Die Welt retten – das wär' schön. Keine Unwetterkatastrophen mehr, keine Hungersnöte, keine Flüchtlingsströme... Angesichts der großes globalen Probleme fühlt man sich als einzelner Mensch oft mickrig. „Was kann ich schon tun?“, fragt sich manch einer resigniert. Die UN, die Vereinten Nationen, haben mit den „17 Nachhaltigkeitszielen“ einen Fahrplan erstellt, mit dessen Hilfe die Menschheit ihren Planeten tatsächlich noch retten könnte. Da die Ziele zum Teil etwas sperrig klingen, hat die Lokalredaktion sich Fachleute aus der Umgebung gesucht, die erklären, was gemeint ist – und vor allem, wie jeder von uns die Ziele hier vor Ort, in seinem Alltag umsetzen kann. Heute geht es ums Ziel 12: „nachhaltig produzieren und konsumieren“.

Die meiste Erfahrung mit diesem Thema hat man in der Region sicherlich in der Abtei Münsterschwarzach. Schon Anfang der 80er Jahre begannen die Benediktinermönche damit, faire Handelsbeziehungen zu Produzenten in Entwicklungsländern zu etablieren. Seit 1995 existiert der Faire Handel als Firma. „Grundlage unseres Engagements sind die Bibel, in der es heißt, dass man verantwortlich mit der Erde und der Schöpfung umgehen soll, und die Benediktsregel, nach der jeder Mensch von seiner Hände Arbeit leben können soll“, erklärt Klaus Brönner, Leiter des Fair-Handels.

Fakt ist: Seit 1970 hat sich der weltweite Konsum an materiellen Gütern mehr als verdreifacht – und die Tendenz ist noch immer steigend, obwohl in vielen Industrieländern längst kritische Stimmen laut werden. „Wir müssen Produktions- und Konsumpraktiken in aller Welt noch viel stärker überdenken“, findet Klaus Brönner. „Der Fair-Handel muss noch viel mehr in die Mitte der Gesellschaft kommen. Bisher gibt es ihn vorwiegend in Welt- und Fairhandelsläden, aber kaum in großen Einkaufszentren. Insgesamt wird derzeit in Deutschland nur zwei Prozent des Umsatzes mit fair gehandelten Produkten erwirtschaftet. Das ist viel zu wenig.“

Fairer Handel – das bedeutet im Idealfall, dass die Erzeuger gut von ihren Einkünften leben können, dass sie ihre Familien ernähren und ihre Kinder zur Schule schicken können. Und dass umweltschonend gearbeitet wird, Plastik, Wasser und CO2 eingespart werden. „Das Problem ist, dass es noch immer kein staatliches Siegel gibt, das all diese Kriterien zusammenfasst und garantiert“, kritisiert Klaus Brönner. Er wünscht sich eine staatliche Definition für den Begriff „fair“ – und ein Siegel, auf das man sich verlassen kann. „Das würde den Umsatz fair gehandelter Waren sicher steigern.“ Brönners Kollegin Luisa Burger (Marketing & Social Media) ergänzt: „Und es wäre sinnvoll, alle Firmen gesetzlich zu verpflichten, faire Handelsbeziehungen einzugehen!“ Brönner nickt und meint: „Das neue Lieferkettengesetz ist immerhin ein erster Schritt in diese Richtung.“

Wie stellt die Münsterschwarzacher Fair-Handel-GmbH eigentlich sicher, dass die Waren, die sie verkauft, wirklich in jeder Beziehung fair und nachhaltig entstanden sind? „Wir bemühen uns um möglichst direkte Kontakte zu den Herstellern und Lieferanten“, sagt Luisa Burger. „Wir wollen genau wissen, unter welchen Bedingungen Dinge entstehen.“ So werde zum Beispiel darauf geachtet, dass nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Stoffe oder Farben möglichst biologisch erzeugt werden. „Wir unterstützen dabei einzelne bäuerliche Betriebe, die oft auch aus Abfallprodukten wie Altmetall Neues herstellen – in Burkina Faso zum Beispiel Krippen.“

Wird nicht direkt beim Hersteller, sondern über einen Lieferanten gekauft, liefere der „Fair-Band“ – der Bundesverband für fairen Import und Vertrieb e.V. – die nötigen Informationen über den Ursprung der Waren. „Schon lange, bevor das Wort Nachhaltigkeit so inflationär benutzt wurde, haben wir darauf geachtet, dass die Waren nachhaltig produziert wurden“, berichtet Klaus Brönner. „Wir achten darauf, dass Materialien, die es vor Ort gibt, genutzt werden – etwa Gras, um Körbe zu flechten.“

