Tamara Bischof ist sauer. Mit deutlichen Worten kritisiert die Kitzinger Landrätin das Krisenmanagement des bayerischen Gesundheitsministeriums : Teilweise müsse man von "Hau-Ruck-Aktionen sprechen", einiges sei nicht zu Ende gedacht, so die Freie-Wähler-Politikerin mit Blick auf die Organisation der Corona-Impfungen.

Wer die über 80-jährigen Impfberechtigten informieren soll

Jüngstes Beispiel von Bischof: Wie und von wem sollen die über 80-Jährigen, die nicht in einem Seniorenheim leben, darüber informiert werden, dass sie impfberechtigt sind und einen Termin vereinbaren können ? Noch kurz vor Weihnachten hatte das Gesundheitsministerium erklärt, entsprechende Anschreiben selbst direkt an die Senioren verschicken zu wollen. Nach den Feiertagen delegierte München die Aufgabe dann aber doch an die Kreisverwaltungsbehörden und schickte ein dafür zu verwendendes Musterschreiben an die Rathäuser und Landratsämter.

Für Bischof eine "ärgerliche" Sache, der Aufwand sei "schon immens". Da dem Landratsamt die Anschriften der betreffenden Bürger aus Datenschutzgründen gar nicht vorlägen, müsse man die Informationen über die Bevölkerungsgruppe erst bei der Anstalt für kommunale Datenverarbeitung in Bayern (AKDB) einholen. Dort habe man zwischen den Jahren aber zunächst niemanden erreicht.

"Die sich dauernd ändernden und neuen Vorgaben" aus München "umgehend, fristgerecht und vernünftig umzusetzen", sei ein Problem, so die Kitzinger Landrätin. Dass neue Informationen zur Corona-Bekämpfung häufig sehr kurzfristig kämen, mache "eine Planung und Koordinierung" schwer. "Auch über die Feiertage kamen immer wieder neue Informationen, die gelesen, weitergeleitet und verarbeitet werden mussten", sagt Bischof. "Das Personal ist dadurch sehr stark belastet."

Es fehlen verlässlicher Nachschub an Impfdosen und ein Terminmanagement

Ebenfalls kritisch, aber diplomatischer äußert sich Miltenbergs Landrat Jens Marco Scherf. "Die Umsetzung der Impfstrategie ist wie die gesamte Krisenbewältigung sehr dynamisch", so der Grünen-Politiker. "Auf diesen Umstand führen wir auch die sehr dynamische Entwicklung in Sachen Umsetzung der Impfstrategie zurück." Scherf sieht zwei Probleme ungelöst: Man brauche eine "verlässliche Planung" bei der Impfstofflieferung sowie "eine verlässliche Registrierung mit Terminmanagement für die Impfwilligen" über die Impf-Software des Freistaats. Diese ist bislang noch nicht voll nutzbar.

Auf die Frage der Redaktion, warum organisatorische Rahmenbedingungen der Impf-Kampagne – insbesondere die Information der über 80-Jährigen oder die Bereitstellung der Software – trotz monatelangen Vorlaufs offenbar erst sehr kurzfristig angegangen werden, ging das Gesundheitsministerium nicht ein. Nur so viel: Man habe "unabhängig von der erforderlichen Priorisierung" die zuständigen Behörden mit der Einrichtung "entsprechend leistungsfähiger Telefonanlagen zur Terminvereinbarung beauftragt". Und Mitte Januar solle den Impfzentren "zusätzlich eine softwaregestützte Terminvergabe" zur Verfügung stehen.

Würzburgs Landrat: "Verständnis für Hektik in Ministerien"

Niemand könne "erwarten, dass das Ministerium vorgefertigte Pläne aus der Schublade zieht", nimmt das Landratsamt Bad Kissingen die Staatsregierung in Schutz. Allerdings seien die Aufgaben, die München an die Landkreise übertragen hat, "sehr umfangreich". Volle Rückendeckung bekommt das Ministerium aus anderen, ebenfalls CSU-geführten Landratsämtern. Den Ministerien gehe es generell so wie den Behörden vor Ort, meint etwa Würzburgs Landrat Thomas Eberth: "Wir fahren auf Sicht und lösen die aktuellen Konflikte." Einiges hätte man sicherlich "früher überlegen können", die Kritik daran bringe jetzt aber nichts mehr.

Er habe "Verständnis für die Hektik in den Ministerien", so Eberth. Außerdem: "Einen Brief an alle über 80-Jährigen aufzusetzen, zu versenden und über einen Dienstleister zu verteilen ist kein Problem." Das Landratsamt Haßberge weist zudem darauf hin, dass das Ministerium angeboten habe, "den Druck und den Versand der Anschreiben" an die Datenverarbeitungsanstalt AKDB zu vergeben. Aus dem Landratsamt  Main-Spessart heißt es, man habe "Druck und Versand bereits beauftragt".

Was, wenn alle über 80-Jährigen einen Impftermin wollen?

In Unterfranken leben mehr als 80 000 Bürger über 80 Jahren. Die Kitzinger Landrätin sieht deshalb auch ein strategisches Problem: "Wenn wir alle gleichzeitig anschreiben, wollen auch alle verständlicherweise einen Termin vereinbaren", sagt Bischof. Das bedeute dann: kaum ein Durchkommen bei den Hotlines der Impfzentren.

Vor allem aber sei es "schwierig alle theoretisch zur Verfügung stehenden Terminkapazitäten auch zu vergeben", so Bischof. Derzeit würden Impfstofflieferungen und Mengen "oft erst ein oder zwei Tage vorher" feststehen. Den Bürgern "soll auf keinen Fall zugemutet werden, dass sie zu ihrem Termin erscheinen und dann kein Impfstoff vorrätig ist".

Erste Termine mussten wieder abgesagt werden

Schon jetzt mussten in mehreren Landkreisen – darunter in Kitzingen und Miltenberg – Impftermine verschoben werden. Ein Problem, das auch Eberth kennt: Rund 800 Impfwilligen habe man in Stadt und Landkreis Würzburg wieder absagen müssen.

Ab Dienstag finden in den meisten Landkreisen mangels Impfstoff vorerst keine Impfungen mehr statt. Wann es weitergeht und wann nach Heimbewohnern oder medizinischem Personal auch die über 80-Jährigen und andere Bürger geimpft werden können, ist laut mehreren Landratsämtern offen. In Schweinfurt etwa versucht man "durch Medienarbeit der Erwartung der Bürger entgegenzuwirken, dass alle primär Impfberechtigten schon Termine vereinbaren können". Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) rechnet indes mit einer neuen Impfstofflieferung am Freitag. Würzburgs Landrat Eberth: "Sobald der Impfstoff wieder da ist, geben wir richtig Gas."