen. Das tut den Kindern gut.“
Julia Dietsch, Mitglied des Elternbeirats

Die regelmäßige Kommunikation mit den Lehrern, die überwiegend übers Telefon passiert, sei eine große Hilfe, sagt Julia Dietsch. Ihrer Tochter fehle aber die Regelmäßigkeit und die Betreuung in der Schule. „Das können bei Kindern mit Behinderung auch keine Videokonferenzen ersetzen“, ist die Vierfachmama sicher und will gemeinsam mit den Experten der St. Martin-Schule beraten, ob und wann Amelie dorthin zurückkehren sollte. „Ich bin sehr froh, dass die Verantwortlichen in der St. Martin-Schule trotz dieser Situation so positiv sind. Das nimmt den Kindern viel Unsicherheit. Es wird versucht, so viel Normalität wie möglich rüberzubringen. Das tut den Kindern gut.“

Eine große Herausforderung

60 von 121 Schülern seien nach den Osterferien wieder in die Schule gekommen, erklärt Manfred Markert, Geschäftsführer der Lebenshilfe. Und das trotz steigender Infektionszahlen. Das sei eine große Herausforderung, vor allem, weil es mit der Beschulung nicht getan ist. Der Schulweg per Bus muss organisiert, Mittagessen bestellt, Klassenzimmer müssen hergerichtet werden, um trotzdem die größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten – so gut es in der Arbeit mit behinderten Kindern eben möglich ist. Abstand halten ist nicht nur in der SVE, also dem Kindergarten der Einrichtung, kaum möglich. Auch die Älteren suchen, je nach Art und Grad ihrer Behinderung, verstärkt den Körperkontakt zu ihren Betreuern, müssen beim Essen unterstützt oder gewickelt werden. Markert ist froh, dass sein Personal in naher Zukunft annähernd durchgeimpft sein wird. „Eine Sorge weniger“ müsse er dann mit sich herumtragen.

Grundsätzlich habe er großes Glück, dass er in Schule und Heilpädagogischer Tagesstätte so motivierte MitarbeiterInnen hinter sich hat, sagt auch Cornelius Breyer. Die KollegInnen bewältigten die Doppelbelastung von Präsenz- und Distanzunterricht in beeindruckender Art und Weise, schließlich sei der Anspruch eines Förderschülers noch einmal höher als der eines normal entwickelten Kindes. Jeder Schüler, der sich im Homeschooling befindet, erhält ein ganz individuell zusammengestelltes Aufgabenpaket, das bedeute einen enormen Mehraufwand. Zudem treibe den ein oder anderen trotz aller Vorsichtsmaßnahmen die Angst vor Ansteckung um. Er habe dahingehend viele intensive Gespräche geführt – mit dem Ergebnis, dass das gesamte Kollegium seit Beginn der Pandemie vor Ort ist.

Wunsch: mehr Planbarkeit

Einzige Ausnahme waren die Corona-Fälle in der St. Martin-Schule im Herbst letzten Jahres. Aber auch hier reagierte die Schulfamilie vorbildlich, schickte Klasse und Mitarbeiter in Absprache mit dem Landratsamt sofort in Quarantäne. „Die Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden klappt wirklich gut“, lobt Manfred Markert. Von den übergeordneten Stellen wünscht er sich ein bisschen mehr Unterstützung. Oder anders gesagt: mehr Planbarkeit. „Wir können jedes Mal, wenn eine Verlautbarung aus dem Kultusministerium kommt, nur mutmaßen, welche Vorgaben wir nun umzusetzen haben.“ Der Bereich der Heilpädagogischen Tagesstätten sei zum Beispiel dem Sozialministerium unterstellt. „Die Sozialministerin habe ich aber schon länger in keiner Pressekonferenz mehr gesehen.“

„Wir sind derzeit in unseren Möglichkeiten so begrenzt wie schon lange nicht mehr.“
Manfred Markert, Geschäftsführer der Lebenshilfe e.V.

Markert hofft, dass die Schüler der St. Martin-Schule durch die vermehrte Testung und durch die Impfung wieder mehr Freiheiten erlangen. „Im Moment fallen sämtliche inklusiven und integrativen Projekte und Aktionen aus. Wir sind derzeit in unseren Möglichkeiten wieder so begrenzt wie lange nicht mehr“, sagt Manfred Markert und hofft, „dass wir bald wieder klassen- und schulübergreifend arbeiten können. Dass wieder einmal ein Fußballspiel stattfinden kann oder wir Senioren im Altenheim besuchen dürfen“. Als positiv denkender Mensch ist er sicher, dass dies noch in diesem Jahr wieder möglich sein wird – getreu dem Motto „Wir kriegen das zusammen hin“.

Die Organisation

Struktur Zum Verein „Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung Kitzingen e.V.“ gehören die Frühförderstelle, die St. Martin-Schule und die Heilpädagogische Tagesstätte. Der Verein wurde 1965 als Vereinigung von Eltern, Angehörigen und Freunden gegründet und zählt inzwischen über 370 Mitglieder.

Frühförderstelle Zu den Aufgaben der offenen Anlaufstelle für Eltern mit Kindern, die in ihrer Entwicklung verzögert sind, gehört es neben Information und Beratung auch, den Entwicklungsstand und die Fördernotwendigkeit abzuklären und beim Übergang in Kindergarten und Einzelintegrationsmaßnahmen zu begleiten. Sie untersteht dem Bayerischen Sozialministerium.

St. Martin-Schule Das Förderzentrum mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung bietet den Schülern mit Handicap ein selbstbestimmtes Lernen und Leben, fördert die soziale Integration und bereitet sie auf eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft vor. Seit der Eröffnung der „Sonderschule für geistig Behinderte im November“ 1969 und der Taufe zur „St. Martin-Schule“ 1983 hat sich viel getan. Seit Sommer 2020 untersteht die Einrichtung der Leitung von Cornelius Breyer und dem Kultusministerium.

Tagestätte Schon 1969 wurde der Schule eine Tagesbetreuung angegliedert. Heute betreut die Heilpädagogische Tagesstätte Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis 20 Jahren. Sie ergänzt Schulvorbereitende Einrichtung (SVE) und Schule zu einem Ganztagsangebot für alle Altersstufen.