278 000 Menschen können nicht irren. Sie alle haben sich in den vergangenen dreizehn Jahren für einen Besuch der World-Press-Photo-Ausstellung in Kitzingen entschieden. Mit einem solchen Pfund wuchert man gerne. World Press bringt nicht nur optisch einen Hauch von Welt in die unterfränkische Provinz, sondern zieht auch ein Publikum an, das bereit ist, den einen oder anderen Euro in der Stadt zu lassen. Aber wie gelingt es in Corona-Zeiten, eine Ausstellung zu organisieren, die in normalen Zeiten bis zu 29 000 Besucher in vier Wochen lockt? Das ist die Frage, die sich für die Ausgabe 2021 stellt.

Man übertreibt nicht, wenn man Volkmar Röhrig als den Vater dieser Ausstellung in Kitzingen bezeichnet. Röhrig hat die Schau einst in die Stadt gebracht, er hat den Kontakt zu den Verantwortlichen nach Amsterdam aufgebaut und über all die Jahre gepflegt. „Sie fragten mich einmal, ob man die Ausstellung nach Oslo bringen solle, und ich sagte: Ich habe eine andere Idee. Kitzingen!“ So erzählt es Röhrig heute.

2007 begann auf diese Weise die immer noch wundersame Verbindung zwischen World Press und der Stadt am Main. Kitzingen ist weltweit die kleinste Stadt, in der die Ausstellung gezeigt wird, und Kitzingen ist häufig der einzige Ort in Bayern, in denen die Bilder zu sehen sind. Die Stadt hat die Ausstellung jedes Jahr bei Röhrig angemietet und gemeinsam mit ihm entwickelt. Vergangenen Herbst hat der in Mainstockheim sesshaft gewordene Röhrig dann die Zusammenarbeit mit Amsterdam beendet, was nicht nur für Kitzingen gilt, sondern auch für andere deutsche Städte, in denen er im Auftrag von World Press unterwegs war.

Seinen Rückzug begründet er auf Anfrage so: „Ich gehe heftig auf die 70 zu. Ich bin müde, quer durch Deutschland zu reisen.“ Gern stehe er noch mit all seiner Erfahrung zur Verfügung, nur nicht mehr in vorderster Reihe. Seitdem verhandeln Städte wie Magdeburg, Jena – oder eben Kitzingen – selbst mit der Stiftung in Amsterdam. In Kitzingen hat diesen Part Herbert Müller übernommen. Über seinen Schreibtisch im Rathaus läuft die Korrespondenz.

Müller ist zwar auch schon seit 2007 in das Projekt World Press eingebunden. Trotzdem ist es kein leichtes Erbe, das er in Corona-Zeiten übernommen hat. Denn die Ausstellung jetzt einfach platzen zu lassen und erst nach Ende der Krise wieder in den Turnus einzusteigen kann sich Kitzingen im Gegensatz zu größeren Städten kaum leisten. Das Risiko wäre zu groß, die Ausstellung für immer zu verlieren. „Sie müssen sich vorstellen“, sagt Röhrig, „dass die Ausstellung nie in Städten unter 100 000 Einwohnern gezeigt wurde.“ Kitzingen spielt hier in einer Liga mit Sydney, Turin oder Berlin.

Kitzingen hat die Garantie, weiter Teil der Show zu sein

Deshalb hat der Haupt- und Kulturausschuss des Stadtrats am Dienstagabend ein klares Signal gegeben: Er ist bereit, den aus Amsterdam angebotenen Drei-Jahres-Vertrag (2021-2023) zu akzeptieren und die nötigen Finanzmittel – jährlich etwa 36 000 Euro – bereitzustellen. Im Gegenzug bekommt Kitzingen die Garantie, weiter Teil der Show zu sein.

Wie die in diesem Jahr laufen soll, ist allerdings die große Unbekannte in dieser Rechnung. Von der Verwaltung gibt es den Vorschlag eines „digitalen Stadtspaziergangs“. Vor dem Hauptausschuss hat Herbert Müller skizziert, was sich hinter dieser Idee verbirgt: Der Besucher hat verschiedene Anlaufpunkte in der Stadt, scannt mit seinem Smartphone QR-Codes und bekommt dann das entsprechende Foto samt Bildbeschreibung geliefert. „Im digitalen Format könnten wir eine Vorreiterrolle einnehmen“, sagte Müller. Technisch ließe sich das ohne Probleme umsetzen.

Zum einen aber schwingt bei dieser Lösung die Sorge mit, dass Leute ausgeschlossen würden, die „digital nicht so unterwegs sind“, wie Oberbürgermeister Stefan Güntner (CSU) bemerkte. Zum anderen – und das ist der Knackpunkt – macht Amsterdam seine Zustimmung offenbar davon abhängig, dass Kitzingen die Inhalte der QR-Codes, also Dinge wie die englische Bildbeschreibung, nicht verändern darf. Müller bereitet derzeit ein Modell vor, das er demnächst zur Prüfung nach Holland schicken will.

Parallel arbeitet die Stadt an einer Präsentation in der Rathaushalle. Wenn sich die Corona-Lage besser entwickelt als gedacht, könnte die Ausstellung dort am 28. Februar eröffnet werden und mit deutlich geringerer Besucherzahl bis 28. März laufen. Es gibt ein Hygiene- und Sicherheitskonzept, das es der Stadt laut Herbert Müller möglich macht, binnen einer Woche zu reagieren und die 100 Fotos in der Rathaushalle zu präsentieren. Die Ausstellung weiter ins Jahr zu verschieben sei nicht möglich. Kitzingen ist in diesem Zyklus immer einer der letzten Standorte. Im April gehen die Bilder zurück nach Amsterdam und werden dort vernichtet.

In jedem Fall wäre Kitzingen in der Vorreiterrolle

So oder so wäre Kitzingen Vorreiter. Gelingt es, die Bilder vor Ort zu zeigen, wäre man die erste deutsche Stadt, in der die World-Press-Ausstellung dieses Jahr zu sehen ist. Zuletzt bekam sie die breite Masse im Oktober 2020 in Flensburg zu Gesicht. Wird das Digitalkonzept umgesetzt, wäre auch dies ein absolutes Novum. Es böte laut Müller die Möglichkeit, zumindest „ein bisschen World-Press-Feeling nach Kitzingen zu bringen“.

Im Hauptausschuss des Stadtrats zeigte man sich offen für jedwede Lösung, mit der man den Bildern den Weg in die Stadt ebnet. Sabrina Stemplowski (CSU) sprach von einem „Markenzeichen für Kitzingen“. Manfred Paul (SPD) rechnete vor, die Stadt gebe umgerechnet etwa einen Euro pro Besucher aus. Jeder Besucher lasse aber durchschnittlich fünf bis zehn Euro in der Stadt. Und Volkmar Röhrig sagt: „Wir haben in vierzehn Jahren eine einmalige Tradition in Bayern geschaffen.“

In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Kitzingen sei im Zyklus der World-Press-Ausstellungen "immer der letzte Standort", das stimmt nicht. Es ist einer der letzten. Außerdem ist die Ausstellung inzwischen auch in Städten unter 100 000 Einwohnern zu sehen. Und: Sie war zuletzt im Oktober 2020 in Flensburg zu sehen, nicht in Jena. Wir bitten die Fehler zu entschuldigen.