"Biologisch nicht möglich" nannte Jugendrichter Wolfgang Hülle die Ausführungen der Angeklagten. In einer Zivilverhandlung zu einem Vaterschaftsstreit hatte die junge Frau ihren ehemaligen Freund als einzigen möglichen Kindsvater benannt. Zwei übereinstimmende Vaterschaftstests bewiesen das Gegenteil. Nun muss die Angeklagte wegen einer uneidlichen Falschaussage vor Gericht 80 Stunden soziale Hilfsdienste ableisten.
"Ich war mir sicher, dass er der Vater ist", beteuerte die junge Frau. Sie hatte vor dem Zivilrichter ausgesagt, dass sie in der möglichen Empfängniszeit nur mit diesem einen Mann intimen Verkehr hatte. Von anderen sexuellen Partnern war keine Rede gewesen.

Ein erster gerichtlich angeordneter Test schloss allerdings die Vaterschaft des Ex-Freundes aus.

Da die junge Mutter an eine Verwechslung der untersuchten Proben glaubte, ordnete das Gericht eine zweite Analyse an. Diese kam zu demselben Ergebnis: Ihr Ex-Freund konnte definitiv nicht der Vater ihres Kindes sein.
Im der gestrigen Strafprozess vor dem Jugendrichter gab die junge Frau allerdings zu, kurz vor der gesetzlichen Empfängniszeit eine Affäre gehabt zu haben. An den Namen des Herrn, mit dem sie nur eine Nacht verbrachte, könne sie sich aber nicht erinnern.
Der Richter schenkte ihr keinen Glauben: "Die gesetzliche Empfängniszeit ist derart großzügig ausgelegt, dass eine Zeugung außerhalb dieses Zeitraums nicht vorstellbar ist." Die Angeklagte müsse den Zivilrichter also angelogen haben.
Die 19-Jährige beteuerte, bei ihrer Aussage keine Hintergedanken gehabt zu haben. "Ich war mir sicher, dass er der Vater ist." Bis heute könne sie sich den Ausgang des Vaterschaftstestes nicht erklären - obwohl sie jetzt einräumte, gar nicht mehr so genau zu wissen, wann sie den One-Night-Stand mit dem anderen Mann hatte. Der Erzeuger des Kindes ist bis heute unbekannt.

"Obwohl sie wussten, dass es einen zweiten Mann gab, haben Sie das verschwiegen", warf ihr die Staatsanwältin vor.

Das erfülle den Tatbestand der Falschaussage. "Das ist mir jetzt bewusst", erklärte die 19-Jährige kleinlaut. Sie bereue nun, dass sie nicht gleich darauf hingewiesen hatte.
"Für eine Falschaussage vor Gericht fehlt mir jedes Verständnis. Als Richter ist man darauf angewiesen, dass die Menschen die Wahrheit sagen", schimpfte Wolfgang Hülle. Dass die junge Frau am Ende trotzdem um eine Verurteilung herum kam, hatte sie zu großen Teilen dem Bericht der Jugendgerichtshilfe zu verdanken. Der Vertreter des Jugendamtes stellte der jungen Mutter nämlich eine positive Sozialprognose aus: "Ihre Lehre hat sie nach der Geburt mit nur einer kurzen Pause beendet. Das erlebe ich nicht oft, wenn Frauen in ihrem Alter schwanger werden."
Jetzt sei sie auf der Suche nach einer Arbeitsstelle. Dass sie das mit einer kleinen Tochter so schafft, hat sie zum Teil auch der großen Unterstützung innerhalb der Familie zu verdanken. Und ihrem neuen Freund, mit dem sie in naher Zukunft zusammenziehen möchte. "Mit ihm ist sie seit zwei Jahren zusammen. Das scheint etwas Ernsthafteres zu sein."
Diese Einschätzung und die Tatsache, dass die 19-Jährige zum ersten Mal straffällig wurde, ließ Wolfgang Hülle noch einmal ein Auge zudrücken. Gegen die Auflage von 80 Stunden in einer sozialen Einrichtung stellte er das Verfahren vorläufig ein. Bis Ende August hat die junge Frau Zeit, die Auflage abzuarbeiten.