Die ersten urkundlichen Spuren jüdischen Lebens im Norden der Alpen datieren auf das Jahr 321 n. Chr., Kaiser Konstantin erlaubte damals Juden, höhere Ämter bekleiden zu dürfen. Im Jubiläumsjahr 2021 werden unter dem Titel "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" zahlreiche Veranstaltungen hierzu angeboten.

Museumsleiterin Simone Michel-von Dungern präsentierte in diesem Zusammenhang im, unter Einhaltung der Abstände, vollbesetzten Marktbreiter Rathaussaal die Multimediavision "Jüdisches Leben in Marktbreit – Menschen, Orte und Geschichten aus der Zeit von 1900–1940". In Zusammenarbeit mit der Leiterin des Stadtarchivs, Christiane Berneth, der Tourist Information und dem Freundeskreis für das Museum im Malerwinkel entstand der informative und bilderreiche Vortrag.

Noch heute gibt es viele Zeugnisse jüdischen Lebens in Marktbreit

Stolpersteine, ein Straßenname, Gedenktafeln und historische Gebäudeteile erinnern noch heute an die Zeit, in der jüdisches Leben selbstverständlich zum Alltag der Marktbreiter Bürger gehörte. Bereits im 17. Jahrhundert war eine Synagoge in der Pförtleinsgasse gebaut worden und diente noch im 20. Jahrhundert der zweitgrößten israelitischen Gemeinde im Landkreis als Gotteshaus. Das Gebäude blieb nach dem Novemberpogrom 1938 erhalten und wurde nach 1945 zu einem Wohnhaus umgewandelt.

Im 19. Jahrhundert praktizierten und lebten in Marktbreit drei Religionen friedlich nebeneinander, wobei sich Katholiken und Juden (31 Prozent) gemeinsam gegen die zahlenmäßig mehr als doppelt so starken Protestanten (68 Prozent) solidarisierten. Michel-von Dungern arbeitete mit Hilfe von vielen Beispielen heraus, wie alle zusammen in der Stadt lebten: kirchliche Feiern und Schulen wurden von allen besucht, der Metzger bot zusätzlich für Juden koscheres Fleisch an, Bäcker buken Matzen, Christen kauften ihre Festkleidung in den jüdischen Kleidergeschäften ein, Pflegedienste der drei Religionen versorgten alle Bürger gleichermaßen.

In der Wandervogelbewegung begann der Ausschluss jüdischer Mitglieder

War die Partnersuche für die Kinder in jüdischen Familien zwar den Eltern vorbehalten, weil diese jüdische Glaubensangehörige heiraten sollten, gab es doch immer wieder gut funktionierende Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Glaubensgemeinschaften, unüblich, aber geduldet. Auch in den Freizeitaktivitäten unterschieden sich die Einwohner verschiedenen Glaubens nicht, und so gab es einen regen Austausch, belegbar durch Einträge in Poesiealben, Fotos vom Baden und Schlittschuhlaufen sowie beim Wandern in der Wandervogelbewegung.

Aber genau hier begann in Marktbreit bereits 1913 der Ausschluss der jüdischen Mitglieder aus dem Verein, begründet mit den koscheren Koch- und Essensriten der Juden. Nach 1928 intensivierten sich nationalsozialistische Übergriffe auf Juden, besonders seit der Gauleiter Otto Hellmuth deutschvölkische Wahnvorstellungen umsetzte. 1938 wurden viele jüdische Marktbreiter in Dachau und Buchenwald ermordet, eine Gedenktafel erinnert heute an sie. In der folgenden Zeit gelang es jüdischen Bürgern aus Marktbreit, ins Ausland, vornehmlich USA und Kanada, zu emigrieren. Die Hiergebliebenen erwartete ein Schicksal in Izbica oder Theresienstadt.

Die Referentin bat zum Abschluss die Besucher, ihr alte Fotos und Dokumente zur Verfügung zu stellen, um weiterhin dieses lebendige Kapitel der Marktbreiter Stadtgeschichte erhellen zu können. Und wenn man auf den Spuren jüdischen Lebens in Marktbreit wandeln möchte, gibt es dazu auch Gelegenheit, die Tourist Information gibt gerne Auskunft.