Im Herbst 2018 hat Iphofen einen zweiten Kindergarten bekommen. Auf einem 3600 Quadratmeter großen Grundstück unmittelbar neben der Karl-Knauf-Halle entstand ein Holzbau, in dem eine Regelgruppe und zwei Krippengruppen einzogen. Der damalige Bürgermeister Josef Mend sprach von einer Investition in die Zukunft. Aber kaum war der Leim getrocknet, erlebte die Stadt, wie die Zukunft manchmal drängen kann: Der Kindergarten war zu klein geworden. Im Februar 2019 reagierte der Stadtrat auf die neue Dynamik und beschloss die Erweiterung um eine Regelgruppe. Das damalige Ratsmitglied Rupert Maier sagte, er wundere sich, dass die Stadt in der Kürze der Zeit derart von der Entwicklung überrascht werde. „Da gibt es doch Fachleute.“ Anfang dieser Woche stand die Kindergartenleiterin Marion Beringer vor dem Stadtrat und erklärte mit Blick auf die Kinderzahlen: „Mir ist etwas mulmig geworden.“

Kommunen müssen sich am aktuellen Bedarf orientieren

Man glaubt es kaum, aber schon wieder fehlen der Stadt Räumlichkeiten für ihre Kinder. Zum nunmehr dritten Mal binnen zwei Jahren. Den Bedarf an Kita-Plätzen zu decken ist für die Stadt zum Wettlauf gegen die Zeit geworden, und zuletzt hat ihn die Stadt stets verloren. Dies mag mit der Erschließung neuer Baugebiete und dem Zuzug junger Familien zu tun haben. Letztlich ist das permanente Hinterherlaufen aber vor allem dem Umstand geschuldet, dass Kommunen Schulen oder Kindertagesstätten nicht vorauseilend bauen dürfen, sondern sich in der Größe am aktuellen Bedarf zu orientieren haben. Vom Gesetzgeber mag das gut gemeint sein, um ausufernde Bauten und Leerstände zu verhindern, es führt aber – wie im nun Falle Iphofens – zu der absurden Situation, dass der Kindergarten schon wieder expandieren muss.

Wie kommt es nun aber, dass verlässliche Prognosen so schwierig sind und immer wieder von der Realität eingeholt werden? Das Landratsamt als Aufsichtsbehörde der Kitas teilt dazu auf Anfrage mit: „Wie sich die Gemeinde insgesamt – und vor allem in welchem Zeitraum – entwickelt, ist stellenweise schwer vorherzusehen.“ Das hat nicht nur mit kalkulierbaren Daten wie Geburtenzahlen zu tun, sondern auch mit Unwägbarkeiten wie Zu- und Wegzügen oder – mehr noch – der Lebenssituation innerhalb der Familien.

Nicht alle Eltern nutzen den vom Staat verbrieften Rechtsanspruch auf Betreuung und bringen ihr Kind mit einem Jahr in die Krippe. Im Landkreis sind das laut Landratsamt 45 Prozent, während die Betreuungsquote drei- bis sechsjähriger Kinder bei 84 Prozent liegt. „Selbst wenn man wüsste, wie viele Eltern tatsächlich ihre Kinder in Krippen betreuen lassen möchten, bliebe von der Geburt bis zum frühestmöglichen Eintritt in die Kita ein Zeitraum von einem Jahr, um etwaige weitere notwendige Betreuungsplätze zu schaffen“, heißt es beim Landratsamt. Diese extrem kurze Zeitspanne macht es Kommunen wie Iphofen so schwer.

„Dass es so schnell gehen würde, überrascht mich genauso wie Sie.“
Iphofens Bürgermeister Dieter Lenzer zum Stadtrat

Auch der neue Bürgermeister Dieter Lenzer musste vor dem Stadtrat einräumen: „Dass es so schnell gehen würde, überrascht mich genauso wie Sie.“ Rasch aber wurde dem Gremium klar, dass die Stadt um einen erneuten Anbau nicht umhinkommen werde. Marion Beringer, die neben dem neuen Kindergarten St. Barbara auch die Kita St. Veit am Stadtgraben leitet, zwei Einrichtungen mit zusammen 150 Regel- und 56 Krippenplätzen, machte dies mit Verweis auf die neuesten Zahlen deutlich. Schon vor der jährlichen Bedarfsabfrage seien die Krippenplätze für das neue Kindergartenjahr im Herbst 2021 erschöpft gewesen. Seit der jüngsten Erhebung wisse sie: Es fehlen neun Plätze. Die Stadt hat die betroffenen Eltern bereits angeschrieben und die Kinder auf eine Warteliste gesetzt.

Eine Übergangslösung soll es diesmal nicht geben

Die Zeit drängt also wieder einmal. Möglichst rasch will die Stadt deshalb einen Planer finden, der die Erweiterung auf den Weg bringt. Dabei wird der Kindergarten St. Barbara im Norden um die nötigen Räume ergänzt, wie es die Stadt beim Bau im Jahr 2018 schon als Option vorsah. Ob das Projekt rechtzeitig fertig wird, ließ der Bürgermeister offen. Eine Übergangslösung, etwa das Aufstellen von Containern oder einen Teilbezug des benachbarten Jugendhauses, hat Lenzer für dieses Mal bereits ausgeschlossen. Zwar gibt es aktuell noch neun freie Krippenplätze in den Stadtteilen Hellmitzheim (sechs) und Nenzenheim (drei). Aber wird das auch eine Option für die Eltern sein?

Für Zweiten Bürgermeister Hans Brummer ist es auch dieses Wahlrecht der Eltern, das zu „Wanderbewegungen“ führe und den Kommunen die Planung so erschwere. Bislang nimmt die Stadt in ihren Kitas auch Kinder auf, die nicht in Iphofen wohnen, deren Väter oder Mütter aber in der Stadt arbeiten. „Das könnte auf absehbare Zeit sehr eng werden“, sagt Lenzer. Angesichts des rasant steigenden Bedarfs hat Stadtrat Andreas Müller die Frage aufgeworfen: Was, wenn auch der neue Kindergarten an die Grenzen der Belastbarkeit komme? „Wir müssen uns jetzt dringend überlegen, wie wir weitermachen, damit wir rechtzeitig dran sind.“ Damit die Stadt in diesem Wettlauf auch einmal Sieger bleibt.