Je nach Region heißen sie Vierer, Neuner oder Elfer, mancherorts auch Grenzer oder Marksteinmerker und im Landkreis Kitzingen Siebener: Das älteste kommunale Ehrenamt in Bayern ist unter ganz unterschiedlichen Namen bekannt. Gleich dagegen ist ihre Aufgabe: Die Feldgeschworenen hüten die Grundbesitz- und Gemarkungsgrenzen, sind wichtiger Partner der Vermessungsämter und Geheimnisträger, ohne ein Geheimbund zu sein.

Der Termin stand schon lange im Kalender: Am vergangenen Samstag wollten sich die Feldgeschworenen in der Mainstockheimer Mehrzweckhalle zu ihrem Jahrtag treffen. Auch Christian Kehrer wäre dabei gewesen. Gemeinsam mit anderen Neu-Siebenern hätte er vor Landrätin Tamara Bischof den Eid abgelegt – so ist es Tradition. Weil der Jahrtag aber eine Großveranstaltung ist, zu der alljährlich fast alle der etwa 600 Feldgeschworenen im Landkreis erscheinen, musste die Veranstaltung Corona bedingt abgesagt werden. Kehrer legte den Amtseid in einer Stadtratssitzung vor dem Kitzinger Oberbürgermeister Stefan Güntner ab. Und am Samstag machte er sich stattdessen mit den anderen Sickershäuser Feldgeschworenen auf zu seinem allerersten Flurgang, den er schon mit Spannung erwartet hat.

Häufig eine Familientradition

Christian Kehrer ist relativ überraschend zu seinem Ehrenamt gekommen. Feldgeschworener ist man auf Lebenszeit. Stirbt ein Siebener, wird in der Regel zunächst in seiner Familie nachgefragt, ob jemand das Amt übernehmen möchte. Steht dort niemand zur Verfügung, beispielsweise weil es keine Nachkommen gibt, berät die Runde darüber, wen sie für geeignet hält, das Ehrenamt zu übernehmen. So war es auch in Sickershausen. „Ich war schon überrascht, als ich gefragt wurde“, gesteht Christian Kehrer. Lange überlegen musste der 33-Jährige nicht. Er freut sich, ein Amt übernehmen zu dürfen, das auf eine so lange Tradition zurückblickt.

Je nach Gemeindegröße gibt es unterschiedlich viele Siebener. „Meist sind es fünf, manchmal sieben, in Volkach acht, in Kitzingen noch mehr“, erklärt Franz Heilmann. Der Volkacher ist seit 1987 Feldgeschworener und seit 2012 Kreisvorsitzender des Feldgeschworenenverbandes im Landkreis. Damit steht er einer Gruppe vor, die sich fast ausschließlich aus Männern zusammensetzt. Lediglich sieben Frauen üben im Landkreis Kitzingen das Siebener-Amt aus, und Franz Heilmann freut sich über jede, die neu dazu kommt. „Es ist immer positiv, wenn Frauen gefragt werden und dann auch mitmachen.“

Die einzige Obfrau weit und breit

Karin Bischoff ist eine von ihnen – und sogar eine ganz Besondere. Als sie 2005 das Amt übernahm, war sie erst die zweite Frau als Feldgeschworene in Bayern. Ursprünglich hatten die Segnitzer Siebener ihren Mann gefragt, doch der hatte seine Frau vorgeschlagen. „Die ist auch Vermessungsingenieurin, die kann das auch“, hatte er befunden. Die Segnitzer nahmen den Vorschlag gerne an. Als Karin Bischoff dann 2018 als Obfrau der Segnitzer Siebener vereidigt wurde, war sie die erste Frau in diesem Amt überhaupt. „Es gibt keine andere weit und breit“, sagt Karin Bischoff lachend.

Hauptaufgabe der Feldgeschworenen ist es, die Grenzen zu kontrollieren und Grenzsteine zu setzen oder zu entfernen, beispielsweise bei Baumaßnahmen. Dann rücken die Siebener mit Winkeleisenstab, Metermaß, Setzlatte, Hammer, Spaten und weiteren Gerätschaften an und werden – teils in Zusammenarbeit mit dem Vermessungsamt – aktiv. Eine anstrengende Arbeit, vor allem bei größeren Projekten. „Beim Bau der Umgehungsstraße mussten wir 60 Steine setzen. Das war ein Kraftakt“, erinnert sich die Segnitzer Obfrau. Auch im Zuge von Flurbereinigungen oder bei der Dorferneuerung haben Siebener viel zu tun. Zuständig sind sie auch, wenn ein Grenzstein aufgerichtet, höher oder tiefer gesetzt oder gesichert werden muss. Alles das darf der Normalbürger nicht tun. Und sie kommen auch zum Einsatz, wenn beispielsweise ein Landwirt bei der Feldarbeit versehentlich einen Stein verschiebt. Ist der Grenzstein nicht mehr an seiner ursprünglichen Stelle, darf man ihn nicht einfach wieder dorthin zurückschieben. „Grenzsteine zu versetzen ist strafbar“, betont Franz Heilmann.

