Corona im Landkreis Kitzingen: Nach zwei Monaten zieht Landrätin Tamara Bischof eine Zwischenbilanz und kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Die Pandemie hat alle Routineabläufe auf den Kopf gestellt.

"Als am 16. März der Katastrophenfall ausgerufen wurde, war keinem bewusst, was werden würde", erinnert sich Bischof an den Anfang der Pandemie. Sie habe damals die Pressekonferenz von Ministerpräsident Markus Söder live verfolgt. Danach hat das Landratsamt einen Krisenstab gebildet, den Publikumsverkehr runtergefahren und vor allem: viel gelesen. Ganze "Lesestunden" verbringt die Landrätin damit, Hunderte von Allgemeinverfügungen durchzuarbeiten. 

Denn mit den Pressekonferenzen aus München ist es nicht getan. Die Bürger fragen sich: Was bedeutet es für mich, wenn man nur aus "triftigen Gründen" das Haus verlassen darf, Behördengänge auf "dringende Angelegenheiten" beschränken muss oder wenn der Wertstoffhof eingeschränkt geöffnet hat. 

Bis zu 200 Corona-Anfragen täglich

Hilfe in vielen Fragen rund um Corona bietet seit Wochen die Bürger-Hotline. Sie ist im Dienst, seit der erste Corona-Fall im Landkreis bekannt wurde. Anfangs saßen fünf Mitarbeiter am Telefon, um 150 bis 200 Anfragen täglich abzuarbeiten. Neuerungen in Sachen Corona erfuhr die Hotline zuerst, um sie unverzüglich an die Bürger weitergeben zu können. Viele Fragen kamen zum Gesundheitsschutz, später zu den Arbeitsbedingungen für Gewerbetreibende und Gastronomen. Dazu gehörten auch konkrete Nöte wie die der Lasterfahrer, die anfragten, wo sie auf Toilette gehen oder duschen könnten, als die Rasthöfe geschlossen wurden.

Aber die Hotline ist manchmal auch "Sorgentelefon", weiß Bischof. Sie berichtet von weinenden Anrufern, die ihre Verwandten nicht besuchen dürfen, Existenzängste haben und nicht ein noch aus wüssten. Dann vermittelt das Landratsamt schon mal an das Seelsorge-Telefon der evangelischen Kirche, das sich dafür angeboten hat.

Zum Glück, erklärt Bischof, hat das Landratsamt rund 35 geschulte und geübte Mitarbeiter, die schon seit Wochen jeden Tag 24 Stunden lang die Krisenstäbe aufrecht erhalten haben. In dringenden Fällen hat der Freistaat die Devise ausgegeben: "In 30 Minuten muss man im Amt sitzen, um agieren zu können", sagt die Landrätin für den staatlichen Teil ihrer Behörde, auf den die Ministerien bei Bedarf ohne Umwege zugreifen können.  

Extrem teures Schutzmaterial

Eine Aufgabe, um die sich das Landratsamt auch gekümmert hat: Schutzkleidung und -masken für Einrichtungen wie Heime, Pflegedienste oder Angehörige von Gesundheitsberufen zu besorgen. "Das war anfangs extrem problematisch und ging nur zu extrem teuren Preisen", blickt die Krisenmanagerin zurück. Die Klinik Kitzinger Land, sagt die Landrätin, habe sechsstellige Beträge für Schutzmaterial aufwenden müssen. Zunächst gingen die Lieferungen vom Bund über den Freistaat und den Landkreis nach Dringlichkeit raus. Inzwischen hat sich der Markt entspannt. Viele Einrichtungen besorgen ihren Bedarf wieder selbst. 

Doch es kamen neue Aufgaben hinzu: Der Landkreis hat eine Teststrecke für Corona-Verdachtsfälle organisiert, zuerst in Kitzingen, nun in Albertshofen. Zur Teststrecke gehört auch eine sogenannte Schwerpunktpraxis: Dort kümmern Ärzte sich um die Patienten, die nicht mehr in die Hausarzt-Praxen dürfen.

"Keiner hat gewusst, was auf uns zurollt, aber wir müssen es wuppen."
Landrätin Tamara Bischof über die Corona-Krise

Die Möglichkeit, sich testen zu lassen, besteht nur für Kontaktpersonen von Corona-Kranken und nur auf Anordnung des Gesundheitsamts. Über 1000 Bürger sind schon getestet. Ein Test kostet rund 100 Euro. So schnell der Abstrich geht – der Aufwand, Ärzte und Laborkapazitäten für die Tests zu organisieren, ist um ein Vielfaches höher, erklärt Bischof. Da heißt es, Beziehungen spielen lassen, viel telefonieren und beharrlich bleiben. 

Mittlerweile liegen Testergebnisse innerhalb von ein bis zwei Tagen vor. Das ist längst nicht überall Standard. Apropos Gesundheitsamt: Kaum eine Behörde steht so unter Druck. "Die sind immer da, auch samstags und sonntags", sagt Bischof respektvoll über die Mitarbeiter. Sie nennt nur ein Beispiel: Das Gesundheitsamt ruft Corona-Kranke täglich zu Hause an, fragt, wie es ihnen geht, ob sie daheim bleiben, ermittelt Kontaktpersonen und kümmert sich um deren Isolierung. "Keiner hat gewusst, was auf uns zurollt, aber wir müssen es wuppen", bilanziert die Landrätin. 

Leberkäsweck als Dankeschön

So haben die Behörden schnell die rund 35 Corona-Fälle in der Gemeinschaftsunterkunft in Kitzingen aufgespürt und verlegt. Schnell gehandelt haben die Verantwortlichen auch beim Mainstockheimer Seniorenheim, das mit bislang wenigen Erkrankten an einer Katastrophe vorbeigeschrammt zu sein scheint. 

Und das Landratsamt selbst? Aus Sicht der Chefin hat die Behörde in allen Bereichen gut funktioniert, auch wegen des enorm hohen freiwilligen Einsatzes der Mitarbeiter, wie sie sagt. Die Arbeitszeit wurde von 7 bis 21 Uhr so weit gespannt, dass Schichtbetrieb und damit dünner besetzte Büros die Folge sind. Besucher und Personal sind durch Desinfektionsmittel und Scheiben geschützt. Wo es möglich ist, wird im Homeoffice gearbeitet, zum Beispiel in der systemrelevanten IT. So will das Amt den Totalausfall einer Abteilung durch Ansteckung vermeiden. 

Trotz allem leisten die Mitarbeiter unzählige Überstunden, um die Kreisbehörde am Laufen zu halten. Die Krise benötige "extrem viel Personal", sagt Bischof, und weiß, dass sie sich irgendwann auch mal um den Stundenabbau kümmern muss. Bis dahin gibt es von ihr gute Worte und ab und zu eine Runde Leberkäsweck als Dankeschön.