Noch ist es stockdunkel in Kitzingen. In der Rettungswache des Roten Kreuzes in der Schmiedelstraße übernimmt Notfallsanitäter Rolf Dast um 6.30 Uhr zusammen mit Rettungssanitäterin Leonie Eichhorn den Rettungswagen (RTW) von der Nachtschicht. Es beginnt für sie eine zwölfstündige Tagschicht.

Von der Nachtschicht bekommen sie erzählt, dass wieder mal die Hölle los war. Zehn Einsätze sind sie gefahren. Der letzte war um 5 Uhr. Noch während Dast und seine Kollegin die medizinischen Geräte im RTW überprüfen, geht das erste mal der Funkmelder los, den beide bei sich tragen. Ein durchdringendes Geräusch. "Alarm für den RTW Kitzingen", tönt es aus dem Lautsprecher. Die Leitstelle ergänzt das Einsatzstichwort noch: "vitale Bedrohung".

"Hygiene ist bei uns ein sehr großes Thema geworden."
Andreas Hammer, Hygienebeauftragter der Rettungswache in Kitzingen

Dies bedeutet, der Einsatz hat höchste Brisanz. "Das kann jetzt alles heißen", meint der Notfallsanitäter, "vom Schlaganfall bis hin zum Herzinfarkt." Im Einsatz-Display in der Fahrerkabine des RTW erscheint der Zielort. Dast quittiert mit Drücken einer Ziffer den Auftrag und das Display springt in den Navigationsmodus zum Notfallort um.

Keine 90 Sekunden sind seit dem Alarm vergangen. Mit Sondersignalen, also Blaulicht und Martinhorn, biegt der RTW in die Bundesstraße vor der Wache ein. Dast ist heute Teamleiter auf dem RTW. Über Funk versucht er von der Leitstelle noch nähere Informationen zu erhalten. Der Patient soll mittlerweile bewusstlos sein. Die Leitstelle alarmiert noch einen Notarzt hinzu.

In der Rettungwache ist um 7 Uhr das zweite Rettungswagen-Team zum Dienst erschienen. Und ein Team für den Krankentransportwagen. Dieser übernimmt alle nicht dringenden medizinischen Transporte. Auch wenn momentan kein Einsatz ansteht, ist noch vieles andere zu erledigen. Die Fahrzeuge müssen auf Vollständigkeit überprüft werden. Was von der Nacht noch fehlt, etwa an verbrauchten Medikamenten, wird aus einem eigenen Zentrallager aufgefüllt. Zwei Sanitäter waschen dann die Einsatzfahrzeuge, zwei andere kümmern sich um die Desinfektion in der Wache.

Corona-Maßnahme! Notfallsanitäter Andreas Hammer ist zugleich Hygienebeauftragter der Wache Kitzingen. Er hat ein umfangreiches Hygienekonzept erarbeitet, für dessen  Durchführung er auch verantwortlich ist. "Hygiene ist bei uns ein sehr großes Thema geworden. Aber wir sind gewappnet", sagt er. Als erstes werden in der Wache alle Flächen mit einem Spezialtuch desinfiziert. Türklinken, Fensterriegel, Tisch – und Sitzflächen. Eben alles, was Köperkontakt hat. Zweimal am Tag.

Wichtig für alle: Jeder muss ständig eine Gesichtsmaske tragen. Auch im Fahrzeug. Noch ist keine Stunde vergangen, da geht auch für den zweiten RTW der Alarm-Melder los. Notfallsanitäter Robert Meindl ist hier der Teamleiter. "Chirurgischer Notfall/Sturz" steht auf dem Fahrzeugdisplay. Bei dem Rettungsteam ist zusätzlich der 18-jährige Moritz Oertel, der gerade sein Freiwilliges Soziale Jahr und eine Rettungsdienstausbildung absolviert. Er möchte Medizin studieren, hat aber noch keinen Studienplatz. Für ihn ist die Zeit hochinteressant, gibt sie ihm doch tiefe Einblicke für den angestrebten Beruf als Arzt.

Auch der Krankenwagen ist unterwegs. Gleich drei Aufträge hat er bekommen. Hauptsächlich Patienten, die in einem Tragestuhl zur Dialyse gefahren werden müssen. Rolf Dast hat seinen Patienten, der einen schweren Herzinfarkt hatte, mittlerweile im stabilen Zustand in die Uniklinik in Würzburg eingeliefert. "Der Einsatz war anspruchsvoll, weil der Patient im schwer zugänglichen Obergeschoss eines Altbaus gelegen hatte", schildert der Notfallsanitäter die Situation.

"Wir sind immer in einer gewissen Grundspannung."
Robert Meindl, Notfallsanitäter beim Kitzinger BRK

Die Sanis hatten viel mitzuschleppen, als sie am Einsatzort eingetroffen sind: einen Einsatzrucksack mit allem medizinischen Equipment, einen Rucksack mit Sauerstoff, ein EKG und eine Absaugpumpe. "Alles in allem so 50 Kilo", sagt Dast.

Viel später treffen sich die Teams, die an diesem Tag Dienst haben, wieder in der Rettungswache. Im Sozialraum gibt es ein kurzes Durchatmen. Die Kaffemaschine läuft ununterbrochen. Dennoch: "Wir sind immer in einer gewissen Grundspannung", meint Sanitäter Meindl. "Jede Sekunde kann der Alarmpiepser wieder losgehen."

Rolf Dast, der zugleich der Wachleiter in Kitzingen ist, erzählt von einem unangenehmen Einsatz: Das Team transportierte auf der Trage einen Patienten zum Rettungswagen. Den Corona-Vorschriften entsprechend wurde dem Patienten, der keine Atemprobleme hatte, ein Mundschutz umgelegt. Hierüber regte sich eine Passantin, die dies beobachtet hatte, fürchterlich auf und beschimpfte die Sanis. "Sie drohte sogar, mich anzuzeigen", sagt Dast und schüttelt den Kopf, als er sich an die Situation erinnert. Aber: "Das sind Ausnahmen, mit denen wir halt leben müssen", meinen die Sanis. Übergriffe, wie sie aus Großstädten berichtet werden, sind ihnen im Kitzinger Landkreis fremd. Sie hoffen, dass dies so bleibt.

Corona: Schutzmaßnahmen im Rettungsdienst

Laut Felix Wallström, dem Geschäfstführer des BRK-Kreisverbandes Kitzingen, hat sich wegen der Corona-Pandemie der Alltag der Wachmannschaften verändert. Erster Punkt der Tagesordnung ist, dass zu Beginn und Ende der Dienstzeit in der Wache alle Kontaktflächen desinfiziert werden.
Während der gesamten Dienstzeit muss, auch in den Fahrzeugen, eine Maske getragen werden. Bei Einsätzen ist sogar eine FFP 2-Maske vorgeschrieben, was bei den körperlich oft anstrengenden Einsätzen manchmal bedeutet, dass die Sanitäter bis an die Belastungsgrenze gehen müssen. Besteht bei einem Patienten der dringende Verdacht einer Corona-Infektion, müssen die Sanitäter zuerst eine umfangreiche Schutzausrüstung von Kopf bis Fuß anlegen.
Bisher hat das Kitzinger BRK noch kein Dienstausfall wegen Covid-19 verzeichnet. "Personell stehen wir gut da und können alle Dienste besetzen", sagt der BRK-Chef.
hs