Es ist eine Oase der Ruhe, der Garten hinter dem Reihenhaus in Schwebheim, in dem drei Generationen zusammenleben: Anja Weisgerbers Eltern Elli und Karl-Heinz, die einen Gewürzhandel betreiben, die Europaabgeordnete mit ihrem Mann Carsten Deibel und den Kindern Chiara und Nicolas.

Und es ist wie immer: Ausgerechnet heute, wo sich die CSU-Politikerin mit mir in Ruhe unterhalten will – über Politik, Ziele, Persönliches – macht uns Chiara mit fröhlichem Gequäke einen Strich durch die Rechnung. „Sonst schläft sie nach der Kita immer sofort ein“, erzählt die 37-Jährige.

Sie geht kurz nach oben, wenig später schlummert die Kleine friedlich. „Hier ist derzeit mein Lieblingsplatz“, deutet Anja Weisgerber auf den Sandkasten im Garten. „Wenn ich Zeit habe, gibt es nicht Schöneres, als dort mit den Kindern zu spielen.“ Doch Zeit ist zum raren Gut geworden für die Berufspolitikerin, die eigentlich vorhatte, als Anwältin zu arbeiten. Dass es anders kam, lag auch an Großonkel Willi Baumann, der für die CSU lange Jahre im Landtag saß. „Mit ihm habe ich mich öfter unterhalten. Außerdem hatten wir in der Schule einen Lehrer, der unser Interesse an Politik geweckt, mit uns diskutiert hat.“

Warum dann nicht Rot, Grün oder Gelb, sondern zu den Konservativen? „Ich komme aus einem mittelständisch geprägten Haushalt. Meine Eltern haben waren immer selbstständig, was vor allem selbst und ständig arbeiten heißt.“ Ein Aspekt ist Anja Weisgerber aber wichtig. „Ich habe mich aus eigener Überzeugung mit 19 für die Junge Union, mit 21 für die CSU entschieden. Meine Eltern sind mir erst viel später nachgefolgt.“

Wenn die frühere Bayerische Tennismeisterin ihre Parteiämter aufzählt, ihre politischen Aktionen, ist es fast wie beim Training an der Ballmaschine: Im Stakkato geht es ab, ohne Punkt und Komma. An dieser Stelle alles wiederzugeben, wie sie es gern hätte, ist schlicht unmöglich. Unter dem Strich steht: Mindestens zweimal war die Juristin zur richtigen Zeit am richtigen Ort: 2004, als fürs Europaparlament eine Nachfolgerin für Ursula Schleicher gesucht wurde. Und vor einigen Monaten, als es um das Mandat von Michael Glos ging. „Beim ersten Mal hat mich JU-Kollege Marco Schmitt ermuntert und gesagt: Du hast Europarecht studiert, das ist doch genau dein Ding.“ Ähnlich sah das vor zehn Jahren offenbar auch der damalige Bezirksvorsitzende Glos: „Die Nominierung habe ich auch dank seiner Unterstützung gewonnen – mit einer Stimme Mehrheit.“

Jetzt soll Weisgerber direkt in die großen Fußstapfen des ehemaligen Wirtschaftsministers treten, der nach 37 Jahren Bundestag seinen Hut nimmt, angeblich für Unternehmen wie Knauf als Berater tätig werden soll. „Für seine Nachfolge wurde jemand mit Erfahrung gesucht, der gleich voll einsteigen kann“, so Weisgerber. Sie sei daraufhin wiederholt ermuntert worden, sich zu bewerben, erklärt die Europaabgeordnete ihren etwas überraschenden Sinneswandel Richtung Berlin. Überraschend insofern, als sie vor nicht allzu langer Zeit in höchsten Tönen von der Arbeit in Brüssel und Straßburg geschwärmt hat: vom internationalen Flair im EU-Parlament, dem Fehlen von Fraktionszwang, den großen Möglichkeiten der Einflussnahme. „Das gilt weiterhin, beides hat sein Für und Wider. Ich habe eine Bauchentscheidung getroffen.“

