Von außen gleichen die Seiler-Fabrikhallen vielen anderen. Zweckmäßiger Industriebau. Kein Pomp, kein Luxus. Doch wer die traditionsreiche Manufaktur für Klavier- und Flügelbau betritt, kann schnell ins Schwärmen kommen. Dort stehen Musikinstrumente erster Güte, die seit 171 Jahren Absatz in der ganzen Welt finden. Kurios: Gerade in Zeiten von Corona steigt die Nachfrage. Offensichtlich haben viele Kunden in Kurzarbeit oder mangels Urlaubsfahrt das Klavierspielen für sich (wieder) entdeckt und bestellen sich heuer ein neues Instrument.

Der IHK-Gremialausschuss Kitzingen machte Station in dem Traditionsunternehmen, dessen Wurzeln in Polen liegen, das in Deutschland produziert und einem koreanischen Musikinstrumente-Konzern gehört. Betriebsleiter Julius Feurich zeigte den Wirtschaftsvertretern den Betrieb, der in weiten Teilen an eine Schreinerei erinnert, allerdings an eine sehr spezialisierte. Denn die Hölzer dort dienen allein dem Zweck, am Ende in ein möglichst perfektes Instrument zu münden.

Dazu müssen verschiedene Holzarten kombiniert werden, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen: Buche, Fichte, Ahorn... Die einen müssen dauerhaft stabil die Zuglast der Saiten aufnehmen, die bis zu 20 Tonnen betragen kann. Andere wiederum werden in Schwingungen versetzt, um den Ton im Raum zu übertragen. Wieder andere bilden den optimalen Untergrund für die spiegelglatte Lackoberfläche oder scheinen als edles Furnier durch.

Ein Klavierbauer muss kein Klavier spielen können

30 Mitarbeiter fertigen in Kitzingen 250 Klaviere und bis zu 60 Flügel im Jahr. Sie alle sind Klavier- und Cembalobauer, ein Beruf, in dem Seiler selbst ausbildet. Jährlich entscheiden sich zwei, drei junge Leute für diese Karriere. Übrigens können die wenigsten von ihnen Klavier spielen. Die Seiler Pianofortefabrik GmbH produziert in Deutschland, und auch die Bestandteile der Musikinstrumente kommen zu 95 Prozent aus der Heimat. 

Im Gegenzug gehen die Flügel und Klaviere in alle Welt. Etwa ein Drittel verlässt Kitzingen in Richtung China. Aber auch die USA, Australien, Russland, der Nahe Osten und die Türkei sind wichtige Abnehmerländer. Im Inland verbleiben rund 30 Prozent der Instrumente. 

Vieles wird in Handarbeit gefertigt. Unendlich viele Detailschritte sind nötig, bis ein vollständiges Piano die Fabrik verlässt. Nicht nur deshalb braucht der Klavierbau Zeit. Zeit für den geleimten Rahmen zum Aushärten, Zeit für das Instrument, sich auf die Zugkräfte einzustellen, Zeit für die vielen Lackier- und Schleifetappen. Und Ruhezeit. So dauert es etwas fünf Monate, bis ein Klavier fertig ist und neun bis zwölf Monate bei einem Flügel.

Klavier in grün, rot oder blau

Der Trend zum digitalen Klavier spielt bei Seiler noch keine große Rolle. Etwa fünf Prozent der Instrumente werden mit einer Zusatzausstattung produziert, die den Klang der Saiten abstellt und den Ton digital auf den Kopfhörer lenkt. Diese "Silent-Funktion" werde eher in den Mietwohnungen der Städte nachgefragt als auf dem Lande, erklärt Feurich.

Wenn am Ende alles perfekt ineinander gegriffen hat, entsteht ein Instrument mit dem typischen Seiler-Klang: "Transparent, rund, klar", beschreibt ihn der Betriebsleiter. Im Gegensatz dazu stehen Produzenten, die stärker auf Obertöne setzen. Doch auch Seiler passt sich Kunden an: Für China werden die Instrumente lauter und schriller intoniert als für deutsche Ohren. Und außer weißen und schwarzen Instrumenten gibt es auch schon mal ein Klavier in ferrarirot, saphirblau oder salbeigrün. Wie bei der Musik selbst: alles Geschmacksfrage.