Beinahe wäre es Essig gewesen mit dem "Essigdenkmal" inmitten des Segnitzer Friedhofs. Am Sonntag konnte nun aber die gelungene Restaurierung des über 200 Jahre alten Monuments, das zuletzt sein Dasein als eher unrettbare Ruine fristen musste, mit einem kleinen Festakt auf dem Segnitzer Friedhof gefeiert werden.

Pfarrer Matthias Wagner stellte in seiner Begrüßungsrede die Erinnerungskultur solcher Denkmäler heraus und bedankte sich bei allen privaten Spendern und Förderstellen, die es möglich gemacht haben, dass dieses geschichtsträchtige Denkmal erhalten werden konnte. Grußworte sprachen auch Bürgermeister Peter Matterne und seine Vorgängerin Marlene Bauer, die von einem Besuch beim Landesamt für Denkmalpflege berichtete, wo man den Stein ins Rollen bringen konnte. Eine angebotene Sanierung von privater Hand war nämlich aus denkmalrechtlicher Sicht nicht möglich, und so konnten der zuständigen Kirchengemeinde wertvolle Tipps für hohe Fördermittel weitergegeben und schließlich eine Fachfirma beauftragt werden.

Wohlstand und Ansehen

Norbert Bischoff ging in seiner Festansprache auf die Geschichte, die hinter dem Denkmal steht, ein. So gilt der Sandsteinobelisk als Segnitzer Wahrzeichen für den Weinhandel und die einst bedeutende Essigindustrie, die dem Ort Wohlstand und Ansehen beschert haben. Zudem steht hinter dem Monument nicht nur die Erinnerungskultur einer trauernden und frommen Ehefrau, sondern vor allem auch der "Segnitzer Kreis" der fränkischen Christumsgesellschaft, der den Ort in der protestantischen Erweckungsbewegung im 19. Jahrhundert weithin bekanntgemacht hat.

Darüber hinaus spannt der Stein den Bogen zur Familie Krönlein, die vor allem durch den Missionar Georg Krönlein und seine Geschwister weltweite Verbindungen schuf. Der Weinhändler und Essigfabrikant Valentin Keerl war mit Johanna Schumann, einer sehr frommen Frau, verheiratet. Johanna pflegte engen Kontakt zur Nürnberger Gruppe der Christumsgesellschaft, einer Vereinigung, die als Anhänger der protestantischen Erneuerungsbewegung das pietistische Gedankengut vertrat und missionarisch verbreitete. Somit war das Keerlsche Haus fortan Treffpunkt von Anhängern der Erweckungsbewegung und Veranstaltungsort christlicher Versammlungen. Dabei zählten sogar die höchsten Vertreter der Christumsgesellschaft und der Nürnberger Brüdergemeinde zu den ständigen Besuchern der Keerls.

"Segnitzer Kreis"

Nach dem Tod von Valentin Keerl im Jahr 1811 ließ die Witwe das Denkmal auf dem Friedhof errichten. Eine Inschrift verrät, dass die Ehe mit sechs Kindern, von denen zu diesem Zeitpunkt noch vier lebten, gesegnet und der Familienvater "nach einer vierjährigen sehr schmerzvollen Krankheit" verstorben war. Nach ihrer Wiederverheiratung mit Carl Köllner, einem Pfarrerssohn aus dem Hessischen und ebenfalls treuen Anhänger der Erweckungsbewegung, waren die Versammlungen im Keerlshaus bald so sehr begehrt, dass man die Vortragstermine teilen musste. Die bayerische Kirchengeschichte bezeichnet den "Segnitzer Kreis" sogar als kleinen, aber missionarisch äußerst aktiven Vorposten der Christumsgesellschaft in Franken.

1819 gab die Familie Keerl/Cölner das Geschäft in Segnitz auf und zog ins Badische, wo man künftig in erster Linie missionarisch und seelsorgerisch wirkte. Das Denkmal in Segnitz aber fiel mehr und mehr dem Zahn der Zeit zum Opfer, auch wenn sich die Familie noch lange mit Zuwendungen um seinen Erhalt kümmerte. Umso erfreulicher fanden es nun die zahlreichen Teilnehmer der Einweihungsfeier, dass wieder Mittel und Gönner gefunden werden konnten, um ein weiteres Stück Segnitz der Nachwelt zu erhalten.