Knapp ein Drittel aller Waren, von Nüssen bis zu nachhaltig produzierten Taschen – importiert die Abtei direkt. „Da kennen wir die Produzenten persönlich.“ Die übrigen Produkte werden über 30 kleine Importfirmen geregelt, mit denen die Abtei zusammenarbeitet und für die sie als Großhändler (etwa für die Weltläden in der Region) fungiert. „Dass die Käufer einen Bezug zu den Herstellern haben wollen, das kommt immer mehr“, weiß Brönner. Nicht zuletzt deshalb liefern viele Hersteller gern auch eine Information über sich selbst und ihre Situation mit. „Da ist zum Beispiel am Silberschmuck ein Zettelchen dran, auf dem steht, wer den Ring oder die Kette wo hergestellt hat. So ist der Konsument ganz nah dran und kann abschätzen, wofür er sein Geld ausgibt.“

Apropos Geld: Klaus Brönner hofft, dass faire Produkte flächendeckend „bezahlbarer“ werden. „Fakt ist doch, das viele Leute sich manchmal einen fairen Einkauf leisten können, aber durchgängig wird es schwierig.“ Wenn der Markt – also im Endeffekt jeder Einzelne von uns – verstärkt faire Waren nachfragen würde, dann könnten davon auch mehr Produzenten in Entwicklungsländern ohne Not leben. „Und über die Menge würden über kurz oder lang auch die Preise sinken.“

Dass die sogenannte „Marktmacht“ wirklich funktioniert, sehe er aktuell an Körperpflegeprodukten im Fair-Handel-Laden hinter der Abtei, sagt Brönner: „Die Kunden wollen kein Plastik mehr kaufen und keine Alufolie.“ Also haben sich die Produzenten umgestellt, „sie bieten nun Seife im Karton an, statt in der Tüte“. Luisa Burger ergänzt: „Gerade junge Menschen informieren sich über Deo für die Achseln, Haarseife, waschbare Abschmink-Pads oder Bambus-Zahnbürsten. Sie probieren einfach mal was Neues aus und es wird für sie rasch selbstverständlich, den nachhaltigen Produkten den Vorzug zu geben.“

Das macht Hoffnung angesichts der Tatsache, dass allein die weltweite Plastikproduktion von 2,1 Millionen Tonnen im Jahr 1950 auf heute über 400 Millionen anstieg. Fast 80 Prozent der Masse landete auf Deponien oder in der Umwelt, nur neun Prozent wurden recycelt. „Wir müssen es einfach schaffen, von der Wegwerf-Kultur zu einer sinnvollen Kreislauf-Wirtschaft zu gelangen“, gibt Brönner die Richtung vor. Statt mit erhobenem Zeigefinger eine To-do-Liste zu erheben, schlägt er folgende „Tu Du's“ vor:

– Das private Konsumverhalten nachhaltig gestalten: „Unser Verhalten hat globale Auswirkungen. Wenn uns das bewusst wird, ist schon einiges gewonnen.“ Brönners Stichworte sind: regional, ökologisch, fair.

– Wertschöpfungs- und Lieferketten beeinflussen: „Unser Konsum in Industrieländern bestimmt die ökonomischen, sozialen und ökologischen Verhältnisse weltweit. Importeure und Handel können auf Produktionsbedingungen Einfluss nehmen. Wenn der Markt, also du und ich, es will, werden sie es tun.“

– Auf Umweltsiegel achten. „Bei der Flut von Siegeln ist der Durchblick wahrlich nicht leicht. Umwelt- und Sozialsiegel ermöglichen aber zumindest eine Orientierung, ob ökologische und soziale Aspekte bei der Produktion berücksichtigt werden.“ Der staatliche „Blaue Engel“ zeige zum Beispiel an, ob ein Produkt nachhaltig hergestellt wurde.

– Wissen ist Macht: Klaus Brönner, Luisa Burger und Julia Martin (Pressesprecherin der Abtei) sind sich einig, dass jeder Mensch wertvolle Dienste leistet, der den Fair-Handels-Gedanken kommuniziert, egal, ob bei sich zuhause, in der Schule oder im Verein: „Nur, was man kennt, kann man auch schätzen.“

INFO: Die 17 globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung sind ein Fahrplan für die Zukunft. Mit der Agenda 2030 wollen die UN, die Vereinten Nationen, weltweit ein menschenwürdiges Leben ermöglichen und dabei die natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft bewahren. Es geht dabei um ökonomische, ökologische und soziale Aspekte. Alle Staaten sind aufgefordert, ihr Tun und Handeln danach auszurichten. 17ziele.de