Knapp 1000 Einwohner. Etwa 250 Gästebetten. Die beiden Zahlen machen deutlich, welche Bedeutung der Tourismus in Nordheim am Main hat. Knapp 25 Jahre nachdem die ersten Schritte im Fremdenverkehr unternommen wurden, ist er zum wichtigen Standbein für Bürger und Gemeinde geworden.

Warum beginnt dieser Artikel mit dem Tourismus? Eigentlich beherrscht Nordheim doch gerade ein ganz anderes Thema: der geplante Sand- und Kiesabbau. Auf neun Hektar soll Material abgebaut werden, in fünf Abschnitten über insgesamt zehn Jahre, 500 Tonnen am Tag, die mit dem Lastwagen abtransportiert werden. Alle zehn bis 15 Minuten einer, der durch die Ortsstraße fährt, an der Kindergarten und Bushaltestelle liegen. Eine Bürgerinitiative kämpft gegen die Pläne, auch der Gemeinderat ist mehrheitlich dagegen.

„1100 Jahre Nordheim –

da wollen wir das ganze Jahr über was machen.“

Guido Braun, Bürgermeister

Bürgermeister Guido Braun selbst ist nicht gegen den Abbau. „Aber ich trage die Meinung der Mehrheit natürlich mit.“ Doch eigentlich, so meint er, seien es gar nicht unbedingt die Gemeinderäte, die darüber entscheiden. Sondern vielmehr die Grundstücksbesitzer. Über 40 hätten ihren Grund an das Unternehmen verkauft und den Abbau somit möglich gemacht.

Wirtschaftlich habe die Gemeinde keinen Vorteil vom Sand- und Kiesabbau, betont Braun. Und während der Abbauzeit sei der Verkehr natürlich ein Nachteil für den Ort. Zumal die angegebene Zeit von zehn Jahren durchaus skeptisch zu bewerten sei. „Andererseits hätten wir am Main keinen einzigen See, wenn es den Abbau nicht gegeben hätte“, sagt der Bürgermeister. Ob der Übungsplatz der Bundeswehr oder der Wohnmobilstellplatz, alles das stehe im Zusammenhang mit dem Abbau von Sand und Kies am Main, wenn auch das Material damals noch mit dem Schiff abtransportiert werden konnte. Sie hängen also doch irgendwie zusammen, die beiden großen Themen in Nordheim, der Tourismus und der Kiesabbau.

Der Ort hat sich gewandelt. Hat sich durch den Weinbau und den Tourismus einen Namen gemacht, ist im ganzen Land und darüber hinaus bekannt. Der Spargel dagegen, einst als weißes Gold tituliert und eine nicht zu unterschätzende Einnahmequelle, ist weitgehend verschwunden. Zertifizierungen und Vorschriften haben den kleinen Anbauern das Leben erschwert, die meisten haben den Spargel aufgegeben. Auch die Streuobstwiesen, die die Landschaft an der Mainschleife so prägen, werden nur noch teilweise bewirtschaftet, meist nur noch für das Schnapsbrennen genutzt. Vielleicht hängt es auch ein bisschen mit diesem Wandel zusammen, dass sich die Landschaft ändert, dass Felder und Wiesen brach liegen und dann eben für Abbauflächen zur Verfügung gestellt werden.

Etwa 250 Betten in Hotels, Pensionen und anderen Unterkünften ziehen Gäste nach Nordheim, und die helfen dabei, eine Infrastruktur zu erhalten, die bei knapp 1000 Einwohnern ihresgleichen sucht. Gasthäuser und Cafés mit Eisdielen, Winzerhöfe, zwei Metzger, zwei Bäcker, ein Tante-Emma-Laden, zwei Ärzte. „Alles da“, sagt Guido Braun. Freilich gibt es ein Problem mit dem Parken, das ist immer wieder Thema im Gemeinderat. „Aber wenn kein Tourist dort parkt, steht ein Einheimischer da“, so die Erfahrung des Bürgermeisters. Vollgestellt sind die Plätze im Ort immer.

Dabei wäre es nicht unmöglich, ohne Auto zurechtzukommen. Wenn man sich danach ausrichten würde, hätte man in Nordheim alles, was man braucht. Es gibt eine Busanbindung, den Bürgerbus und natürlich die Fähre, die eine direkte Anbindung nach Würzburg ermöglicht. „Sie ist ein wichtiger Anschluss für uns.“

Überhaupt, die Fähre. Sie ist nicht nur praktisch für die Einheimischen, sondern auch eine Attraktion für die Touristen. Seit 1947 ist sie in Betrieb, transportiert alljährlich 200 000 Fahrgäste. Da fällt das Defizit natürlich geringer aus als in anderen Gemeinden. Es gab sogar schon einmal ein Jahr, da hat die Gemeinde ein kleines Plus gemacht.

