Draußen scheint die Sonne, es hat knapp 30 Grad. Werner Beck trägt einen gut isolierenden Overall und eine Pelzmütze, eine Maske schützt sein Gesicht. Nur die Augen sind zu erkennen. Mit dick behandschuhten Händen greift er zum Türöffner. „Nichts anfassen“, sagt er noch mahnend, dann geht es hinein in die Kälte. Minus 42 Grad. Mitten in Wiesentheid.

Der Boden glitzert. Ein Lichterspiel zieht in der von schmucklosem Beton dominierten Schleuse den Blick auf sich. Man ist versucht, tief einzuatmen, um seinem Erstaunen Ausdruck zu verleihen. Doch es ist besser, das zu lassen. Schon bei minus 15 Grad, die in der Schleuse herrschen, fällt das Atmen schwer. Werner Beck schließt die Eingangstür, erst dann geht es durchs nächste Tor. Die Kälte schlägt einem sofort ins Gesicht. Als würde man gegen eine eisige Wand laufen. Hier herrschen minus 42 Grad – die richtige Voraussetzung, um einen Schatz zu lagern, der für viele Menschen überlebenswichtig ist: Blutplasma.

Quarantäne der anderen Art

Seit 33 Jahren arbeitet der Geiselwinder beim Bayerischen Roten Kreuz in Wiesentheid. Erst war er in der Vollblutverarbeitung tätig, vor 20 Jahren ist er dann „runter“ gewechselt, wie er sagt, ins Kühllager. Korrekt ausgedrückt heißt sein Arbeitsplatz Frischplasma-Quarantänelager. Der Begriff macht deutlich, worum es hier geht. Das Plasma wird so gelagert, dass es möglichst lange haltbar ist – und keimfrei bleibt.

Die „Quarantäne“ ist allerdings nicht der Hauptgrund, warum Beck so eindringlich darauf hinweist, dass man nichts anfassen darf. Das Plasma ist sowieso gut in Kisten verpackt. „Wenn Sie etwas anfassen, bleiben Sie kleben“, erklärt er. Die Haut lässt sich nicht mehr von den eisigen Gegenständen lösen. Später, im Büro, krempelt Beck seinen Ärmel hoch: Ein dünner roter Strich ist zu sehen. Eine kleine Unaufmerksamkeit beim Umladen der Plasmabeutel, eine winzige Berührung der Haut mit dem Regal, schon hat er sich verbrannt. Eine große Verletzung ist es nicht, aber ein Beweis dafür, wie schnell etwas passieren kann. Zum Glück sind solche Vorkommnisse die große Ausnahme.

Datenschutz ist wichtig

Etwa 45.000 Einheiten Therapieplasma lagern in Wiesentheid, einzeln verpackt in Portionen zu je 280 Milliliter. Täglich kommen mehrfach neue Lieferungen von der Vollblutverarbeitung in die Blutbank, werden bei minus 60 Grad schockgefroren, dann kommen sie zu Werner Beck und seinen Kollegen. Damit die Kühlkette nicht unterbrochen wird, wird zunächst die gesamte Lieferung in die Kühlung gebracht, dann Karton für Karton wieder herausgeholt und registriert. Die Mitarbeiter etikettieren die Päckchen, lesen die Informationen in den Computer ein. „Blutgruppe B“, sagt Werner Beck mit Blick auf eines der Päckchen. Mehr Informationen kennt er nicht, weder Spender noch Alter noch Ort der Blutentnahme sind für ihn ersichtlich. Die Informationen sind in Barcodes verpackt, für ihn nicht zugänglich. „Datenschutz ist wichtig.“ Was Beck und seine sechs Kollegen, die regelmäßig im Kühllager zu tun haben, aber wissen: wo welche Konservennummer lagert.

Eine halbe Stunde haben die Mitarbeiter Zeit, dann muss das Plasma wieder im Kühllager sein. Etwa vier Monate wird es dort bleiben, bis der Spender zum nächsten Spendentermin kommt. Ist auch diese Spende für die Weiterverarbeitung geeignet, kann das eingelagerte Plasma zur Nutzung freigegeben werden, wird zum Beispiel an Krankenhäuser geliefert. Insgesamt ist Plasma gekühlt etwa drei Jahre haltbar – weit länger als die Vollspende, also das gesamte Blut.