Geheime Zeichen

Ob sich jemand am Stein zu schaffen gemacht hat, können die Feldgeschworenen erkennen. Die Lage der Steine wird mit geheimen Zeichen gekennzeichnet, auch Beleg genannt. Das sind Zeichen aus einem bestimmten Material, die in einer bestimmten Art und Weise angeordnet werden – und die kennen eben nur die örtlichen Siebener und dürfen sie nicht verraten. Das gehört auch heute, viele hundert Jahre nach Einführung dieses Ehrenamtes, noch zum Schwur, den sie bei Amtsantritt leisten.

„Wird das Geheimnis unter dem Stein gefunden, dürfen wir ihn wieder herstellen“, erklärt Franz Heilmann. Ist der Beleg aber verändert oder nicht mehr da, ist das Vermessungsamt am Zug. Das gilt auch, wenn die so genannte Mittelpunktsicherung des Grenzsteins fehlt. Dieser Magnetbolzen – „er sieht aus wie eine gelbe Karotte“, sagt Karin Bischoff – erleichtert das Auffinden der Grenzpunkte, denn nicht immer sind die Grenzsteine leicht zu entdecken.

Die Zusammenarbeit mit dem Vermessungsamt bezeichnet Franz Heilmann als vorbildlich. Behörde und Siebener arbeiten Hand in Hand. Zudem vermittelt das Vermessungsamt den Siebenern bei Fortbildungen, was sie über rechtliche Grundlagen und über ihre praktische Arbeit wissen müssen. Die Neusiebener lernen dort unter anderem, wie Grenzpunkte gesichert, Abmarkungsprotokolle und die dazugehörigen Skizzen erstellt werden. Die Teilnahme ist freiwillig, doch das Angebot wird gerne und oft angenommen, erzählt Franz Heilmann. Nicht nur von den „Neuen“. Auch Heilmann selbst ist immer wieder dabei. „Ich habe da schon sehr viel gelernt.“

Manchmal sind auch Bürger eingeladen

Bei Flurgängen, die von der Gemeinde, Bürgermeister oder Bürgermeisterin, angeordnet werden, kontrollieren die Feldgeschworenen die Grenzen. In manchen kleinen Orten ist das alljährlich der Fall, in größeren Gemarkungen wird jedes Jahr ein anderes Teilstück begangen. Es gibt aber auch Orte, in denen über einen langen Zeitraum überhaupt keine Flurgänge stattfinden. So liegt in Segnitz, der kleinsten Gemeinde im Landkreis, deren Grenzen zudem über weite Teile im Main verlaufen, der letzte von der Gemeinde angeordnete Flurgang schon mehrere Jahrzehnte zurück. „Wir machen zumindest einen Gemarkungsumgang“, berichtet Karin Bischoff. „Da darf dann auch die Bevölkerung mitgehen. Es ist eine kleine Wanderung, damit die Bürger sehen, wo die Grenzen der Gemeinde sind.“ Beim offiziellen Flurgang dagegen sind die Siebener unter sich. Die Grundstückseigentümer werden im Voraus auf den Termin hingewiesen und müssen ihre Grenzsteine aufdecken, damit die Feldgeschworenen kontrollieren können, ob sie an der richtigen Stelle sitzen oder ob gar ein Stein fehlt.

Die Tradition der Feldgeschworenen ist alt, lässt sich bis ins 13. und 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Veraltet ist sie trotzdem nicht und nach wie vor notwendig. Daher wünscht sich Karin Bischoff, dass es auch den Feldgeschworenen möglich ist, mit der Zeit zu gehen. „Ein GPS-Gerät würde die Arbeit erleichtern“, sagt sie, denn oft hat man nur grobe Maße, wo der Grenzstein sich befindet und tut sich mit der Suche schwer. „Würde die Verwaltungsgemeinschaft oder mehrere Gemeinden zusammen ein solches Gerät anschaffen, wäre der finanzielle Aufwand nicht groß“, sagt sie. Der Nutzen für die Siebener dagegen schon. Die Volkacher können das bestätigen: Die dortige VG hat bereits 2016 ein Gerät gekauft, das nicht nur Bauamt und Bauhof, sondern auch Franz Heilmann und seinen Kollegen im VG-Gebiet zur Verfügung steht. Schließlich verbietet der Erhalt einer Tradition ja nicht, dass es modern zugeht.