Erholung am Main

Das Mainufer hat sich zum Erholungsgebiet gemausert. Da ist der Strand, da sind die Strandkörbe. Auch die Kanuanlegestelle, die Nordheim schon vor zehn Jahren wollte, gibt es. Damals war sie noch abgelehnt worden, dann wurde sie über Leader+ im Zuge der „Gelben Welle“ doch verwirklicht. „Dann ging's plötzlich“, sagt Guido Braun und grinst verschmitzt. Ein Steg ist es zwar nicht geworden, aber man kann mit den Booten bis ans Ufer und sie bequem herausziehen. Es gibt den großen Parkplatz, den Spielplatz, den Beachvolleyballplatz und 45 Stellplätze für Wohnmobile. Die Erweiterung von bislang 25 ist erst vor kurzem erfolgt, ein WC-Container wurde aufgestellt. Jetzt soll noch ein Duschcontainer kommen – Container, weil man den bei Hochwasser abbauen kann.

Mit der Tatsache, dass der Main immer mal wieder über die Ufer tritt, haben sich die Nordheimer arrangiert. Sie kennen es nicht anders, sie treffen ihre Vorkehrungen, wenn der Pegel steigt. Das Baugebiet konnte allerdings wegen der Hochwasserproblematik nicht so errichtet werden, wie zunächst gewünscht. „Dann sind wir halt Richtung Berg gegangen.“ Ein Gewerbegebiet gibt es in Nordheim nicht, ein Mischgebiet reicht der Gemeinde, um kleine Betriebe ansiedeln zu können.

Die Idee vom Friedweinberg

Wichtig für Gewerbe und Bürger ist natürlich eine Versorgung mit schnellem Internet. „Die Ausschreibung wird gerade bewertet“, sagt Braun, die Leerrohre liegen bereit. Derzeit werden Funkanbieter genutzt. „Das funktioniert relativ gut.“

Zufrieden ist der Bürgermeister auch mit den Finanzen – und er kann es auch sein. Schulden und Guthaben gleichen sich theoretisch aus. Über ein Baugebiet wird nachgedacht. Und dem Bürgermeister spukt die Idee von einem Friedweinberg im Kopf herum, auch wenn dies bisher von den meisten Ratskollegen eher skeptisch gesehen wird. Dabei steht Braun gar nicht so alleine da: Eine Gemeinde in Rheinland-Pfalz debattiert ebenfalls über diese Bestattungsform.

Konkreter sehen da andere Pläne aus: „Wir wollen ein paar Straßen sanieren und ein paar kleine Gassen“, sagt Guido Braun. Die Mainstraße zum Beispiel. Beim großen Jubiläum 2018 soll der Ort gut aussehen – 1100 Jahre Nordheim wird dann gefeiert. „Wir wollen das ganze Jahr hindurch was machen“, verrät der Bürgermeister. Zwei Vorbereitungstreffen hat es schon gegeben, viele Bürger kamen dazu und brachten ihre Ideen ein.

Überhaupt lobt Braun das Engagement seiner Bürger. Wenn er sieht, dass die Häuser schön hergerichtet sind, Weinstöcke an den Häusern wachsen, prachtvolle Blumen auf den Fensterbänken blühen oder jemand im Vorbeigehen Unkraut aus dem Gemeindebeet zupft, dann freut er sich: „Die kehren nicht nur vor ihrer eigenen Tür, die schauen auch mal nach rechts und links. Darauf bin ich schon stolz.“

Nordheim am Main

Nordheim am Main liegt auf der Weininsel an der Volkacher Mainschleife und hat 993 Einwohner (Stand 30. Juni 2014). Bürgermeister ist Guido Braun. Es gibt einen katholischen Kindergarten im Ort, die Grundschüler besuchen die Schule in Sommerach. In Nordheim gibt es einen Tante-Emma-Laden, mehrere Bäckereien, Metzgereien, Cafés und Gasthäuser. Viele Touristen besuchen den Ort Jahr für Jahr. Die Gemeinde am Main ist über eine Fähre mit Escherndorf verbunden. Text: Len