Die Energiewende hat an diesem Abend Iphofen erreicht. Von „einzelnen Anpassungen moderater Art“ spricht der Bürgermeister Dieter Lenzer, aber wenn man die Historie kennt, ist das, was sich im städtischen Bau- und Umweltausschuss abspielt, eine kleine Revolution. Nach vielen Jahren des Widerstands, nach zahllosen hitzigen Diskussionen und nach subtilem Druck durch die weltweit angestoßene Klimadebatte öffnet Iphofen seine Altstadt nun für Photovoltaikanlagen. Sie sollen künftig nicht mehr „grundsätzlich“ verboten sein, wie es bislang in der Gestaltungssatzung hieß, sondern Teil energetischer Sanierungen oder Verbesserungen sein. Die Hürden bleiben allerdings hoch – so hoch, dass Stadtrat Otto Kolesch schon befürchtet: Neun von zehn Gebäuden werden weiterhin ausgeschlossen sein.

Wer die Energiewende ernst nimmt und sie auch im Mikrokosmos von Kleinstädten umsetzen will, kommt nicht an kleinteiligen Lösungen vorbei. Dazu zählen vor allem Photovoltaikanlagen, die bequem auf jedes Hausdach passen und das Gebäude mit Strom versorgen. In Neubaugebieten sind sie längst Standard. Historische Altstädte mit ihren vielen denkmalgeschützten Gebäuden tun sich damit deutlich schwerer – ein Dilemma auch in Iphofen. Seit Jahren schwelt das Thema im Stadtrat – mit dem bisher immer gleichen Ergebnis: Es blieb beim Nein für die Anlagen. Wie viele davon der Stadtrat abgelehnt hat, ist nicht bekannt. Aber mit Verweis auf die Sensibilität der Altstadt tat er es aus voller Überzeugung.

Inzwischen lässt sich allein mit gestalterischen Aspekten nicht mehr argumentieren. Auch in vermeintlichen Trutzburgen der Tradition hat man erkannt, dass man sich zumindest ein Stück weit dem Fortschritt und den politischen Realitäten stellen muss, die da heißen: Jeder kann und muss seinen Beitrag zur Energiewende leisten. Ein Feuerwerk der Moderne darf man dennoch nicht erwarten. Die Iphöfer gingen am Montagabend in erstaunlicher Selbstcourage zwar deutlich über den skeptischen Ansatz ihres Stadtplaners Franz Ullrich hinaus. Doch die Bedingungen zur Installation von Photovoltaikanlagen werden weiterhin nur die wenigsten Hauseigentümer in der Altstadt erfüllen können.

An zwei Bedingungen werden viele Bauherren scheitern

Die Stadt erlaubt solche Anlagen auch künftig nur auf „Nebengebäuden oder untergeordneten Gebäuden, die nicht vom öffentlichen Raum aus einsehbar sind“. Für Stadtrat Kolesch bleibt unter dieser Prämisse nur eine „lächerlich kleine Fläche“ für Solarstrom in der Altstadt. „Nicht einmal zehn Prozent der Gebäude werden dafür geeignet sein.“ Damit die Anlagen auf den Dächern nicht zu groß werden, dürfen sie außerdem nur so konzipiert werden, dass sie den Energiebedarf des jeweiligen Gebäudes decken.

Kolesch zitierte in der Sitzung aus Gerichtsurteilen, wonach Photovoltaikanlagen dort zu genehmigen sind, wo der Denkmalwert eines Gebäudes nicht beeinträchtigt wird. Auch die Frage, was dem Betrachter zumutbar sei, hätten Gerichte geklärt. „Dass der Grundwert eines Denkmals erkannt wird“, so Kolesch. Legt man diese Schablone über Iphofens Altstadt, eignen sich laut Kolesch „viele Gebäude“ für Photovoltaik.

Stadtplaner Ullrich sieht das anders. Wer die Urteile „aufmerksam“ lese, werde erkennen, dass der Maßstab nicht das „durchschnittliche Auge“ sei, sondern das „geschulte Auge“. Wenn Kolesch das anders sehe, habe er offenbar andere Urteile.

Ein bizarrer Streit, der etwas den Blick auf das Wesentliche vernebelte. Peggy Knauer warnte davor, „unser Denkmalensemble zu öffnen und anzufangen, es zu verschandeln“, solange es auch andere Möglichkeiten gebe. Die Stadt etwa leiste sich seit Langem ein Biomasseheizwerk mit Hackschnitzeln aus dem eigenen Stadtwald und damit verbunden ein Nahwärmekonzept, an das noch viele Altstadtbewohner andocken könnten. Auch Zweiter Bürgermeister Hans Brummer plädierte dafür, nicht alle Dächer für Solarmodule freizugeben. Andreas Müller kann sich ein „Kataster der Dachlandschaften“ vorstellen, um zu sehen, welche Flächen in der Altstadt für Photovoltaik geeignet seien.

Auch Dachliegefenster sind künftig im Einzelfall erlaubt

Neben kleinen Schritten bei den Photovoltaikanlagen hat der Bauausschuss auch einen großen Schritt bei den in der Altstadt umstrittenen Dachliegefenstern gemacht. Kritiker sehen sie als ähnliche Fremdkörper wie Solarmodule und bemängeln, dass sie die Dachlandschaft empfindlich stören. Stadtplaner Ullrich konnte sich vorstellen, sie als Abweichung von der Gestaltungssatzung beim Ausbau von Dachgeschossen zuzulassen. Eigentlich müssten Bauherren bestehende Dachliegefenster bei einer Erneuerung in Dachgauben umwandeln. Dies sei aber nicht in jedem Fall zumutbar. Deshalb sollten sie – eingefasst in einen ziegelroten Rahmen und ohne außenliegende Rollläden – erlaubt sein.

Der Ausschuss ging noch einen Schritt weiter. Er legte sich nicht nur einstimmig darauf fest, Dachflächenfenster in „begründeten Fällen“ zuzulassen, wenn sie „das Ortsbild nicht beeinträchtigen“, sondern er sprach sich mit sieben zu vier Stimmen und gegen die Stimme des Bürgermeisters auch für die Möglichkeit aus, diese Fenster von außen zu beschatten. Die Mitglieder folgten damit der Argumentation von Stadträten wie Udo Schumann, der zu bedenken gab: „Solche Räume heizen sich im Sommer sehr stark auf.“ Es gebe heute technisch anspruchsvolle Lösungen zur Beschattung, die sich optisch sehr zurückhaltend in die Dachlandschaft einfügten. Der Stadtplaner hatte darauf verwiesen, dass Dachwohnungen im Sommer nicht über die Fenster aufgeheizt würden, sondern über die großen Dachflächen.