Die gute Nachricht ist: Die notärztliche Versorgung im Landkreis Kitzingen ist gesichert. Die weniger gute kommt aber gleich hinterher: Die Last verteilt sich auf relativ wenige Schultern. Zwei davon gehören Konrad Mittenzwei. Wie viele andere Kollegen schiebt er zusätzlich zu seiner Regel-Arbeitszeit, die er in der eigenen Praxis ableistet, etwa zehn Nachtschichten im Notarztdienst. Als Gruppensprecher der Notärzte im Bereich Kitzingen ist er zudem für die Dienstplangestaltung verantwortlich. Und für Menschenleben.

Mittenzwei hat im Landkreis Kitzingen ein starkes Team und sehr motivierte Ehrenamtliche um sich. Die Notfallversorgung garantieren Mediziner, welche die Dienste neben ihrer Haupttätigkeit in Praxis oder Klinik leisten. Der Rettungsdienst wird vom Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuzes organisiert. Dafür zeichnen Dr. Stephan Rapp, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin in der Klinik, und Felix Wallström, Kreisgeschäftsführer des Kitzinger BRK-Kreisverbandes, verantwortlich.

Die drei sind sich einig, dass die Situation im Landkreis entspannt ist. Ein entscheidender Faktor ist dabei der Standort der Klinik Kitzinger Land. „Zwischen dem Kliniksterben auf dem Land und den fehlenden Notarztstunden gibt es einen direkten Zusammenhang“, erklärt Dr. Rapp. Schließlich seien in Kitzingen die Hälfte der 24 Ärzte, die Notfalldienste leisten, an der Klinik angestellt. Der überwiegende Teil lebe selbst im Landkreis, habe keine weite Anfahrt zu den Rettungswachen in Volkach, Kitzingen und Wiesentheid. Während Volkach sich sozusagen selbst versorgt, müssen 20 Prozent der Notarztstunden in Wiesentheid von den Kitzinger Ärzten mitbetreut werden.

Da sind die Gruppensprecher mit der Gestaltung des Dienstplanes gut beschäftigt und brauchen gerade in Zeiträumen wie den Weihnachtsfeiertagen oder dem Jahreswechsel das gewisse Fingerspitzengefühl. Schließlich verbringen auch Notärzte diese Zeit am liebsten mit ihrer Familie. Dass im vergangenen Dezember und Januar gerade einmal 0,2 Prozent der Stunden vakant blieben, zeugt von der hohen Bereitschaft der Ärzte, die Dienste auch an solchen Tagen zu füllen. „Man muss einfach insgesamt auf die Work-Life-Balance achten“, findet Konrad Mittenzwei.

Auch wenn einmal kein Notarzt zur Verfügung steht, weil er zum Beispiel bei einem anderen Einsatz gebunden ist, bedeutet es ja nicht, dass die Menschen im Kitzinger Landkreis im Notfall nicht versorgt würden. Schließlich stelle das Rote Kreuz einen sehr leistungsfähigen Rettungsdienst. „Die Rettungskette ist von unserer Seite vom Helfer vor Ort über die Rettungs- und Notfallsanitäter bis hin zum mobilen Notarzt und der Versorgung in der Klinik komplett gegeben“, weiß Felix Wallström. Er ist sehr stolz auf seine vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter, die sich regelmäßig für eine geringe Aufwandsentschädigung dem Notfalldienst verschreiben und im Vorfeld schon etwa 520 Stunden ihrer Freizeit in die Ausbildung zum Rettungssanitäter stecken.

Zudem wurde das neue Berufsbild des Notfallsanitäters installiert. „Er hat weitreichende Kompetenzen, auch bei vitalbedrohten Patienten.“ Für die beiden Notärzte geht der Kompetenzbereich noch nicht weit genug. Verschreibungspflichtige Medikamente, wie zum Beispiel Schmerz- und Herz-Kreislauf-Mittel, dürften von Notfallsanitätern auch im Notfall nicht ohne Rücksprache verabreicht werden. „Hier müsste eine klare, gesetzliche Regelung her, was wann verwendet werden darf“, wünscht sich Stephan Rapp. „Die Ärzteschaft ist scheinbar noch nicht bereit dafür, solche Kompetenzen abzugeben“, bedauert Dr. Mittenzwei.

Dabei könnte eine eindeutige Gesetzeslage für Entlastung sorgen, gerade auch in Gebieten, in denen Notärzte fehlen. Für Michelle Peschel wäre es kein Problem, mehr Verantwortung zu übernehmen. Notfallsanitäter ist ihr Traumjob. Über die Wasserwacht und die Bereitschaften kam die 22-Jährige zum Rettungsdienst, in ihrem Heimatort ist die Rettungssanitäterin auch Helfer vor Ort. Jetzt macht sie ihre Leidenschaft zum Beruf. „Jeder Tag ist anders, man weiß nie, was einen erwartet“, erzählt die Schwarzacherin. „Man muss allerdings auch der Typ dafür sein“, weiß Michelle – schließlich gerate man immer wieder in brenzlige Situationen, in denen es auch um Menschenleben geht. „Man muss lernen, die Einsätze mit der Berufskleidung abzustreifen. Und wenn man Redebedarf hat, sind die Kollegen da.“

Im Moment absolviert sie das erste Ausbildungsjahr, drei werden es am Ende sein. In Blöcken besucht Michelle die Schule in Würzburg, eine hochmoderne Einrichtung mit professionell ausgestatteten Räumlichkeiten, die verschiedenste Notfälle simulieren. Den praktischen Teil erlernt sie unter anderem in der Klinik Kitzinger Land – wieder ein Faktor, warum die Klinik so wichtig ist für die notärztliche Versorgung im Landkreis. „Wir kümmern uns hier auch direkt um den Nachwuchs“, sagt Dr. Rapp. Ärzte und Sanitäter arbeiten zusammen, sie lernen sich kennen, schon bevor es zum Ernstfall kommen kann. So wird die Zusammenarbeit und der Zusammenhalt zwischen den beiden eigenständigen Institutionen Klinik und BRK-Kreisverband gestärkt. „Das System kann nur funktionieren, weil man sich kennt und gegenseitig unterstützt“, sagt Felix Wallström.

So weist er zwar pflichtbewusst darauf hin, dass bis Ende März am Notarztstandort Wiesentheid noch 25 Stunden unbesetzt sind. Und dass es für seine Mitarbeiter, die nicht nur Rettungs- und Notfallsanitäter, sondern auch Fahrer des Notarztwagens stellen, gut wäre, wenn man die Dienste langfristiger planen könnte. Aber er lächelt zurück, als Dr. Stephan Rapp mit einem Augenzwinkern verspricht: „Die werden wir schon noch voll kriegen.“ Denn er weiß: Die notärztliche Versorgung im Landkreis Kitzingen ist gesichert.