Anziehen und Ausziehen gehört für Werner Beck zum Alltag. Etwa 15 bis 16 Mal am Tag geht er ins Kühllager. Dauert der Aufenthalt nur wenige Minuten, zieht sich der 55-Jährige eine dicke, lange Jacke, Wollhandschuhe und einen Mundschutz an. Ist vorher klar, dass er länger in der eisigen Kälte zu tun hat, schlüpft er in den Overall, die dicken Schuhe, greift zu Pelzmütze und dicken Lederhandschuhen sowie ebenfalls dem Mundschutz. Der schützt die Lungen zumindest ein bisschen vor der beißenden Kälte.

Manchmal bildet sich auch Eis

Dass in der Schleuse vor der Kühlkammer minus 15 Grad herrschen, hat nichts damit zu tun, dass es den Menschen dann leichter fallen würde, den Bereich mit minus 42 Grad zu betreten. „Wir brauchen die Schleuse, um die Feuchtigkeit draußen zu halten. Sonst hätten wir Schnee ohne Ende.“ Es ist wichtig, dass es trocken bleibt im eisigen Bereich. Und so kommt auch die Dame, die gerade den Flur zum Büro feucht wischt, ganz bestimmt nicht in den Kühlraum. „Bis das Wasser auf den Boden tropfen würde, wäre es schon gefroren“, erklärt Beck. Er und seine Kollegen kehren selbst oder greifen mal zum Schieber, wenn sich an einer Ecke doch Eis gebildet haben sollte.

Jeweils fünf Minuten ist Werner Beck normalerweise in der Kühlkammer, die völlig unspektakulär aussieht. Hohe Regale, Boxen, Metalltreppen. Wie jedes andere Lager, wäre da nicht die eisige Temperatur. Man kann sich kaum vorstellen, dass die Mitarbeiter es darin manchmal bis zu 45 Minuten aushalten müssen – wenn sie mit dem Gabelstapler Boxen verschieben oder zuordnen oder wenn der gelernte Elektriker Reparaturen ausführen muss. „Wenn ich dann wieder rausgehe, muss ich schon ein paar Mal ganz tief durchatmen“, sagt der Geiselwinder. Vor allem, im Sommer, wenn ein Temperaturunterschied von 60 bis 70 Grad zwischen Kühlung und Büro herrscht, ist die Arbeit für den Körper nicht ganz einfach. Krank geworden ist er durch die Kälte aber noch nie. „Ich bin so gut wie nie erkältet“, sagt er. „Grippe hatte ich noch gar nicht.“

Die Mitarbeiter sind in der Regel zu zweit im Büro und meist alleine in der Kühlung. „Das haben wir dann immer dabei“, sagt Beck und zeigt auf ein Funkgerät. Das kleine schwarze Ding kann lebensrettend sein, sollte doch mal was passieren. „Ich bin mal hingefallen“, erzählt der 55-Jährige. „Zum Glück war ein Kollege dabei und hat mir geholfen.“ Man müsse auf sich aufpassen, sagt Beck über seinen ungewöhnlichen Arbeitsplatz. „Auf sich und auf die anderen.“ Und natürlich auf den Schatz in seiner Kühlkammer.

In unserer Sommerserie berichten wir über Menschen, die in besonderen Berufen arbeiten. Morgen sind wir im Gusswerk, beim heißesten Arbeitsplatz in der Region.

Blutpräparate und ihre Verwendung

Verwendung von Blutpräparaten: Blut wird nicht nur nach Unfällen oder bei Operationen benötigt. 19 Prozent der Blutpräparate wird bei Krebserkrankungen verwendet, 16 Prozent bei Herzerkrankungen, 16 Prozent bei Magen- und Darmkrankheiten, zwölf Prozent bei Verletzungen aus Straßen-, Sport-, Berufs- und Haushaltsunfällen, sechs Prozent bei Leber- und Nierenkrankheiten, vier Prozent bei Komplikationen bei Geburten und vier Prozent bei Knochen- und Gelenkkrankheiten. Die restlichen 18 Prozent verteilen sich auf weitere Einsatzgebiete.

Bedarf: Allein in Bayern werden täglich etwa 2.000 Blutkonserven benötigt. Bundesweit sind es 15.000. Mit einer Blutspende kann bis zu drei kranken oder verletzten Menschen geholfen werden. Eine Blutspende ist Hilfe, die ankommt und schwerstkranken Patienten eine Überlebenschance gibt. Blutpräparate haben eine Haltbarkeit von lediglich 42 Tagen, daher ist ein kontinuierliches Engagement der Spenderinnen und Spender essenziell. (len)