Selten waren Begegnungen so rührend. Kinder, die erst noch richtig Deutsch lernen müssen, waren zu Besuch bei den Senioren im Mehrgenerationenhaus Kitzingen. Zunächst sangen die Jungen den Alten einfache, deutsche Lieder vor. Dann entwickelte sich ein ganz besonderer Dialog – ein Dialog zwischen den Generationen und Kulturen. Trotz der Sprachbarriere funktionierte die Unterhaltung – mit Händen, Füßen und viel Herz.

Die alten Menschen, die in St. Elisabeth leben, haben einen Vorteil: Sie haben Zeit. Zeit für Kinder zum Beispiel. Die Senioren haben keine Pflichten wie Kochen und Putzen. Sie sind deshalb bei den Begegnungen mit den Kindern ganz bei der Sache.

„Das ist die Weisheit des Alters: Zu wissen, dass Kummer vergeht und es sich lohnt zu leben.“
Petra Dlugosch, Mehrgenerationenhaus

„Sie freuen sich unbändig, wenn Mädchen und Jungen zu Besuch sind, und schenken ihnen ihre ganze Aufmerksamkeit und Bewunderung“, stellt Petra Dlugosch, Projektleiterin des Mehrgenerationenhauses St. Elisabeth, fest. Geduldig – denn Geduld ist eine Stärke der „Alten“ – warten sie, wenn Kinder den Text des Gedichts, das sie für die Senioren eingeübt hatten, gerade vergessen haben. Und sie freuen sich, wenn es letztendlich erfolgreich aufgesagt ist – egal, ob es etwas holprig klang oder nicht.

„Die Senioren haben viel Verständnis – gelingt es ihnen doch oft selbst nicht mehr, sich an die früher in der Schule gelernten klassischen Gedichte vollständig zu erinnern“, weiß Dlugosch. „Aber mit dem richtigen Stichwort sind sie gleich wieder dabei und rezitieren dann oft seitenlange Gedicht wie den Zauberlehrling oder die Bürgschaft von Schiller.“

Besonders beeindruckend für die Senioren von St. Elisabeth war kürzlich der Besuch der Integrationsklassen der St. Hedwig-Schule Kitzingen. Die Kinder aus Bulgarien, Griechenland, Rumänien, der Ukraine, Afghanistan, Syrien, Korea und Italien hatten deutsche Lieder eingeübt und waren sichtlich aufgeregt bei ihrer ersten öffentlichen Darbietung.

„Über das Singen lernt sich eine fremde Sprache leichter“, erklärten die Lehrerinnen der Integrationsklassen ihre Strategie. Das sei auch bei den hochbetagten Senioren so, betonte Christiane Greubel, die Leiterin der sozialen Betreuung in St. Elisabeth: „Sie erinnern sich an Liedertexte leichter als an einzelne Worte. Vielleicht, weil sie zusammen mit einer Melodie abgespeichert werden und in gewisser Weise automatisiert sind.“

Mit Liedern rund um die Themen Zeit und Wochentage, Tiere und Fahrzeuge präsentierten die Kinder ihre ersten Lernerfolge in der neuen Sprache. Mit „Wenn ich glücklich bin, dann klatsch ich in die Hand“ beschrieben sie Gefühle und stellten diese dann auch pantomimisch dar. Die Mimik bei Trauer und Freude, Wut und Erstaunen ist in den meisten Kulturen auch ohne Worte eindeutig. „Und alte Menschen können gerade diese Informationen besonders gut verstehen, weil ihre Fähigkeit zu hören altersbedingt oftmals stark eingeschränkt ist“, weiß Petra Dlugosch.

Schnell war das Eis gebrochen. Die Kinder erzählten mit Händen und Füßen vom Herkunftsland ihrer Familien, von ihren „Babas“ und „Nonnas“, wie Großmütter auf Ukrainisch und Italienisch genannt werden.