Ein Plus für den Bundestag: Wenn dort EU-Vorgaben in nationales Recht umgesetzt werden müssen, kennt Weisgerber die Vorgeschichte bestens. „C2-Richtlinie, Luftqualität, Abfallgesetz, um nur drei Beispiele zu nennen, habe ich im EU-Umweltausschuss mitberaten.“ Binnenmarkt, Agrarpolitik, das Genossenschaftsmodell für Bürger bei der Energiewende, Mittelstandsförderung – all das seien ihre Themen. „Und es gibt bereits Signale, dass meine EU-Erfahrung bei der Besetzung von Ausschüssen gezielt genutzt werden soll.“

Wieder ist sie in ihrem Element – auch Weinbau, Mütterrente, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sollen ja nicht unerwähnt bleiben. Dabei gibt es authentischere Belege, dass Weisgerber den Slogan „Näher am Menschen“ mit Leben erfüllt: Im Antonia-Werr-Zentrum St. Ludwig zum Beispiel, wo traumatisierten Mädchen und jungen Frauen geholfen wird. Die CSU-Politikerin hat eine Expertenrunde eingeladen, die Wege für eine bessere Auslastung der hauseigenen Schule sucht. Nachher ist Schwester Agnella Kestler richtig glücklich über die konkreten Ansätze, dankt der EU-Abgeordneten. Die hatte sich vor einiger Zeit auch hartnäckig für eine Landwirtin aus der Rhön eingesetzt, die aufgrund eines Formfehlers ansonsten EU-Fördermittel hätte zurückzahlen müssen. Für die Rolle als „Anwältin der Bürger“ sieht Weisgerber künftig noch bessere Möglichkeiten. Als EU-Abgeordnete war sie für 1,3 Millionen Bürger zuständig, im Wahlkreis wären es 250 000.“

Wo aber bleibt die Zeit für sich selbst, für Familie und Freunde? „Manchmal merke ich schon, dass mir der Ausgleich fehlt.“ Zum Tennis oder zum Piano spielen kommt Weisgerber nicht mehr, Nordic Walking mit Ehemann Carsten klappt zumindest gelegentlich. „Wir helfen hier alle sehr gut zusammen und genießen dann die Momente zu viert, zu sechst oder mit Freunden umso intensiver.“ Beim Thema Zeiteinteilung ist die Kreisvorsitzende aus Schweinfurt-Land ohnehin stark, hat schon Bürobesprechungen auf dem Laufband oder dem Fahrrad absolviert. Wie gut, dass Frauen zwei Dinge gleichzeitig können.

Dr. Anja Weisgerber

Persönliches: Dr. Anja Weisgerber wurde am 11. März 1976 in Schweinfurt geboren. Sie ist mit dem Physiker Dr. Carsten Deibel verheiratet. Gemeinsam haben sie Tochter (Chiara) und einen Sohn (Nicolas). In ihrer Jugend war Anja Weisgerber mehrfache Bayerische Tennismeisterin.

Werdegang: 1995 Abitur in Schweinfurt, dann Jura-Studium in Würzburg und Lausanne, 2000 Erstes Juristisches Staatsexamen, 2001 Promotion an der Universität Würzburg, 2003 Zweites Juristisches Staatsexamen, seit 2004 Rechtsanwältin. Seit 2004 Mitglied des Europäischen Parlaments und dort Sprecherin für Umwelt, Gesundheit, Verbraucherschutz und Sport der CSU-Europagruppe. Aufgezeichnet mit einer Medaille für besondere Dienste um Bayern in einem Vereinten Europa.

Stationen: 1995 Eintritt in die Junge Union Bayern, 1997 Eintritt in die CSU, 2002 bis 2008 Gemeinderätin in Schwebheim, seit 2008 Kreisrätin im Landkreis Schweinfurt, Bezirksvorsitzende der Frauen-Union Unterfranken, Kreisvorsitzende der CSU Schweinfurt Land, Mitglied im CSU-Parteivorstand.