Wer hätte das gedacht? Große Philosophen befinden sich in der Grundschule St. Hedwig in Kitzingen. Kinderbuchautorin Aygen-Sibel Celik war jedenfalls begeistert von den tief greifenden Fragen, die sich die Sechs- bis Zehnjährigen stellen. Jetzt wünscht sich die Schriftstellerin, dass die Kinder all die Fragen notieren. Um ihr eigenes Lesebuch unter die Menschen zu bringen.

Zwei Tage lang hat Celik in der Grundschule aus ihren Büchern vorgelesen. Mehr als das: Sie hat die Kinder in ihre Welt einbezogen. Der Lions-Club Kitzingen hat die insgesamt fünf Lesungen am Donnerstag- und Freitagvormittag mit einer Spende von 500 Euro möglich gemacht.

Celik wurde 1969 in Istanbul geboren, ihre Eltern wanderten nach Frankfurt aus, als die Tochter eineinhalb Jahre jung war. Mit 15 Jahren ging es zurück nach Istanbul. Sechs Jahre später wieder nach Deutschland. Kein Wunder, dass sich Celik in ihren Büchern mit Themen wie Migration, Fremdsein und Integration auseinandersetzt. „Dieses Profil passt gut zu unserer Schule“, meint Schulleiter Dr. Klaus Aschrich.

Andere Kulturen und gesellschaftliche Phänomene sind den Kindern in St. Hedwig jedenfalls nicht fremd. Als Celik fragt, wer schon einmal in Istanbul war, schnellen an die 20 Finger in die Höhe.

„Man muss Geschichten aus dem Alltag der Kinder erzählen, ihre Wirklichkeit aufgreifen.“
Aygen-Sibel Celik, Kinderbuchautorin

Und als die Autorin wissen will, wer schon einmal etwas von ADHS gehört hat, meldet sich fast der ganze Saal. Erik, die Hauptfigur in ihrem Roman „Geheimnisvolle Nachrichten“ plagt sich nämlich nicht nur mit schlechten Noten herum, sondern auch mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche. Und seine Mutter hat ihn schon quer durch die Republik gefahren, um die richtige Diagnose zu erhalten. ADHS lautet eine Antwort.

„Man muss Geschichten aus dem Alltag der Kinder erzählen, ihre Wirklichkeit aufgreifen“, sagt Celik. Wenn dann noch ein Schuss Spannung dazu kommt, entstehen Kinderbücher, die gerne gelesen werden. Celik hat die richtige Mischung anscheinend gefunden. Sie landete bereits auf der Deutschlandfunk-Bestenliste und ihr Werk „Seidenhaar“ war Buch des Monats beim Literaturreport. Dabei schreibt sie erst seit 2003. Vorher hatte sie in Istanbul und Frankfurt Deutsche Sprache und Literatur studiert.

Die Bücher der 45-Jährigen unterscheiden sich von vielen anderen Werken. Celik integriert die Mehrsprachigkeit der Kinder in ihre Geschichten, verwebt Sprachen miteinander. Erik findet auf seinem Nachhauseweg von der Schule beispielsweise immer wieder rätselhafte Botschaften, die sich erst nach einer langen Suche als türkisch herausstellen.

„Früher hat die Mehrheitsgesellschaft immer versucht, die Fremden zu erklären“, sagt Celik. Diesen Ansatz findet sie nicht zielführend. „Besser wäre es, wenn alle gleich angesprochen werden, schließlich sind alle Kinder Teile dieser Gesellschaft.“ Anstatt die vermeintlichen Defizite von Kindern aus anderen Kulturkreisen in den Vordergrund zu rücken, sollten lieber die Vorteile gesehen und gefördert werden. „Dafür müssten aber manche Erwachsene ihre Haltung überprüfen.“

Die Schüler in St. Hedwig folgen der Autorin. Sie raten mit, was die rätselhaften Botschaften wohl bedeuten könnten. Und sie stimmen begeistert ihrem Vorschlag zu, ein eigenes Philosophiebuch zu erstellen. Fragen haben sie genug: Wer hat uns erschaffen? Wie ist die Welt entstanden? Wie fühlt man sich als jemand anderer? Wie fühlen wir uns bei anderen Eltern? Wie fühlen wir uns, wenn wir tot sind? Die Antworten auf diese Fragen seien gar nicht so wichtig, versichert Celik. „Schon die Fragen bringen einem zum Nachdenken.“ So wie die Geschichten der 45-Jährigen.