Das berührte die Senioren sichtlich. Nachdenklich berichteten einige der „Alten“: „Ja, da kann ich gut mitfühlen. Auch ich war einst auf der Flucht und habe in Kitzingen mein neues Zuhause gefunden.“ Schwer war es, alles zurücklassen zu müssen, das Spielzeug, das Wohnhaus, die geliebten Haustiere und manchmal sogar die Großeltern, weil die Flucht für sie zu beschwerlich gewesen wäre.

Die Erinnerungen schmerzen noch heute. Das eigene Schicksal und das Mitgefühl für die Kinder ließen die Augen einiger Senioren beim Erzählen feucht werden. Trotz mancher Not haben viele es geschafft, in der neuen Heimat wieder glücklich zu werden. Diese Senioren schauen deshalb schon in die Zukunft: „Wenn die Kinder wiederkommen, werden wir ihnen berichten, werden ihnen Mut machen.“

Petra Dlugosch sagt: „Das ist die Weisheit des Alters: Zu wissen, dass den schlechten Zeiten auch wieder gute folgen. Dass Kummer vergeht und es sich lohnt zu leben – auch mit 90 und mehr Jahren gibt es jeden Tag etwas, worüber man sich freuen kann.“

Viele Kinder könnten sich das gar nicht vorstellen. „Es gibt viele Kinder, die keine Personen kennen, die alt sind – das heißt 80 Jahre oder älter“, berichtet Petra Dlugosch. „Alt sein – das setzen viele automatisch mit Behinderung und Hilfsbedürftigkeit gleich.“ Dass es aber auch Spaß machen kann, mit alten Menschen umzugehen, dass sie sich – obwohl vielleicht im Rollstuhl oder anderweitig eingeschränkt – noch freuen können wie die Kinder, das könne man im Kitzinger Mehrgenerationenhaus St. Elisabeth erfahren.

Umgekehrt wirke Kinderbesuch auf die Senioren anregend und aktivierend. „Noch tagelang erinnern sie sich an den Besuch der kleinen Freunde, auch wenn sie sonst schnell vergessen, was es heute zu Mittag gab oder welcher Wochentag gerade ist.“

Dlugosch erlebt täglich, dass sich die Bewohner von St. Elisabeth schon auf den nächsten Besuch freuen, ebenso wie auf das Spielefest am 13. August. „Sie üben schon Lieder, mit denen sie den Kindern wichtige Worte beibringen können.“ Das fordere sie zugleich und gebe ihnen ein Glücksgefühl: „So können sie mit ihrem Wissen und ihrer Lebenserfahrung folgenden Generationen helfen.“

Spielefest am Samstag

Mehrgenerationenhaus: Das Caritas-Mehrgenerationenhaus (MGH) St. Elisabeth in der Kitzinger Altstadt (Kapuzinerstraße) ist ein Ort, wo Kinder, Jugendliche, Erwachsene und hochbetagte Menschen ganz selbstverständlich miteinander in Kontakt kommen. Seit 2008 hat sich das Haus zu einem festen Bestandteil des sozialen Gefüges in Stadt und Landkreis Kitzingen entwickelt. Spielefest: Unter dem Motto „Meine Spiele – Deine Spiele – unsere Spiele“ lädt das MGH St. Elisabeth am Samstag, 13. August, ab 15 Uhr zum Spielefest der Generationen und Kulturen in den Elisabethenhof ein. Wer schon immer einmal wissen wollte, wie früher gespielt und welche Lieder gesungen wurden, der wird Abzählreime und Geschicklichkeitsspiele mit Seilen und Ringen, Dosen und Bällen sicher spaßig und interessant finden. Das Team des Mehrgenerationenhauses lädt alle Interessierten „zum Mitspielen und Mitlachen“ ein – insbesondere alle Enkel mit Omas und Opas, Freunde und Angehörige aus St. Elisabeth, Mitarbeiter und Mitarbeiterkinder, sowie Kinder, die neu sind in Kitzingen und gerne mit Omas und Opas Spaß haben. Zur Stärkung gibt es Würstchen, Limonade und Eiscreme.