Kitzingen ist seit Anfang Juli um eine medizinische Einrichtung ärmer: Von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, hat das KfH-Nierenzentrum in der Keltenstraße seine Pforten dauerhaft geschlossen. Der Großteil der Patienten fährt jetzt zur Dialyse nach Ochsenfurt.

Ingrid Roßner ist erschüttert. „Damit hätte ich nie gerechnet“, sagt sie, als sie von der Schließung des KfH-Nierenzentrums Kitzingen hört. Es habe keinerlei Gerüchte gegeben, sagt die Leiterin der Regionalgruppe Würzburg und Umgebung im Landesverband Bayern e.V., die 160 Mitglieder in der Region hat, einige davon kommen aus dem Landkreis Kitzingen. Weder die Selbsthilfegruppe wurde informiert noch die Öffentlichkeit.

Zu wenig Patienten

„Es gab vorab keine große Kommunikation“, bestätigt Sven Axt, Regionalleiter Mitte/Süd beim Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation e.V. (KfH), das in Deutschland etwa 200 Nierenzentren betreibt. Man habe mit Patienten und Mitarbeitern gesprochen, die Landrätin, den Oberbürgermeister und die Klinik Kitzinger Land informiert.

„Wir haben gut und gerne mit dem Nierenzentrum zusammengearbeitet“, sagt Thilo Penzhorn, Vorstand der Kitzinger Klinik, die in unmittelbarer Nachbarschaft liegt. Die Zusammenarbeit sei aber nicht sehr relevant gewesen, die Anzahl der Patienten gering – etwa 15 im Jahr. „Die bringen wir jetzt nach Ochsenfurt.“ Zudem verfügt die Kitzinger Klinik über eine Dialysemöglichkeit auf der Intensivstation.

So überraschend die Schließung für die Öffentlichkeit ist, für das KfH war sie schon seit einigen Jahren absehbar. Laut Versorgungsauftrag ist ein Zentrum mit zwei nephrologischen Ärzten für bis zu 100 Patienten vorgesehen. „Bei 60 bis 65 Patienten schreibt ein Zentrum eine schwarze Null“, so Sven Axt. In Kitzingen war die Tendenz seit Jahren rückläufig. Anfang 2019 wurden knapp 55 Patienten versorgt, im ersten Quartal 2021 waren es noch 45. Das KfH habe versucht, mehr Patienten für Kitzingen zu gewinnen, aber das habe nicht geklappt.

Vergütung nicht erhöht

Zudem wurde laut Axt seit 2003 die Vergütung für die Zentren nicht erhöht, zweimal seien sie sogar abgesenkt worden, wohingegen die Tariferhöhungen getragen werden mussten. „Wir haben es so lange versucht, wie es geht. Aber irgendwann war es wirtschaftlich einfach nicht mehr machbar“, erklärt der Regionalleiter. Für einen gemeinnützigen Verein wie das KfH sei wirtschaftliches Arbeiten aber Grundvoraussetzung. „Wenn Sie über Jahre ein so großes Defizit haben, müssen Sie sich entscheiden.“ Zumal auch das Gebäude, das dem Verein gehört, in die Jahre gekommen ist. „Wir hätten für eine dauerhafte medizinische Versorgung viel investieren müssen.“ Das Gebäude soll verkauft werden, genaue Angaben will Axt aber noch nicht machen. „Wir sind in guten Gesprächen, dass es weiterhin im medizinischen Bereich genutzt werden kann.“

Die Entscheidung, das Kitzinger Zentrum dauerhaft zu schließen, sei den Patienten im Mai mitgeteilt worden. Über Ärzte und Pflegekräfte seien ihnen Gesprächsangebote gemacht worden, „um den Schock zu verkraften“. Auch hätten sich die Ärzte der umliegenden Zentren vorgestellt, an die Patienten wechseln können. Vorschriften, welches Zentrum man für die Dialyse wählt, gibt es nicht.

Der Großteil der Patienten wird zur Dialyse künftig nach Ochsenfurt fahren. Dort hat die KfH erst vor zwei Jahren ein neues, großes Nierenzentrum eröffnet – und hatte dabei wohl schon die Kitzinger Patienten im Blick.

Viele Wechsel

Etwa 55 Patienten werden bislang in Ochsenfurt versorgt, sagt Axt, mit den Kitzingern seien es künftig etwa 85. Einige Kitzinger Patienten würden nach Würzburg wechseln, jeweils zwei nach Schweinfurt beziehungsweise Haßfurt. Der Großteil der Mitarbeiter wechsle ebenfalls nach Ochsenfurt.

Einer der beiden ärztlichen Leiter des Kitzinger Zentrums, Dr. Haiko Ehrich, wechselt in die Leitung des Schweinfurter Zentrums. Dr. Kurt Bausewein führt seine nephrologische Praxis im Gebäude in der Keltenstraße weiter, allerdings ohne die Möglichkeit der Dialyse.

Sven Axt sagt, dem Vorstand des Kuratoriums sei es bei der Entscheidung über den Standort Kitzingen wichtig gewesen, dass es im Umland ausreichend Nierenzentren gibt, um eine wohnortnahe Versorgung der Patienten zu gewährleisten, so dass diese nicht zu viel Zeit für die Fahrt zur Dialyse investieren müssen. „Es geht hier um Lebenszeit“, so Axt.

Strapaze für Patienten

Eben deshalb ist die Schließung des Kitzinger Zentrums nach so vielen Jahren für Ingrid Roßner absolut nicht nachvollziehbar. Seit 1974 hat sie Erfahrung mit Dialyse, bis 1985 musste sie ihr Blut regelmäßig in Heimdialyse reinigen. 1985 folgte die erste Transplantation, ab 1997 war sie wieder dialysepflichtig, bevor 2007 erneut eine Transplantation folgte.

Sie kennt also den zeitlichen Aufwand, sie kennt die Strapazen, die der Patient mitmacht, aus eigener Erfahrung – und aus unzähligen Gesprächen in der Selbsthilfegruppe, in der sie sich seit vielen Jahren engagiert und die sie seit 2017 leitet.

Viereinhalb Stunden dauert eine Dialyse, bei manchen Patienten sogar sechs Stunden – und das dreimal pro Woche. „Und nach jeder Dialyse ist man fix und fertig“, weiß Roßmann. In diesem Zustand dann noch lange Fahrten auf sich nehmen zu müssen, sei schlimm. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ein Zentrum geschlossen wird“, sagt Ingrid Roßner. „Aber da geht es heutzutage wohl nur noch um die Zahlen und die Buchführung.“

Dialyse

Rund 80.000 Menschen in Deutschland sind auf eine Dialyse angewiesen, da ihre Nieren das Blut nicht ausreichend reinigen können. In einem Dialysezentrum wird das Blut der Erkrankten zwei- bis dreimal in der Woche über vier bis fünf Stunden gewaschen. Dafür wird es außerhalb des Körpers über eine Membran gefiltert. Das Verfahren wird auch als Hämodialyse oder Zentrumsdialye bezeichnet. Die Peritonealdialyse, auch Bachfelldialyse genannt, führt der Patient hingegen selbst zu Hause durch. Im Gegensatz zur Hämodialyse muss dies täglich geschehen. Über einen Katheter injiziert der Betroffene ein flüssiges Dialysat in seine Bauchhöhle. Das Dialysat nimmt die Stoffwechselprodukte auf, die sonst über die gesunde Niere ausgeschieden werden. Das Bauchfell dient dabei als körpereigene Membran, über die das Blut gereinigt wird. Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung