Als „Insel der Glückseligen“ hat Dr. Edgar Gramlich den Landkreis Kitzingen vor zehn Tagen in einem Interview mit dieser Zeitung bezeichnet. Mittlerweile gibt es drei Tote im Zusammenhang mit Covid 19 zu beklagen, das Virus ist sowohl in der Gemeinschaftsunterkunft im Innopark ausgebrochen als auch im Seniorenheim „Schloss Ebracher Hof“ in Mainstockheim. Dennoch bleibt der Versorgungsarzt bei seiner Einschätzung: „Wir sind bislang noch glimpflich davon gekommen.“ Die Vergleichszahlen geben ihm Recht.

Peter Brandner nimmt kein Blatt vor den Mund. Der Besitzer des Mainstockheimer Seniorenheims will aufklären, etwaigen Gerüchten entgegentreten. Am Sonntag hat er erfahren, dass ein Bewohner seines Hauses in der Klinik verstorben ist. „Der Mann kam schon schwer erkrankt zu uns“, erinnert er sich. Er hatte etliche Grunderkrankungen, musste fünf Mal stationär in Kliniken behandelt werden.

Anfang April ist er mit negativem Corona-Abstrich todkrank noch einmal aus der Klinik entlassen worden. Mitte April hat er Fieber bekommen, ein neuerlicher Abstrich wurde veranlasst. Am Samstag, 18. April, kam das positive Ergebnis. Der Mann wurde in die Klinik Kitzinger Land verlegt.

„Im Moment sieht es so aus, als wären wir knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt.“
Peter Brandner, Seniorenheim Mainstockheim

„Noch an diesem Samstag haben wir die Bewohner in andere Zimmer verlegt“, berichtet Brandner. „Eine Isolierstation mit Schleuse wurde errichtet. Das Gesundheitsamt hat sich eingeschaltet, alle Mitarbeiter und alle Bewohner sind binnen kürzester Zeit auf Covid-19 getestet worden. Ergebnis: Ein Mitarbeiter und drei Bewohner sind positiv. Der Mitarbeiter befindet sich in Quarantäne, eine Bewohnerin wird in der Klinik Kitzinger Land behandelt, die zwei anderen auf der Quarantänestation, die im Ebracher Hof errichtet wurde. Alle anderen Bewohner und Mitarbeiter sind negativ getestet worden. „Im Moment sieht es so aus, als wären wir knapp an einer Katastrophe vorbei geschrammt“, sagt Brandner. Der Betrieb im Seniorenheim kann derzeit aufrecht erhalten werden.

Drei Menschen aus dem Landkreis Kitzingen sind bisher an den Folgen von Corona gestorben. Am 22. April ist ein 1932 geborener Mann mit etliche Vorerkrankungen an Covid-19 gestorben. Am vergangenen Sonntag dann der Bewohner des Mainstockheimer Seniorenheims. Am Montagmorgen kam dann die Nachricht vom dritten Corona-Toten. Ein 1936 geborener Mann, der ebenfalls chronische Grunderkrankungen hatte. Im Vergleich zu anderen Landkreisen in Bayern stellt sich die Situation im Landkreis Kitzingen tatsächlich relativ gut da. Rosenheim vermeldet beispielsweise 116 Tote und 1970 Infizierte, im Landkreis Tirschenreuth sind es 99 Tote und fast 1100 Infizierte.

Im Landkreis Kitzingen hatten sich – Stand Montagvormittag – 144 Menschen infiziert, 105 von ihnen sind bereits als gesund gemeldet. 85 Menschen befinden sich aktuell als Kontaktpersonen 1 in Quarantäne.

Hinzu kommen die rund 260 Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft Innopark in Kitzingen. Nachdem dort 20 Bewohner positiv auf Covid 19 getestet wurden, hat das Gesundheitsamt Kitzingen Ende letzter Woche die Quarantänemaßnahmen veranlasst. Die positiv getesteten Bewohner wurden bereits gesondert untergebracht. Die meisten kamen ins Ankerzentrum Schweinfurt, wo ein Ärztezentrum eingerichtet ist. „Die anderen sind anderweitig untergebracht“, berichtet Pressesprecher Johannes Hardenacke von der Regierung von Unterfranken.

Bis Montagmittag hatten fast 200 der 262 Bewohner ihr Ergebnis vorliegen. Die Zahl der Infizierten stieg von 20 auf 29. Wie und wo die erste Ansteckung passieren konnte, sei nicht klar, berichtet Hardenacke. Wie bei allen anderen Fällen auch werden die Kontaktpersonen ermittelt. Dass ein Flüchtling das Virus aus dem Ausland eingebracht hat, kann Hardenacke ausschließen. Seit Anfang März werden alle Neuankömmlinge in Bayern auf Corona getestet. Die Bewohner im Innopark werden über Lebensmittelpakete versorgt, Mitarbeiter der Verwaltung der Security sind vor Ort. Die Bewohner sind angehalten, die bekannten Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. „Wir haben ein entsprechendes Schreiben in sechs Sprachen aufgelegt und verteilt“, so Hardenacke.

Dr. Gramlich wundert sich nicht über die beiden Fälle. „Wo viele Leute auf engem Raum zusammenleben ist so eine Entwicklung absehbar“, sagt er. Zum Glück würden die Bewohner in der Gemeinschaftsunterkunft von Medizinern der Missionsärztlichen Klinik in Würzburg betreut. „Die wissen am besten Bescheid über die verschiedenen Ethnien und können auch kulturelle Hürden überwinden“, meint der Albertshöfer. Zurzeit sind in der Einrichtung vor allem Menschen aus Afghanistan, Somalia, Äthiopien, Syrien, Nigeria und dem Iran untergebracht.

Engen Kontakt zur Einrichtung hatten über all die Jahre die Flüchtlingsberater der Caritas, Sophie Frieling und Marion Stöhr. Mit Ausbruch der Pandemie ist ein Betretungsverbot für die Einrichtung erlassen worden. Ehrenamtliche Helfer durften nicht mehr hinein, die Caritas-Mitarbeiter hatten eine Sondererlaubnis. „Zuletzt haben wir die Flüchtlinge aber auch nur noch per Telefon oder Email kontaktiert“, berichtet Stöhr. Dass die Gemeinschaftsunterkunft unter Quarantäne gestellt wird, sei auch für sie nur eine Frage der Zeit gewesen. Die Räumlichkeiten sind beengt, die Menschen wohnen auf einer Etage dicht an dicht. In verschiedenen Sprachen sei mit Aushängen auf die Pandemie aufmerksam gemacht worden, die Bewohner seien – so gut es geht – aufgeklärt worden.

Schutzmaterialien wie Masken hätten sich die Bewohner selber organisieren müssen. „In den dezentralen Unterkünften wäre manches besser gelaufen“, glaubt Stöhr.

„Wo viele Leute auf engem Raum zusammenleben ist so eine Entwicklung absehbar.“
Dr. Edgar Gramlich, Versorgungsarzt

Die Unterbringungen in vielen kleineren Gemeinden sind vor rund zwei Jahren zugunsten der Gemeinschaftsunterkünfte geschlossen worden.

Peter Brandner und seine Mitarbeiter haben eine harte Woche hinter sich gebracht. „Die Corona-Bestätigung traf unsere Einrichtung wie ein Schlag“, sagt er. Innerhalb der alten Klostermauern hatten sich Belegschaft und Bewohner immer sicher gefühlt. Jetzt stehen alle vor einer enormen Herausforderung. „Vor einem täglichen Kampf gegen einen unsichtbaren Feind“, wie es Brandner formuliert. Doch die Angst vor Corona ist mittlerweile gewichen. „Wir wissen jetzt, wie man dem Virus begegnen kann“, sagt Brandner.