Romantik pur: Ein verliebtes Paar lehnt am Geländer einer malerischen Brücke. Der Fluss darunter fließt langsam dahin. Weit weg sind die Geräusche der Stadt. Das warme Licht der Straßenlaternen umschmeichelt die beiden. Er zieht eine Kette aus der Jackentasche mit einem kunstvoll verzierten Schloss. Die Initialen der beiden Verliebten und das Datum ihres ersten Kusses hat er eingravieren lassen. Beide hängen das Schloss mitsamt der Kette an das Brückengeländer. Der Schlüssel fliegt feierlich in den Fluss. Ewige Liebe!
Viele Städte haben eine solche Brücke, die mit Liebesbeweisen dieser Art behängt sind. In Rom hängen die Schlösser an der Ponte Milvio, einer kleinen Fußgängerbrücke über den Tiber. In München brachten Paare rund 500 der stählernen Liebesbezeugungen an der Thalkirchner Brücke an, in Regensburg an den "eisernen Steg" und in Köln ist es die Hohenzollernbrücke, an der sogar 4000 Schlösser hingen. Auch Bamberg hatte bezeichnenderweise an der "Kettenbücke" mit den Schlössern zu kämpfen.

Mit Gravur ist es teuer


Und nun Kitzingen. An der alten Mainbrücke prangt seit Kurzem ein solches Liebesschloss in roter Farbe und eines aus Messing. Bis 25 Euro kann solch ein farbiges Schloss mit Gravur kosten. "Es tut uns in der Seele weh, aber wir müssen diese eigentlich schöne Idee im Keim ersticken", erklärt der Leiter des Ordnungsamts, Georg Schwarz. Die Stadt will nicht als Spielverderber in Liebesdingen auftreten, muss die Schlösser aber schon aus wirtschaftlichen Gründen abnehmen.
Die Mainbrücke wird in Kürze saniert. Außerdem sind tatsächlich Schäden am Brückengeländer zu erwarten, wenn die Ketten rosten und die Verfärbungen auf das Geländer übergehen. Der Kontakt der unterschiedlichen Metallarten wirkt wie ein Rostbeschleuniger.
In Bamberg, wo im vergangenen September 566 Schlösser nebst Ketten gezählt wurden, und auch in den anderen Städten sehen die Baureferate die Liebesschlösser daher mit großer Skepsis. In Kitzingen denkt man über Alternativlösungen nach.

Alternative Liebesbaum


"Wir sind gerne bereit, einen Platz für den einen oder anderen Liebesbaum anzubieten, den ein Paar pflanzen will", erklärt der Ordnungsamt-Leiter. "Wenn uns jemand fragt, sind wir sicher bereit mitzuhelfen." Die Gemeinde Sulzfeld hat dies bereits getan. Dort gibt es eine Allee von Heiratsbäumen. Paare, die diese Bäume pflanzen, stehen aber in der Pflicht, diese auch zu gießen - symbolhaft für ihre Liebe.
Symbol ist das Stichwort. Die Kitzinger Paartherapeutin Diana Reinhard berät Paare in Sachen Liebe. Die jüngsten Klienten in ihrer Praxis waren 14, die ältesten über 80. Die Psychotherapeutin schätzt die Symbole der Liebe: "Das sind Streicheleinheiten für die Seele." Sie rät aber eher zu Ringen als zu derartigen Ketten an der Brücke. "Der Ring hält einfach länger und die Symbolik ist höher. Er hat keinen Anfang und kein Ende."

Ritual vor dem Symbol


Generell zieht sie aber das Ritual dem Symbol vor. "Wenn man sich nur 20 Sekunden am Tag Zeit dafür nehmen würde, den Partner in den Arm zu nehmen und ihm zu sagen, was man an ihm schätzt", so die Paartherapeutin, "dann würden etliche Beziehungen halten, was sie mal versprochen haben." Dann gäbe es auch keine aktuelle deutsche Scheidungsrate von 38 Prozent, die auch die stärkste Stahlkette nicht verringern kann.