Er hat einiges erlebt. Und viel zu erzählen. Jürgen Wolfarth ist gebürtiger Kitzinger und dürfte über die größte Sammlung von Bildern und Texten aus der jüngeren Geschichte seiner Heimatstadt verfügen.

Direkt am Marktplatz wohnt der 84-Jährige. Eine steile Wendeltreppe führt hinauf in seine Wohnung. „Die kann ich noch gut laufen“, sagt er mit einem Lächeln. Mindestens zwei Mal die Woche hält sich der Rentner mit ausgedehnten Spaziergängen rund um Kitzingen fit. Immer wieder macht er dabei Fotos – und kann die Gegenwart so mit der Vergangenheit vergleichen.

Gefährliche Mutprobe

„Schau'n Sie“, sagt Wolfarth und zieht eines seiner zahlreichen Fotoalben aus dem vollen Wohnzimmerregal. „So schön hat die Gerolzhöfer Brücke einmal ausgesehen.“ Die Gerolzhöfer Brücke? Dem Betrachter fällt tatsächlich eine filigran geschwungene Brücke über den Main ins Auge. „Genau da steht heute die Nordbrücke“, erklärt Wolfarth. Wolfarth kann sich noch an die Mutproben mit seinen Schulkameraden erinnern. „Die Bahn war eingleisig“, erinnert er sich. „Mit kleinen, seitlichen Balkonen, so wie auf der Alten Mainbrücke“. Ist ein Zug eingefahren, mussten die Kinder so einen Balkon erwischen, sonst hätte der Zug sie überrollt. „Hat immer geklappt“, sagt Wolfarth und grinst. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Brücke gesprengt. Wenig später kam der 23. Februar 1945 und die Luftangriffe.

Wolfahrts Bildersammlung vom zerstörten Kitzingen dürfte einmalig sein. Seine Mutter hatte die Bilder, die die amerikanischen Soldaten schossen, im Fotolabor entwickelt – und dabei heimlich Abzüge für sich gemacht. „Heute darf ich das ja sagen“, meint Wolfarth mit einem verschmitzten Lächeln.

Ein bekannter Journalist

Und schon hat er ein neues Päckchen in der Hand. Vergilbte Zeitungsausschnitte sind darin, Texte von seinem Schwiegervater. „Einem ganz bekannten Kitzinger“, wie er versichert. Dr. Georg Guske arbeitete vor dem Zweiten Weltkrieg als Lokalredakteur bei der Kitzinger Zeitung und nach dem Krieg in gleicher Funktion bei der Mainpost. „Die meisten seiner Texte hat meine Frau geschrieben“, erinnert sich Jürgen Wolfarth. Heute undenkbar: Dr. Georg Guske war auf der Schreibmaschine nicht besonders bewandert, seine Tochter schon. Also hat er ihr viele seiner Texte diktiert.

„Ach, was haben wir denn da?“, sagt Jürgen Wolfarth und zieht eine Seite des „Würzburger General Anzeigers“ aus dem Karton. Die Ausgabe stammt vom 29. November 1923. „Englands Stellung am Rhein“, lautet die Überschrift des Aufmachers. Auf der Rückseite wirbt Betty Seufert für ihre Damenhüte und die Kammer-Lichtspiele für „das urdrollige Lustspiel Muntere Jungs“.

Was passiert mit den Dokumenten

Während der Reporter aus dem 21. Jahrhundert noch staunt, hat Jürgen Wolfarth schon die Festschrift zu 1200 Jahre Kitzingen in der Hand. Vom 23. Juni bis 1. Juli 1951 ist gefeiert worden. Der Bayerische Ministerpräsident Dr. Hans Ehard schreibt im damaligen Duktus: „Mit berechtigtem Stolz und verständlicher Freude feiern die Bürger von Kitzingen das zwölfhundertjährige Bestehen ihrer Stadt. Sie gedenken einer langen und eindrucksvollen Geschichte, in der Fleiß und Reichtum, aber auch die hohe menschliche Bewährung ihrer Vorfahren sichtbar wird.“

Jürgen Wolfarth wird nachdenklich. „Seit 60 Jahren widme ich mich der Geschichte der Stadt“, sagt er. „Aber wenn ich einmal nicht mehr bin, werden bestimmt Zweidrittel von dem hier vernichtet.“ Sein Blick fällt auf die Kartons und Regale, in denen er die Zeitdokumente sammelt. Etwa 1700 Bilder von Kitzingen hat er im Lauf der Zeit archiviert. Unter anderem den Baufortschritt der Konrad-Adenauer-Brücke. Andere Aufnahmen zeigen das Nonnenbrünnlein in der Klinge. „Die Quelle sprudelt nach wie vor“, versichert Wolfarth. „Man müsste die Treppe hinunter halt mal wieder erneuern.“

Vieles gefällt ihm auch nach wie vor an seiner Heimatstadt. Die Arbeit der Stadtgärtner lobt er ausdrücklich. Und die Kleine Gartenschau habe der Stadt einen richtigen Schub gegeben. Der gelernte Fotograf, der später einen Spielwarenladen führte, sieht aber auch die vielen Leerstände in der Innenstadt. Und er bedauert, dass viele ehemals schöne Ecken jetzt von Hecken und Bäumen überwuchert sind. „In der Oberen Anlage waren die Kitzinger früher am Wochenende zum Flanieren unterwegs“, sagt er und zieht einen Plan aus seinen Unterlagen hervor. Wo jetzt die Westtangente verläuft, war früher nur ein Feldweg – und dahinter schön angelegte Spazierwege und sogar ein Aussichtspavillon. „Alles nicht mehr da“, sagt Wolfarth – aber ohne Gram. Er weiß, dass sich die Zeiten ändern. Und jede Zeit ihren eigenen Reiz hat.