Ein Drittel aller Vogelarten, die in Deutschland vorkommen, zeigen seit dem Ende der 90er Jahre „signifikante Bestandsabnahmen“. Beim Rebhuhn sind es 84 Prozent, beim Kiebitz 80 Prozent. Das hat die Bundesregierung vor kurzem auf eine Anfrage der Grünen mitgeteilt. Klaus Sanzenbacher und Robert Endres überrascht diese Nachricht nicht. Sie kennen die erschreckende Entwicklung aus dem Landkreis Kitzingen zur Genüge.

Treffpunkt im Deuster-Turm, oberstes Stockwerk. Hier, rund 20 Meter über dem Erdboden, kommt der Vorstand der LBV-Kreisgruppe regelmäßig zusammen, um über die neuesten Entwicklungen zu beraten. „Die Zahl der Kiebitze ist auch bei uns dramatisch zurückgegangen“, sagt Endres. Bei der Goldamme schaut es nicht viel besser aus, beim Grünfink oder Dompfaff auch nicht. Und der Ortolan ist ein Dauerthema. Bei der Frage nach dem Warum muss Schriftführerin Silvia Sauer schmunzeln. „Achten Sie beim Autofahren mal auf Ihre Windschutzscheibe“, sagt sie. „Früher hingen da nach einer Fahrt jede Menge toter Insekten dran.“

Sauer hat recht: Heute ist das nicht mehr der Fall. Was für Autofahrer angenehm ist, ist für die meisten Vogelarten tödlich. Ihnen fehlt schlichtweg das Futter. Bei manchen Insektenarten ist der Bestand um bis zu 90 Prozent zurückgegangen, teilt die Bundesregierung auf Anfrage der Grünen mit. Unkraut- und Insektengifte stellten Studien zufolge einen „relevanten Einflussfaktor“ dar.

„Alles muss sauber sein“, ärgert sich Endres – und meint damit nicht die Windschutzscheiben. In seiner Jugend sahen die landwirtschaftlichen Flächen noch ganz anders aus als heute – und die Städte ebenso. Einen „Sauberkeitsfimmel“ attestiert auch Sanzenbacher der heutigen Gesellschaft. Der würde sich durch alle Gruppen ziehen, private Grundbesitzer genauso erfassen wir Landwirte oder Stadtgärtner.

Landwirtschaftliche Verbindungswege oder natürliche Grenzmarkierungen würden selbst während der Brunftzeit mancher Vögel gemulcht, alte und morsche Bäume, die dem Specht eine Heimat geboten haben, aus Sicherheitsgründen entfernt. An Privathäusern würden Schwalbennester entfernt, weil der Kot der Vögel die Besitzer stört. „Dabei sind die Tiere eigentlich ganzjährig geschützt“, gibt Endres zu bedenken. Auch in den Städten gelte das Gebot: Sauberkeit vor Artenvielfalt. „Es wird einfach zu viel abgemäht“, bedauert der langjährige Vogelschützer. Sein Wunsch lautet deshalb: Zuerst einmal muss sich die Einstellung in den Köpfen der Menschen ändern. „Sonst schaut es für unsere heimischen Vögel ganz düster aus.“

Um 300 Millionen sind die Brutpaare in den landwirtschaftlichen Gebieten Deutschlands zwischen 1980 und 2010 zurückgegangen, teilt die Bundesregierung mit. Gegenmaßnahmen sind zwar ergriffen worden, aber die gehen den Verantwortlichen des LBV im Kreis Kitzingen nicht weit genug. Ausgleichsflächen für bauliche Eingriffe in die Natur sind gesetzlich vorgeschrieben. „Aber diese Flächen werden nicht nach artenschutzrechtlichen Leitlinien bewirtschaftet“, bedauert Sanzenbacher. Zudem seien sie kleiner als die versiegelten Flächen. Moderne Bauweisen nehmen Insekten zusätzlich Lebensraum. „Die Wärmedämmungen an den Gebäuden lässt beispielsweise Spinnen keinen Raum mehr“, bedauert Endres. Die Folge: Selbst der Spatz, der vor 20 Jahren noch auf jedem belebten Platz in deutschen Städten zu den Stammgästen zählte, gilt als bedroht. Ihm fehlt nicht nur das Futter, sondern auch die Nistmöglichkeiten.

Klaus Sanzenbacher lässt seinen Blick aus dem obersten Stockwerk des Deuster-Turmes schweifen. Ihm bietet sich eine Rundumschau bei schönstem Wetter bis hinüber zum Steigerwald. „Grün und Gelb“, sagt er. „Sonst sind keine andere Farben zu sehen.“ Monokulturen sind auch für die Grünen-Politikerin Steffi Lemke ein Grund für den dramatischen Rückgang der Vogelwelt.

Immer weniger Anbauarten machen die Nahrungssuche für Vögel nicht leichter. „Wir müssen im Kleinen anfangen“, fordert deshalb auch Klaus Sanzenbacher. Eine kleine Wiese mit Wildblumen sei für die Artenvielfalt ein großer Gewinn. Feuchtgebiete könnten das Überleben von bedrohten Arten wie Rebhuhn, Rohrsänger oder Kiebitz sichern. Alte Streuobstbestände sind beispielsweise für den Steinkauz ein wichtiges Refugium.

Viel Zeit sei nicht mehr, um die Artenvielfalt zu erhalten. „Der Wandel braucht bestimmt 30 Jahre“ sagt Robert Endres und appelliert an alle Besitzer von großen und kleineren Flächen, ihren „Sauberkeitsfimmel“ zu überdenken. „Ein geordnetes Chaos wäre für unsere Vogelwelt Gold wert.“